16.12.12

Die kleine Lady

Geschlechtsumwandlung eines Klassikers

"Der kleine Lord" gehört zur Fernseh-Weihnacht wie "Dinner for one" zu Silvester. Das ZDF hat jetzt den Stoff genommen und aus dem Little Lord Fauntleroy eine kleine Comtess von Liebenfels gemacht.

Von Elmar Krekeler
Foto: Petro Domenigg/ZDF

Zwei Welten schauen sich an: Gräfin von Liebenfels (Christiane Hörbiger) und ihre amerikanische Emily (Philippa Schöne).

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Gott sei Dank ist Weihnachten. Da könnten wir ja mal milde sein, an das Unmögliche glauben und dass das Leben schön ist. Da nehmen wir Muttis Kekse und fressen uns Sonntagsnachmittags das Fernsehprogramm schön. Filme, die man nur im Advent ertragen kann, im Lebkuchenkoma.

Es sind zum Glück wenige. Die Märchenverfilmerei in Deutschland hat inzwischen ein höchst erstaunliches Niveau erreicht. Und auch dass zwischen den Jahren nun endlich im freien deutschen Fernsehen die britische Adelsserie "Downton Abbey" zu sehen ist, gibt jedem GEZahler einen Teil des Glaubens zurück, mit dem schönen Gebührengeld würde tatsächlich sinnvoll umgegangen.

Wer diesen Glauben allerdings nicht gleich wieder vollends verlieren und weiter weihnachtsmilde bleiben möchte, sollte am Sonntagnachmittag einen weiten Bogen um seinen Flachbildschirm machen, Kekse backen, Dickens lesen oder in der nächstgelegenen Kirche ein, zwei Kerzen aufstellen in der Hoffnung, dass das ZDF nicht noch auf ganz andere Gedanken kommt, als auf das, was um 20.15 Uhr läuft.

Manche Filme erträgt man nur im Lebkuchenkoma

Da ist dann wieder Lebkuchenkomazeit. Da läuft Gernot Rolls Versuch, Frances Hodgson Burnetts Kinderbuchklassiker "Der kleine Lord", dessen Verfilmung mit Alec Guinness und dem engelhaften Ricky Schroder zu Weihnachten gehört wie "Dinner for One" zu Silvester, einer Geschlechtsumwandlung zu unterziehen.

Einer Geschlechtsumwandlung? Genau. Lustig. Mit Christiane Hörbiger als Alec Guinness und Philippa Schöne als Ricky Schroder.

Weil die Geschichte von Cedric Errol, dem nach Amerika versprengten britischen Earlenkel, so schön und rührend ist und herzensgut und so süß wie Tee mit drei Stück Zucker, folgt "Die kleine Lady" blindlings den allzu großen Spuren des Little Lord Fauntleroy.

Christiane Hörbiger ist der neue Alec Guinness

Mit dem Unterschied, dass es die kleine deutsche Neuadlige – in der durchaus richtigen Annahme, dass niemand dem ZDF Britshness glauben würde – von New Yorks Lower East Side anno 1886 (im Jahr, als der Originalroman erschien) ins niederösterreichische Schloss Grafenegg verschlägt, das noch größer aussieht als Belvoir Castle, der Landsitz in Leicestershire, in dem weiland der hartherzige und hartgesichtige Earl von Dorincourt von seinem weizenblonden Enkel Cedric zu einem guten Menschen umerzogen wurde.

Gernot Rolls Crossdresserei hätte, wäre man jetzt sehr pusselig, deswegen auch gar nicht "Die kleine Lady" heißen dürfen, sondern "Die kleine Comtess". Aber wir wollen ja nicht kleinlich sein. Es gibt wirklich Schlimmeres. Veronica Ferres zum Beispiel. Aber zu der kommen wir später.

Großmutter ist eine Schreckschraube

Zunächst gewitterts mal über dem Park der Gräfin von Liebenfels zu Arlingen, die am Fenster ihres Schlosses steht, eine dünnlippige Schreckschraube mit geschreckschraubten Locken auf dem Kopf. Christiane Hörbiger, Deutschlands liebste Oma des Schreckens, die Rolle der umerzogenen Großmutter hat sie in diesem Jahr, in "Oma wider Willen" schon mal gespielt.

Es gewittert, damit wir wissen, dass etwas Furchtbares geschehen ist, und gleich schon merken, dass es im Folgenden eher untersubtil zugeht. Der Gräfin letzter Sohn ist tot. Jetzt muss "das vermaledeite Kind" her, weil es sonst ein Ende hätte mit der Dynastie.

Emily Ernest heißt das vermaledeite Kind, Tochter des der Liebe wegen aus dem mütterlichen Korsett von Frau Gräfin geflohenen und im fernen Amerika gestorbenen Sohnes. Emily macht die Straßen Manhattans unsicher, genauso wie der nette Regieanweiser es mit ihr geübt hat. Emily spricht auch so, wie es ihr der nette Assistent gezeigt hat, und sie sieht aus, wie im deutschen Kinderfernsehen halt adlige Mädchen aussehen.

Enkelin Emily ist eine kleine Sufragette

Weil man sich nun doch nicht so getraut hat, den kleinen Lord auf sozialem Gebiet rechts zu überholen – der hat immerhin geholfen, ein ganzes Dorf vor der Armut zu retten –, versucht man's mit Emily über die linke Spur und lässt sie für die Sache der Frauen auf die Barrikaden gehen.

Emily ist nicht nur Amerikanerin, weswegen sie ständig Grandma sagen muss und betonen, dass sie Oma happy machen will, sie ist auch noch eine dreikäsehohe Sufragette.

Woran die von Veronica Ferres gespielte beste Freundin der zukünftigen Comtess genauso schuld ist, wie an der Tatsache, dass man geneigt ist, alle verfügbaren Lebkuchen schon gleich am Anfang in sich hineinzustopfen, um möglichst schnell ins Koma zu fallen.

Veronica Ferres trägt nicht nur schwer am Namen Dolores Hobbs, sondern auch daran, dass sie rote Haare trägt, fürs Wahlrecht der Frauen kämpft, Zigarre raucht, gegen die fiese Aristroka…, die fiese Akristo…, na gegen den Adel kämpft, Boxerin war und Opernsängerin sein muss. Was man ihr alles nicht glaubt.

Veronica Ferres singt die Königin der Nacht

Es wird dann noch vergiftet. Es wird geliebt. Alle, bis auf die fiese Intrigantin natürlich, an der es nicht fehlen darf, werden glücklich.

So leben sie denn hin und tanzen, die inzwischen ganz herzweich gekochte Gräfin und ihr zauberhaftes Enkelkind, einer grenzdebiler grinsend als der andere. Dann singt Veronica Ferres die Königin der Nacht, in der Mezzoversion.

Da spätestens hat man dann genug von diesem vom gezuckerten Tee zum Bubbletee hochgesüßten Kram.

Warum operieren wir nicht Miss Sophie um

Weswegen wir an dieser Stelle auch aufhören und dringend – das hätten wir sonst nie zu träumen gewagt – zum parallel laufenden "Tatort" mit Maria Furtwängler raten.

Wir hätten da allerdings noch einen Vorschlag: Wär es nach diesem durchschlagenden Erfolg nicht auch lustig, "Dinner for one" umzuoperieren, den 80. Geburtstag von Miss Sophie. Mit Katharina Thalbach als Freddy Frimpton und Ulrich Noethen als Miss Sophie. Am Tisch lauter alte Emanzen aus Noethens alter Kommune. Fragt sich nur, was wir mit dem Tiger machen. Well, we'll do our very best.

"Die kleine Lady", ZDF, 16. Dezember, 20.15 Uhr

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