16.12.12

Hans Sahl

Einer der wortmächtigsten Zeugen des Jahrhunderts

Der Schriftsteller Hans Sahl war ein so sensibler wie scharfsichtiger Beobachter des 20. Jahrhunderts. Die soeben erschienene Sammlung seiner Essays bringt Sahls Tugenden glanzvoll zur Geltung.

Von Marko Martin
Foto: picture-alliance / dpa

Der deutsch-amerikanische Schriftsteller Hans Sahl am 17.11.1992 in Tübingen.
Der deutsch-amerikanische Schriftsteller Hans Sahl am 17.11.1992 in Tübingen.

Der Schriftsteller Hans Sahl blieb zeitlebens Solitär – aber verschmähte schon aus Geschmacksgründen die Pose des einsamen Mahners. 1902 in einer jüdischen Familie in Dresden geboren, 1933 aus Nazi-Deutschland geflüchtet und nach Lagerhaft in Frankreich schließlich via Lissabon in die Vereinigten Staaten entkommen, übersiedelte er erst 1989 wieder auf den alten Kontinent – ins beschauliche Tübingen, wo den erzsympathischen Greis viele Nachgeborene aufsuchten, darunter auch der Verfasser dieser Zeilen.

"Wir sind die Letzten/ Fragt uns aus", heißt es im wohl bekanntesten von Sahls Gedichten, die - geschult an Brechtscher Lakonie, doch ohne deren Besserwisserei – nicht nur vom Exil sprachen, sondern auch von einem anderen Abschied: Bereits Mitte der Dreißigerjahre hatte Hans Sahl in Paris mit dem Kommunismus gebrochen; eine Erfahrung, die ihn zeitlebens hellwach bleiben ließ – seine präzisen Erinnerungsbände "Memoiren eines Moralisten" und "Exil im Exil" zeugen von dieser geradezu angelsächsischen Gestimmtheit, die jeglichem Nebelwerfen misstraut.

Ohne Mord und Totschlag

Dass jedoch bereits der junge Sahl der Weimarer Republik ein feines Sensorium für die autoritäre Travestie des Bürgerlichen wie auch für das Dubiose einer radikal antibürgerlichen Attitüde gehabt hatte, das kann man nun nachlesen im vierten und letzten Band der Werkausgabe bei Luchterhand, der unter dem Titel "Der Mann, der sich selbst besuchte" sämtliche Erzählungen und ausgewählte Glossen umfasst.

So schreibt bereits der damals 19-Jährige in einem Prosastück: "Anastasius war ein Dichter – somit verpflichtet, ,Neuland aufzuzeigen', und seine besondere Philosophie war: Unsauberkeit als Lebensform, eine Lehre, die er in vielen Dramen und Büchern breitgewalzt hatte." Grundlos als Kinderschänder verdächtigt, wird der Dichter schließlich von der sauberen Mehrheit gelyncht.

Auch die anderen Erzähltexte der Zwanzigerjahre enden oft mit Mord und Totschlag und sind doch wohltuend frei vom expressionistischen Gestammel jener Zeit, dem Sahl später in einem Text über den links-rechts gewendeten Arnold Bronnen bescheinigt: "Eine Sprache, die, wie sich bald herausstellte, den Landsknechtston der braunen Bataillone vorwegnahm."

Der Blick aufs Ganze

Freilich war im 20. Jahrhundert luzide Intellektualität längst keine Garantie mehr, nicht dennoch irre zu werden oder zumindest zu verzweifeln. Das war zum Beispiel bei Walter Benjamin der Fall, mit dem Sahl einige Woche Lagerhaft im Frankreich des Jahrs 1940 teilte: "Benjamins unvergleichliche Fähigkeit, vom Detail her das Ganze zu sehen, kehrte sich diesmal gegen ihn. Der Blick auf das Ganze wurde ihm durch die Absurdität der Details verbaut, die sich selbstständig gemacht hatten."

Mag solch pointierte Reflexion den Erzählfluss mitunter auch hemmen, in den ausgewählten Glossen und Essays leuchtet sie dafür umso mehr – von einer 1926 veröffentlichten Analyse des völkischen Schundes in den Leihbibliotheken der Weimarer Republik bis hin zu Sahls Abschied von der tapferen Marlene Dietrich aus dem Jahr 1992, ein Jahr vor seinem eigenen Tod.

Provinzialismus der Bundesrepublik

Gerade deshalb ist bedauerlich, dass von den Herausgebern neben Sahls Nachkriegs-Texten für die "Welt der Literatur" nicht auch jene großartigen Kolumnen aufgenommen wurden, die er von New York aus regelmäßig für den "Monat" geschrieben hat. Der Mann, der für deutsche Bühnen Thornton Wilder, Tennessee Williams und Arthur Miller übersetzte, besaß nämlich auch ein feines Gespür für den Provinzialismus der frühen Bundesrepublik. "Man ist dort damit beschäftigt, die ,Moderne' nachzuholen. Man knüpft an, wo man 1933 aufhörte, und übersieht dabei gern, dass die Welt sich inzwischen weitergedreht hat. Ich sage das ohne Überheblichkeit."

Allerdings sieht er im Bundesbürger keineswegs einen Wiedergänger des alten teutonischen Spießers, sondern konzediert etwas, was 1971 alles andere als linke Mainstream-Meinung war: "Der erwachsene Bürger von heute hat Reiche stürzen und Städte in Flammen aufgehen sehen. Er ist für ,Ruhe und Ordnung', weil er durch genügend Unruhe und Unordnung hindurchgegangen ist und sich und den Seinen die Wiederkehr des Gleichen ersparen möchte. Und er hat schließlich den Kompromiss erfunden, der nicht eine Schwäche ist, sondern ein moralischer Sieg über das Ausweglose, die menschlichste Form, dem Unversöhnlichen ein Ende zu machen." Man wünscht den luziden Texten dieses menschenfreundlichen Bürgers noch viele weitere Leser.

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