17.12.12

Verlag

Der tiefe Fall des hohen Hauses Suhrkamp

Eine Verlegerin auf Abruf, eine Auflösungsklage, ein Rechenfehler und zahllose offene Rechnungen: Suhrkamp, der berühmteste deutsche Verlag steht nun am Abgrund. Die Geschichte einer Eskalation.

Von Richard Kämmerlings
Foto: Andreas Chudowski/laif

Stein des Anstoßes: Die Villa von Ulla Berkéwicz in der Gerkrathstraße 6 in Berlin-Nikolassee
Stein des Anstoßes: Die Villa von Ulla Berkéwicz in der Gerkrathstraße 6 in Berlin-Nikolassee

Das Jahr 2003 ist ein anstrengendes Jahr für Ulla Unseld-Berkéwicz. Es ist, zunächst, ein Jahr der Trauer. Im Oktober 2002 ist Siegfried Unseld gestorben. Seine Witwe tritt das Erbe an. Über eine Familienstiftung, der Unseld seine Verlagsanteile von 51 Prozent vererbt hatte, gehört Ulla Berkéwicz nun die Mehrheit am Verlag. Mit dem Ende des Trauerjahrs, im Oktober 2003 übernimmt sie persönlich den Vorsitz der Geschäftsführung. Ulla Unseld-Berkéwicz wird zu derSuhrkamp-Verlegerin, die sie heute immer noch ist.

Das "noch" muss man hier betonen. Denn am vergangenen Montag stellte das Berliner Landgericht in einem sensationellen und von den Beteiligten vollkommen unerwarteten Urteil fest, "dass in der Gesellschafterversammlung der Beklagten vom 17.11.2011 folgender Beschluss gefasst worden ist: 'Frau U…-B… wird als Geschäftsführerin aus wichtigem Grund abberufen.'" Die dreiköpfige Geschäftsführung hatte 2010 in der privaten Berliner Villa von Ulla Berkéwicz 552 Quadratmeter auf Verlagskosten angemietet und ausgestattet. Der Minderheitsgesellschafter Hans Barlach, dem Suhrkamp zu 39 Prozent gehört, hatte von diesem Vorgang erst eineinhalb Jahre später erfahren und daraufhin in der Gesellschafterversammlung die Abberufung der Geschäftsführung beantragt. Barlach spricht von Veruntreuung der Verlagsgelder.

Hochbedeutender Verlag, kleinkariertes Ringen

Das Gericht ist Barlach gefolgt. Wenn das Urteil rechtskräftig wird (man will zunächst Berufung einlegen, ein Gang bis vor den Bundesgerichtshof ist möglich), dann wird, so muss man wohl in etwas paradoxem Tempus formulieren, Ulla Unseld-Berkéwicz bereits seit dem vergangenen Jahr nicht mehr Verlegerin gewesen sein. Das ist aber noch nicht alles: Zudem droht in einem parallel geführten Prozess in Frankfurt am Main die Auflösung der ganzen GmbH und Co. KG namens Suhrkamp: Hier wollen die beiden Gesellschafter jeweils den Ausschluss der Gegenseite; in der Regel ist das Ergebnis dann die Liquidation des ganzen Unternehmens.

Endet so die Ära Berkéwicz bei Suhrkamp? Darf sie so enden, mit einem juristischen Gewürge und Gezerre ohnegleichen? Es ist leicht, die riesige Fallhöhe zu markieren: zwischen einem nach wie vor hochbedeutenden Literatur- und Sachbuchverlag mit einer einzigartigen Geschichte und einem kleinkariert und verbohrt erscheinenden Ringen vor Gericht, wo es doch, verglichen mit dem kulturellen Kapital, das Suhrkamp darstellt, um Peanuts zu gehen scheint, um Kleingeld. Freilich das Kleingeld anderer Leute. Und vielleicht ist eben auch dieses Kleingeld ein Symptom, zumindest dafür, dass das Geld bei Suhrkamp ziemlich locker sitzt.

Man muss noch einmal ins Jahr 2003 gehen, um zu verstehen, was hier passiert. Einerseits, weil 2003 das Jahr war, in dem eine andere Entwicklung für Suhrkamp noch denkbar war. Ulla Unseld-Berkéwicz war noch nicht Verlegerin. Sondern Vorsitzende der Siegfried-und-Ulla-Unseld-Familienstiftung, die bei Suhrkamp Komplementär, also Mehrheitsgesellschafter war. Die Geschäfte führte damals, noch von Unseld verantwortet, Günter Berg, ein dynamischer, aufstrebender Mann Anfang vierzig, heute der Chef des Hamburger Verlags Hoffmann und Campe.

Berkéwicz polarisierte schon immer

Und es gab auch noch einen ebenfalls von Unseld eingesetzten Stiftungsrat, dem die schwergewichtigen Suhrkamp-Autoren Jürgen Habermas, Hans Magnus Enzensberger, Wolf Singer, Adolf Muschg und Alexander Kluge angehörten und der die Geschicke des Verlags mitbestimmen und Kontinuität garantieren sollte. Die damaligen Mitgesellschafter, der Schweizer Andreas Reinhart und Unselds Sohn Joachim, waren bereits gegen die ganze Stiftungskonstruktion gewesen; jetzt mussten sie tatenlos zusehen, wie die Machtverhältnisse im Verlag neu geregelt wurden.

Am Ende des Jahres hatte Berg das Handtuch geworfen, weil der Eintritt der Witwe ins operative Geschäft seine Kompetenzen heftig beschnitt; der Stiftungsrat war geschlossen zurückgetreten, weil er merkte, dass sein Rat bei alledem in der Praxis gar nicht gefragt war. Ulla Berkéwicz hatte damit nicht nur das materielle, sondern auch das geistige Erbe ihres Mannes angetreten. Und offenbar war in der Erbmasse auch sein Machtinstinkt mit drin gewesen.

Ulla Berkéwicz hat immer schon polarisiert. Seit die frühere Schauspielerin mit ihrer ersten Buchveröffentlichung "Josef stirbt" 1982 quasi über Nacht in der Suhrkamp-Szene aufgetaucht und den für weibliche Reize ohnehin anfälligen Unseld in ihren Bann geschlagen hatte, beschäftigte sie ihre Umgebung und bald auch die Öffentlichkeit. In seinem Suhrkamp-Schlüsselroman "Die ganze Wahrheit" (2010) hat der Schriftsteller Norbert Gstrein, einst ein enger Vertrauter, in seiner Figur der Dagmar die Legenden, üblen Nachreden und Gerüchte zusammengefasst, die über Ulla Berkéwicz so im Umlauf sind.

Berkéwicz Glück mit einem Bestseller

Zwei Topoi tauchen dabei immer wieder auf: Das Rollenspiel, die Neigung zur Pose und die Gabe der Verstellung gehörten sehr früh zu ihrem Image; später kam das Märchenmotiv der Hexe und der bösen Stiefmutter hinzu. Letzteres lag vor allem an ihrer zentralen Rolle im Unseldschen Familiendrama: Ende 1986 hatte Hilde Unseld ihren Mann nach über 35 Jahren wegen seiner Geliebten verlassen. Kurz nach der Heirat von Siegfried und Ulla 1990 kommt es zum Bruch zwischen dem Vater und Sohn Joachim, der als Verleger-Nachfolger vorgesehen ist – das Urtrauma aller Suhrkamp-Verwicklungen.

Dass diese schöne, ganz offen scheinende und trotzdem immer etwas mysteriöse Frau, ebenso kühl berechnend wie pathetisch und emotional, dass diese Frau das Zeug zur Verlegerin haben sollte, hätten noch zu Unselds Lebzeiten wenige gedacht. Und sie hatte auch das Glück, dass gleich 2003 mit dem Weltbestseller "Der Schatten des Windes" von Carlos Ruiz Zafón, der im Insel Verlag erschien, ein einzelnes Buch alle ökonomischen Probleme löste.

Doch Suhrkamp kam nicht zur Ruhe. 2004 verließ Martin Walser den Verlag, ein unerhörter Vorgang, war Walser doch lange Zeit einer von den Unseld am nächsten stehenden Autoren gewesen. 2006 ging mit Rainer Weiss eine weitere langjährige Führungskraft im Streit. Bei den Minderheitengesellschaftern lagen die Nerven blank.

Ein erster Angriff auf die Festung Suhrkamp

Bei Joachim Unseld sowieso, der gegen die Witwe prozessierte, weil er sich um sein Erbe betrogen sah, aber auch damals schon die Misswirtschaft beklagte, für die er als Kommanditeur geradestehen musste. 2009 stieg er aus, nachdem es einen weiteren Rechtsstreit um den geplanten Umzug des Verlags von Frankfurt nach Berlin gegeben hatte. Für Joachim, der die kleine Frankfurter Verlagsanstalt führt, war es schier undenkbar, das Lebenswerk seines Vaters nach Berlin zu verpflanzen. Es war ein Traditionsbruch.

Dann gab es noch die Schweizer Unternehmerfamilie Reinhart, die von den Anfängen, von 1950 an, im Boot gewesen war, damals vermittelt durch den Suhrkamp-Autor Hermann Hesse. Zunächst war man Mäzen; dann hat man jahrzehntelang profitiert. Doch 2006 hatte man auch genug. Andreas Reinhart beklagte öffentlich das "Herausmobben" von Geschäftsführern und allgemein den Führungsstil von Ulla Berkéwicz.

Als er seine verbliebenen 29 Prozent der Anteile 2006 an das Hamburger Duo Claus Grossner und Hans Barlach verkaufte, ging ein Aufschrei durch die Feuilletons, vom Angriff auf die "Festung Suhrkamp" war die Rede, doch hatten die beiden ihre Möglichkeiten offenbar vollkommen überschätzt. Von Beginn an fand man sich vor Gericht wieder, Suhrkamp zweifelte bereits an, dass der Erwerb der Anteile rechtlich korrekt gewesen sei. Damit kam man nicht durch.

Barlach zeigt sich äußerst risikobereit

Der eine Angreifer Grossner, ein undurchsichtiger Investmentbanker und Salonlöwe, mit salbadernder Rhetorik und hochfliegenden, grotesk versponnenen Plänen, ist 2010 gestorben. Die damals gegründete Medienholding Winterthur existiert aber noch und auch das Projekt, die vermeintlich überforderte oder Gelder veruntreuende Geschäftsführung bei Suhrkamp zu übernehmen oder jedenfalls über sie mitzuentscheiden. Dieses Projekt betreibt Hans Barlach jetzt eben alleine – bis heute.

Wer aber ist dieser Barlach, der an allen Fronten gegen Ulla Berkéwicz antritt und dabei riskiert, im äußersten Fall den ganzen Verlag zu zerstören? In Hamburger Medienkreisen jedenfalls hat Hans Barlach keinen sonderlich guten Ruf. Der Galerist hatte sich 1984 an der defizitären linksliberalen Wochenzeitung "Hamburger Rundschau" beteiligt und sie 1998 komplett übernommen, bevor er 2000 das Blatt einstellte. Die Branche wurde auf ihn aber erst aufmerksam, als er 1999 zusammen mit dem Versandhauserben Frank Otto dem Gruner + Jahr-Konzern die Boulevardzeitung "Hamburger Morgenpost" abkaufte.

Mitarbeiter der "Mopo" erzählen heute, der Kunstkaufmann sei bereit gewesen, hohe Risiken einzugehen, und werde mitunter unterschätzt. So auch von seinem damaligen Kompagnon Otto: Der wollte 2003 33 Prozent der "Mopo"-Anteile an Christian Heinrich, den Verleger der "Kieler Nachrichten", verkaufen. Doch Barlach machte von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch und erwarb die Anteile für 1,7 Millionen Euro. Das Geld hatte er sich von der Verlagsgruppe Bauer geliehen. 2004 übernahm er auch die restlichen Anteile Ottos. Für Barlach war das hochriskant, aber am Ende sehr lukrativ. 2006 kaufte ihm die Mecom Group des britischen Finanzinvestors David Montgomery für geschätzte 24 Millionen Euro die "Mopo" ab.

Burda lieh Barlach Geld für "TV Today"

Für erheblichen Unmut sorgte aber ein anderer Deal Barlachs in Hamburger Medienkreisen: 2004 suchte Gruner + Jahr einen Käufer für seine Programmzeitschrift "TV Today". Abermals trat Barlach auf den Plan. "Er erzählte uns, ein Schweizer Investor habe ihm den Preis von 15 Millionen Euro vorgestreckt", erinnert sich ein hochrangiger G+J-Manager, der in das Geschäft involviert war. "Er sicherte uns zudem zu, dass er kein Strohmann eines Großverlages sei."

Er sei auch kein Strohmann gewesen, sagt Barlach. Allerdings hatte er das Geld nicht von einem Schweizer Investor, sondern vom Münchner Zeitschriftenhaus Burda bekommen. Auch das ist für Barlach kein Widerspruch: Er habe nie von einem "Schweizer Investor" gesprochen, sondern nur von einer "Schweizer Finanzierung", da die Auszahlung des Darlehens über Basel abgewickelt worden sei.

Ergebnis des Ganzen jedenfalls war, dass Burda 2005 "TV Today" übernahm, die Redaktion entließ und den Titel seither von der Mannschaft des Schwesterblatts "TV Spielfilm" produzieren lässt. Ein Verlagssprecher sagte damals, im Zusammenhang mit der Darlehensgewährung habe man sich vertraglich die Möglichkeit einer Beteiligung offengehalten. Der G+J-Manager bleibt dabei: "Barlach hat uns zweimal belogen. Er ist kein ehrbarer Hamburger Kaufmann." Der "FAZ" hat Barlach gerade gesagt, die Verlage, mit denen er gearbeitet habe, hätten "alle noch ihre Mitarbeiter".

Berkéwicz entscheidender Fehler

Das alles ist unschön, aber Barlach ist nicht auf irgendwelchen krummen Wegen zu seinen Suhrkamp-Anteilen gekommen. Und die Lage hatte sich zwischenzeitlich auch entspannt. Dem Umzug nach Berlin hat er zugestimmt, und für einen Moment konnte es so aussehen, als sei endlich Ruhe bei Suhrkamp eingekehrt nach einem Jahrzehnt der Rechtsstreitigkeiten, an denen sich vor allem die Anwälte des Verlages eine goldene Nase verdient haben dürften.

Und dann kauft sich Ulla Berkéwicz eine Villa in Berlin-Nikolassee und lässt sie äußerst luxuriös umbauen. Von vornherein ist das Anwesen an der Gerkrathstr. 6 als repräsentative Adresse des Verlag vorgesehen. Mit dem Umzug des Verlags nach Berlin wird die bisherige Dependance in der Fasanenstraße aufgegeben. Und natürlich hat Berkéwicz dabei das Frankfurter Vorbild im Sinn: die inzwischen immer noch einmal im Jahr für den traditionellen Kritikerempfang zur Buchmesse entstaubte Unseld-Villa in der Klettenbergstraße. Sie wird mit dem neuen Haus nicht nur ersetzt, sondern geradezu überbaut. Das Frankfurter Haus, wo sich die Kritiker reinquetschen, dürfte in die Berkéwicz-Villa gleich mehrfach passen, vom Garten, den man wohl eher einen Park nennen kann, ganz zu schweigen.

Man kann das übertrieben finden, aber gegen Reichtum und Glanz ist ja gerade im sonst eher unglamourösen deutschen Literaturbetrieb nichts einzuwenden. Doch macht Ulla Berkéwicz nun einen entscheidenden Fehler: Sie vermietet einen großen Teil der Villa, in der zum Beispiel auch ihr Chauffeur wohnt, an den Verlag, dessen Geschäftsführerin sie ist. Kostenpunkt 6600 Euro im Monat. Und sie hat dem Verlag auch Einrichtungsgegenstände auf die Rechnung gesetzt, "Möbelstücke, Küchen", wie Barlach sagt.

Bei der Nebenkostenabrechnung verrechnet

Das Problem ist allerdings: Es ist nicht allein ihr Verlag, wie es auch nie der Verlag Siegfried Unselds war. Die Reinharts hatten keinen Grund, der Geschäftsführung zu misstrauen. Barlach tut das aber und stößt auf den merkwürdigen Deal, der, selbst wenn er legal gewesen wäre, ein seltsames Licht auf die Geschäftsführung wirft. Warum muss man für gelegentliche Veranstaltungen gleich das ganze Ding dauerhaft mieten? 552 Quadratmeter sind ziemlich viel Platz, um da ab und zu mal einen Gastautor aus Lateinamerika unterzubringen.

Man hatte geglaubt, es bestehe keine Informationspflicht, weil im Gesellschaftervertrag offenbar eine Grenze von 75.000 Euro für solche Ausgaben festgelegt ist. Erst danach muss der Kommanditist zustimmen. Doch ist man bei der peinlich genauen Berechnung der Konstruktion von der Kaltmiete ausgegangen. 6600 Euro beträgt aber die Miete mit Nebenkosten und mal zwölf macht das nach Adam Riese 79.200. Dumm gelaufen. Es wäre ein bitterer Scherz des Weltgeistes, wenn der Suhrkamp Verlag am Ende an einer Nebenkostenabrechnung zugrunde ginge.

Man hat die Gefahr, die dem Verlag durch solches Geschäftsgebaren droht, vollkommen unterschätzt. Noch zwei Tage vor dem Berliner Urteil gab Suhrkamp-Anwalt Peter Raue der"Berliner Morgenpost" ein Interview, in dem er dem Verfahren nur "untergeordnete Bedeutung" zubilligen wollte, er sehe dem "gelassen" entgegen; Barlach habe eben eine "Klagewut" und sei von Hass getrieben. Wütend sind allerdings, wie man hört, vor allem die Suhrkamp-Mitarbeiter, weil die Gefahr so unterschätzt wurde. Was hat man nun von der Versicherung des Anwalts zu halten, auch Barlachs Frankfurter Antrag auf Auflösung des Verlags habe "keine Chance"?

Was passiert mit der Backlist?

Wenn man mit Gesellschaftsrechtlern spricht, hört man, dass in Präzedenzfällen genau das passiert ist. Wenn beide Seiten stur bleiben und nicht an den anderen verkaufen wollen, bleibt den Richtern kaum eine andere Wahl, da kann Suhrkamp noch so berühmt und kulturell wertvoll sein. Sollte Ulla Berkéwicz den Plan verfolgen, in beiden Fällen notfalls bis in die letzte Instanz, also zum Bundesgerichtshof zu gehen, könnte sich das als fatale Augen-zu-und-durch-Taktik erweisen. Barlachs Schadenersatzforderungen steigen von Monat zu Monat, der Mietvertrag läuft ja weiter.

Wie kann eine Geschäftsführung überhaupt handeln, wenn über ihr das Damoklesschwert einer rückwirkenden Abberufung schwebt? Bei einer Auflösung würde sowohl ihr als auch den Gesellschaftern das Heft aus der Hand genommen. Ähnlich wie bei einer Insolvenz könnte das Gericht sogenannte Abwickler bestimmen, die die Gesellschaft liquidieren. Im Fachchinesisch: Die Suhrkamp GmbH und Co KG müsste ihre "werbende Tätigkeit" einstellen und würde zu einer "sterbenden Gesellschaft", so der juristische Begriff.

Was dann aus Suhrkamp würde, ist so schwer vorauszusehen, dass es von beiden Seiten unverantwortlich wäre, es darauf ankommen zu lassen: Was wird aus den Mitarbeitern, was ist mit den Autorenrechten, was passiert mit der Backlist? Liest man seine jüngsten Äußerungen, so scheint sich auch Barlach nicht ganz im Klaren darüber zu sein, was eine Auflösung bedeuten könnte. Imworst case würde von Suhrkamp und Insel nichts als der Name bleiben. Die Marke würde sich schon irgendein Bertelsmann oder Holtzbrinck sichern.

Jeder Vollpfosten darf auf sein Recht pochen

Barlach sitzt aber am längeren Hebel. Er hat nichts zu verlieren; sein Geld wird er aus dem Verlag dann schon zurückkriegen. Dass er keine emotionale oder ideelle Bindung an den Verlag hat, kann man ihm natürlich vorwerfen, wie das alle tun, die ihn nur als skrupellosen Investor wahrnehmen. In der Schlacht ist das aber ein entscheidender Vorteil. Joachim Unseld, der Barlach aus eigener Erfahrung nur zu gut verstehen kann, spricht offen von seiner Beißhemmung, für die Durchsetzung seiner wie auch immer berechtigten Interessen den Untergang des Verlags zu riskieren.

Joachim, der Sohn, fühlte sich emotional immer noch als Suhrkamp-Verleger, ein Phantomschmerz, der ihn vor der letzten Konsequenz zurückschrecken ließ. Oder er war einfach zu vernünftig. Reinhart hätte schon gar nicht den offenen Krieg gesucht. Obwohl es nach Unselds Tod vielleicht Mittel und Wege gegeben hätte, als Minderheitsgesellschafter mehr Einfluss durchzusetzen. Die jetzige Situation ist insofern völlig neu.

Barlach mag ein Wichtigtuer sein, ein Kapitalist, der Kultur spielen will, ein starrköpfiger, gar von Hass getriebener Mensch. Das alles spielt aber vor Gericht keine Rolle, denn in Deutschland dürfen, zum Glück, auch die letzten Vollpfosten auf ihre Rechte pochen.

Der Ball liegt aufseiten Suhrkamps, bei Ulla Berkéwicz. Sie muss einsehen, dass sie diesen apokalyptischen Endkampf nicht gewinnen kann, sondern um den Fortbestand Suhrkamps willen einen Kompromiss suchen muss. Der kann nach Lage der Dinge nur in einer neuen Geschäftsführung bestehen, die auch ein Hans Barlach akzeptieren würde. Man sollte besser anfangen, sich nach geeigneten Personen umzusehen. Es dürfte unter den fähigen Verlegern nicht allzu viele geben, die sich um einen Spitzenjob im Hause Suhrkamp reißen.

Der Verlag steht am Abgrund

Die Auseinandersetzung lähmt den Verlag nicht nur psychologisch. Nach Auskunft des Berliner Kulturstaatssekretärs André Schmitz liegt ein unterschriftsreifer Vertrag über ein Grundstück vor, auf dem Suhrkamp seinen neuen Verlagssitz bauen will. Momentan residiert der Verlag noch im ursprünglich auf zwei Jahre vorgesehenen Provisorium an der Pappelallee am Prenzlauer Berg (die Verlegerinnenvilla nicht zu vergessen). Doch hier müsste Barlach auch seine Zustimmung geben; solange er das nicht tut, bewegt sich gar nichts.

Der Verlag steht am Abgrund, da hilft weder Schönrednerei noch die Diffamierung der Gegenpartei. Wenn die Geschäftsführung das nicht sieht, stellt sie gerade dadurch unter Beweis, dass sie dem Unternehmen mehr schadet als nutzt. Eine verantwortungsvolle Leitung müsste zwischen derart zerstrittenen Gesellschaftern zu vermitteln versuchen. Das ist momentan unmöglich.

2003 hat sich Ulla Berkéwicz zur Verlegerin gemacht. In Bezug auf das Programm hat sie das besser, viel besser gemacht als erwartet. Aber weil sie von Beginn an keinen Kompromiss mit Joachim Unseld und Reinhart finden konnte, hat sie es einem Barlach indirekt überhaupt erst ermöglicht, bei Suhrkamp einzusteigen. Auch ihre Selbstherrlichkeit hat die Situation so eskalieren lassen. Jetzt müsste sie sich aus der Geschäftsführung wieder zurückziehen, um den Verlag zu retten. Wenn die ständige Beschwörung von Unselds Erbe mehr ist als Rhetorik, muss sie verzichten.

Die Siegfried-und-Ulla-Unseld-Familienstiftung, jene ingeniöse Konstruktion, die Unseld kurz vor seinem Tod gründete und als deren Vorsitzende Ulla Berkéwicz bei Suhrkamp das Sagen hat, hat – neben der Versorgung der Familie – den Zweck, "Kontinuität, Ruf und literarischen Anspruch der Suhrkamp/Insel Gruppe zu wahren, zu fördern und ungeschmälert zu erhalten". Dazu gehören auch prestigeträchtige Verlagsempfänge. Oder literarische Meisterwerke im Frühjahrsprogramm. In der jetzigen Situation aber ist das alles nebensächlich. Es ist Ulla Berkéwicz' Pflicht, den Untergang Suhrkamps zu verhindern.

Mitarbeit: Kai-Hinrich Renner

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