16.12.12

Albert O. Hirschman

"Eine Ökonomie ohne Moral kann es nicht geben"

Soziologe, Möglichkeitsmensch, mutiger Mann: Der deutsch-amerikanische Wissenschaftler Albert O. Hirschman half, den Marshallplan zu konzipieren. Jetzt verstarb er im Alter von 97 Jahren.

Von Wolf Lepenies
Foto: IAS/Princeton

Spielte mit den Grenzen der Vernunft: der Ökonom und Soziologe Albert O. Hirschman (1915 – 2012)
Spielte mit den Grenzen der Vernunft: der Ökonom und Soziologe Albert O. Hirschman (1915 – 2012)

Am 10. Dezember verstarb in der Nähe von Princeton, New Jersey, der amerikanische, 1915 in Berlin geborene Ökonom Albert O. Hirschman. Bereits zu Lebzeiten wurde er in den Sozialwissenschaften zum Klassiker – und blieb ein engagierter und mutiger Humanist. Er liebte es, Disziplingrenzen zu überschreiten, kritisierte die Entwicklungspolitik ("The Strategy of Economic Development" 1958), untersuchte den Leistungsabfall in Unternehmungen, Organisationen und Staaten ("Exit, Voice and Loyalty" 1970) und beschrieb die Gründe für den Sieg des Kapitalismus ("The Passions and the Interests" 1977).

Außerdem interessierte er sich für das Schwanken der Bürger zwischen Privatwohl und Gemeinwohl ("Shifting Involvements" 1982), entlarvte die Sprache der radikalen politischen Rechten ("The Rhetoric of Reaction" 1991) und wurde nicht müde, eigene Ansichten in Frage zu stellen ("A Propensity to Self-Subversion" 1996).

Hirschman verabscheute nicht nur politische, sondern auch intellektuelle Diktaturen. Sich selbst nannte er, mit einem Wort Robert Musils, einen "Möglichkeitsmenschen". Typisch für ihn war das Gegen-den-Strich-Argumentieren, die augenzwinkernde Lust am Probehandeln. Dem Ausrufezeichen überheblicher Theorieproduzenten – "So ist es!" – setzte Hirschman die bescheiden klingende, aber wirkungsvolle Frage entgegen: "Ist es so?" Und dann kam sein Ausrufezeichen: "Das wollen wir doch einmal sehen!"

Man lernte stets von ihm

Weil er ein Möglichkeitsmensch war, wurde Hirschman nicht zum Schulenbildner – und wollte es auch nicht sein. Es gab bei ihm keine festgefügte Terminologie und erst recht keinen Jargon, der die Nachahmung eines Autors erst möglich macht. Hirschman schrieb ein wunderbares Englisch, das die Muttersprache des Autors, ein angenehm altmodisches und korrektes Deutsch, nicht verleugnete. Man lernte stets von ihm – und wurde nie gelangweilt.

Das Geburtshaus Otto Albert Hirschmanns stand in der Nähe des Potsdamer Platzes in Berlin. Am Französischen Gymnasium machte er 1932 sein Abitur. Früh engagierte er sich in der sozialistischen Jugendbewegung. Protestantisch getauft, aber aus einer jüdischen Familie stammend, musste Hirschmann 1933 vor den Nazis fliehen, studierte in Paris und an der London School of Economics und promovierte in Triest über französische Außenhandelspolitik. 1941 erhielt er mit einem Rockefeller-Stipendium eine Einreisegenehmigung in die USA.

Hirschmann wurde Amerikaner und musste bei der Einbürgerung auf ein "n" in seinem Namen verzichten; bereits in Frankreich hatte er die Reihenfolge seiner Vornamen gewechselt. Von 1943 bis 1945 diente er in der Army und kämpfte in Nordafrika und Italien. Als Professor in Columbia, Yale und Harvard beriet Hirschman das Federal Reserve Board in Washington und Regierungen in Südamerika; er half, den Marshallplan zu konzipieren.

Mutiges politisches Engagement

Seit 1974 war er Mitglied des Institute for Advanced Study in Princeton, wo er zusammen mit dem Anthropologen Clifford Geertz die School of Social Science aufbaute, die Sozialwissenschaftler aus aller Welt prägte. Hirschman war Ehrendoktor der FU Berlin und kehrte von 1990 bis 1995 regelmäßig nach Berlin zurück – als Fellow des Wissenschaftskollegs.

Außergewöhnlich war das Leben Albert Hirschmans in der für ihn selbstverständlichen, ganz unpathetischen Verbindung intellektueller Interessen mit mutigem politischen Engagement. Im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte er auf Seiten der Republikaner, im Italien Mussolinis ging er in den antifaschistischen Untergrund, schloss sich dann der französischen Armee an und wurde nach der Kapitulation und Demobilisierung Mitglied des Emergency Rescue Committees, das Varian Fry im unbesetzten Marseille gegründet hatte.

Von dort aus organisierten Fry und Hirschman tollkühne Rettungsaktionen, mit denen sie deutsche Emigranten – darunter Heinrich Mann und Franz Werfel – über die französisch-spanische Grenze in Sicherheit brachten. Hirschman selbst legte sich das Pseudonym Abel Hermant zu, wurde von Freunden aber nur Beamish genannt, Strahlemann. Beamish geriet in Gefahr, weil er zu viele "gute falsche Papiere" hatte.

Ein Mann mit vielen Eigenschaften

Dazu gehörten ein französisches Soldbuch, eine Geburtsurkunde aus Philadelphia, ein Entlassungsschein aus der amerikanischen Armee und Mitgliedsbücher von einem halben Dutzend Organisationen. Hirschman machte sich über sich selbst lustig: Er verglich sich mit einem Verbrecher, der gefasst werden wird, weil er zu viele Alibis hat.

Der Mann zu vieler Alibis war ein Mann vieler Eigenschaften. Heute, da sichtbar wird, wie sehr eine sich selbst als strenge, wertfreie Wissenschaft missverstehende Ökonomie zur weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise beigetragen hat, ist ein Bekenntnis Hirschmans besonders aktuell. Es ist sein Plädoyer für eine Ökonomie, die wie andere Sozialwissenschaften wieder zu einer "moral science" wird.

"Moral gehört", wie Hirschman schrieb, "in den Mittelpunkt der sozialwissenschaftlichen Arbeit. Dorthin gelangt sie nur, wenn die Sozialwissenschaftler selbst moralisch sind und sich den Sinn für die Verletzung moralischer Belange bewahren." In einem Fach, das sich seines moralischen Engagements nicht schämt, sah Hirschman die Sozialwissenschaft der Zukunft. Er nannte sie eine "Wissenschaft für unsere Enkel". Wir haben sie heute dringender nötig denn je.

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