18.12.12

Finanzkrise

Was man für Geld nicht kaufen kann – Hirn

Die weltweite Finanzkrise hat ein florierendes Genre hervorgebracht: die Finanzkrisenliteratur. Doch die Kritik an der Käuflichkeit der Welt wirft erstaunlich wenig geistigen Mehrwert ab.

Von Konstantin Richter
Foto: Disney

Er kannte noch für jede Finanzkrise eine Lösung: Dagobert Duck, nach einem kapitalismuskritischen Disney-Comic der „ärmste Mann der Welt“
Er kannte noch für jede Finanzkrise eine Lösung: Dagobert Duck, nach einem kapitalismuskritischen Disney-Comic der "ärmste Mann der Welt"

Das neue Buch des Harvard-Philosophen Michael J. Sandel heißt "Was man für Geld nicht kaufen kann". Es handelt von der fortschreitenden Ökonomisierung und beginnt mit einer Liste von Dingen, die inzwischen käuflich zu erwerben sind. Die Green Card. Das Austragen eines Babys durch eine indische Leihmutter. Das Recht, ein Schwarzes Nashorn zu schießen.

Das Buch "Was man für Geld nicht kaufen kann" kann man auch kaufen. Es ist vor ein paar Wochen auf Deutsch erschienen, kostet 19,99 Euro und gehört zur florierenden Gattung der Finanzkrisenliteratur. Während die Schwarzen Nashörner langsam aussterben, mehrt sich die Zahl der Bücher, die sich kritisch mit der bestehenden Wirtschaftsordnung auseinandersetzen. Auf den Covern sind meist fette Dollarbündel zu sehen oder unsympathische Bankertypen in Anzügen und Krawatten.

Vier Jahre liegt die Pleite der InvestmentbankLehman Brothers zurück. Der Buchmarkt spiegelt die Grabenkämpfe wider, die sich seither im ökonomischen Denken vollzogen haben. Die alten Professoren der Chicago School, die Verfechter der freien Märkte, sind in die Defensive geraten. Auf der anderen Seite stehen die Ökonomen, die schon vor der Krise die Exzesse des Finanzkapitalismus angeprangert haben, und ein paar weitere, die behaupten, sie hätten es ebenfalls getan. Dazu kommen noch die Nicht-Ökonomen, die sich plötzlich trauen, über ökonomische Dinge zu schreiben.

Sandels Lehrstuhl von Unternehmerfamilie finanziert

Sandel gehört zur letzten Sorte. Wenn der Begriff Starphilosoph kein Widerspruch in sich ist, dann ist Sandel genau so einer. Wo immer er auftritt, sind die Hörsäle brechend voll. Seinen Harvard-Kurs zum Thema "Justice" haben über die Jahre mehr als 15.000 Studenten belegt, der Mann mit der hohen Stirn muss ein glänzender Redner sein. Leider überträgt sich die Faszination, die von der Person ausgeht, nicht auf das Buch.

"Was man für Geld nicht kaufen kann" ist eine mal kuriose, mal langatmige Aneinanderreihung von Fallbeispielen, die dokumentieren sollen, wie dominant die Marktlogik geworden ist.

Wussten Sie, dass die Seite theperfecttoast.com maßgeschneiderte Hochzeitsreden für 149 Dollar anbietet? Dass jeder, der im Universal-Studios-Themenpark das doppelte Eintrittsgeld entrichtet, die Warteschlange umgehen kann? Dass das Baseballteam der San Diego Padres im PETCO Park spielt, weil der Tierfutterhersteller Petco die Namensrechte gekauft hat? Das lustigste Beispiel erwähnt Sandel nicht. Er selbst ist der "Anne T. And Robert M. Bass Professor", sein Lehrstuhl wird von einer texanischen Unternehmerfamilie finanziert. Im amerikanischen Unibetrieb ist Sandel das Äquivalent des PETCO Parks.

Dabei kommt die Theorie entschieden zu kurz, sie lässt sich auf zwei Dinge herunterbrechen. Sandels Kritik betrifft zum einen die Fairness. Die Ökonomisierung fast aller Lebensbereiche führt seiner Ansicht nach zu einer Verschärfung der Ungleichheit. Wo alles seinen Preis hat, profitieren vor allem diejenigen, die sich alles leisten können. Zum anderen glaubt Sandel, dass finanzielle Anreizsysteme andere Werte und Normen verdrängt haben. Extrinsische Motive korrumpieren die intrinsischen. Wenn Schüler für gute Noten bezahlt werden, wie in Teilen der Vereinigten Staaten üblich, vergeht ihnen die Lust am Lernen an und für sich.

Stiglitz' Kritik am Internationalen Währungsfond

Das alles ist ein gut gemeinter Denkanstoß für Leute, denen noch nicht aufgefallen ist, dass Fußballstadien VIP-Logen haben. Der eigentlichen Diskussion aber bringt "Was man für Geld nicht kaufen kann" rein gar nichts. Denn: Dass den Märkten gewisse Grenzen auferlegt werden müssen, ist keine kontroverse These mehr, gestritten wird eher darüber, wo die Grenzen gezogen werden. Muss der Staat Gastronomie und Einzelhandel in Ruhe lassen, das Gesundheitswesen aber stark reglementieren? Wie flexibel dürfen die Arbeitsmärkte sein? Und welche Rolle soll die Finanzindustrie spielen? Die Mühe, diesen und ähnlichen Fragen analytisch nachzugehen, macht sich der Starphilosoph nicht.

Gründlicher ist da schon "Der Preis der Ungleichheit", das neue Buch von Joseph Stiglitz, das sich ebenfalls mit der Fairness befasst. Nobelpreisträger Stiglitz gehört zu den Ökonomen, die schon lange gegen die Chicago School angeschrieben haben. Berühmt geworden ist er mit seiner Kritik an den marktwirtschaftlichen Rosskuren des Internationalen Währungsfonds, die seiner Ansicht nach die Krisen der betroffenen Länder intensiviert haben. So wurde Stiglitz Anfang der Nullerjahre zum Lieblingsprofessor der Globalisierungsgegner. Jetzt wiederum darf er von sich behaupten, er habe – mit einem Artikel in "Vanity Fair" – den 99-Prozent-Schlachtruf der Occupy-Bewegung ("We are the 99 percent") mitgeprägt.

Auch im "Preis der Ungleichheit" stehen Prozentzahlen am Anfang. Stiglitz kontrastiert den Anteil der obersten einProzent an amerikanischem Volksvermögen und Einkommen und Einkommenszuwächsen mit dem, was die übrigen 99 Prozent haben. Die Zahlen sprechen für sich – und es sind längst nicht mehr nur linke Ökonomen, die glauben, dass massive Ungleichheit wachstumshemmend wirkt. Auch der IWF und jüngere Anhänger der Chicago School haben sich dahingehend geäußert.

Stiglitz möchte zurück zu gezügelten Kapitalmärkten

"Der Preis der Ungleichheit" richtet sich insbesondere an Leser, die trotz allem dem amerikanischen Traum der Chancengleichheit verhaftet bleiben und die bestehenden Verhältnisse akzeptieren. Stiglitz möchte sie davon überzeugen, dass der gesamtgesellschaftliche Wohlstand in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Dass Reichtum nicht von oben nach unten sickert, wenn Eliten auf eigene Rechnung wirtschaften und Privilegien zementieren. Dabei hat Stiglitz weniger die Entrepreneure im Sinn, die für Innovationen belohnt werden wollen, als Wohlhabende, die von Kapitalerträgen leben oder Dinge tun, die, seiner Meinung nach, keinen Mehrwert schaffen – und hier denkt er vor allem an die Finanzindustrie.

Am Ende von Stiglitz' Abrechnung mit dem amerikanischen Status quo steht der Blick in die Zukunft. "Eine andere Gesellschaft ist möglich" heißt das letzte Kapitel. Das klingt visionär, ist es aber nicht. Im Wesentlichen möchte Stiglitz das Rad zurückdrehen. Gezügelte Kapitalmärkte, hohe Spitzensteuersätze, starke Gewerkschaften, Vollbeschäftigung. Über langfristige Staatsinvestitionen in Infrastruktur und Bildung glaubt Stiglitz sogar, stabile Wachstumsraten erzielen zu können und die Schulden so in den Griff zu kriegen.

Aber wie plausibel ist das? Die aufstrebenden Schwellenländer, die Arbeitsplatzverluste durch den technologischen Wandel, die Belastungen durch Klima und Ressourcenknappheit und, ja, die Staatsverschuldung – angesichts der anstehenden Herausforderungen erscheint die Rückkehr zur Wirtschaftswunderwelt der Nachkriegsjahre doch ein bisschen illusorisch.

Keynes kommt mit 500 Pfund Jahreseinkommen aus

Auch ist "Der Preis der Ungleichheit" für deutsche Leser ein viel zu amerikanisches Buch. Europa findet auf gerade mal zwei, drei Seiten statt – und das, obwohl Stiglitz Europa in mancher Hinsicht als Vorbild sieht. Was fehlt, ist der universelle Blick auf das Phänomen der Ungleichheit, auf die grundsätzlichen Fragen, die sich auch anderswo stellen. An welchem Punkt wird ein starker Staat zu mächtig oder sklerotisch? Was muss geschehen, damit die Umverteilung nicht Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum mindert? Und ist Wachstum überhaupt noch die oberste Priorität, wenn es ums Gemeinwohl geht?

Genau hier setzen die Skidelskys an. Robert Skidelsky ist der Autor einer dreibändigen Biografie von John Maynard Keynes, sein Sohn Edward ist Philosophieprofessor. "How much is enough?" heißt ihr Buch, im März erscheint es auf Deutsch. Ausgangspunkt ist ein kleiner Essay von Keynes. Der englische Ökonom prognostizierte in den Dreißigerjahren, dass die Welt im nächsten Jahrtausend über ausreichend materiellen Wohlstand verfügen werde, um auf weiteres Wachstum verzichten zu können. Für sich selbst hat Keynes dabei ein jährliches Einkommen von 500 Pfund veranschlagt, mehr brauche er nicht, um ein gutes Leben zu führen. Ähnlich genügsam wünschen sich die Skidelskys den westlichen Bürger, er soll weniger arbeiten, aber auch weniger konsumieren und sich stattdessen den intrinsisch wertvollen Dingen widmen, die nicht in Geld zu bemessen sind. Freundschaften. Naturverbundenheit. Kultur. Hobbys (aber bitte nicht Polo oder Großwildjagd).

Die Skidelskys nehmen Keynes' Essay zum Anlass, um auf ein paar Seiten durch die ganze Geistesgeschichte zu galoppieren – von Aristoteles über Adam Smith und Goethes "Faust" bis hin zu Marx und Herbert Marcuse. Die westliche Kultur hat, dieser Darstellung zufolge, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und die Sünde der Habgier instrumentalisiert, um die materielle Not auszurotten. Das sei im Wesentlichen geglückt. Bloß sei dabei der Bezug zu vorkapitalistischen Konzepten des guten Lebens verloren gegangen. Der Wachstumsdrang habe sich über sein Ziel hinaus verselbstständigt.

Anschaffung von "How much is enough?" lohnt

Gegen die im Buch skizzierte Vision eines guten Lebens lässt sich einiges sagen, insbesondere dort, wo die Skidelskys konkret werden. Ein bedingungsloses Grundeinkommen schlagen sie vor, eine progressive Konsumsteuer und die Verringerung der Arbeitszeit auf ein paar Stunden pro Tag – lauter Maßnahmen also, die auf einen beträchtlichen Wohlstandsverlust hinauslaufen. Das ist, politisch gesehen, völlig unrealistisch. Die meisten Menschen würden sich zum Verzicht kaum zwingen lassen, selbst wenn sie dafür weniger arbeiten dürften.

Trotzdem wäre es zu einfach, sich über "How much is enough?" lustig zu machen. Die Zahl derer, die das, was den Skidelskys im Großen vorschwebt, im Kleinen leben, wächst ja. Es gibt – in bestimmten Milieus – immer mehr Leute, die freiwillig auf Fernseher, Autos und andere Luxusgüter verzichten, obwohl sie das Geld dazu hätten. Die lieber Theater oder Musik machen als Karriere. Die Gehaltseinbußen in Kauf nehmen, um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Und der Zweifel am Wachstumszwang ist längst nicht mehr auf linke Aussteiger und Tierschützer beschränkt, er reicht weit ins konservative Establishment hinein. Bloß ist völlig unklar, wie eine Gesellschaft, die nicht mehr ums Wachstum kreist, organisiert sein soll. Darum lohnt sich die Investition in "How much is enough?" doch.

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