14.12.12

Suhrkamp-Streit

Geist und Geld müssen zusammen regieren

Der Suhrkamp-Verlag muss gerettet werden – da sind sich sogar die Prozessgegner einig. Doch wie steht es um die Zukunft des traditionsreichen Hauses? Ohne ökonomische Vernunft wird es kaum überleben.

Von Richard Kämmerlings
Foto: ddp

Suhrkamp-Verlegerin und Witwe des verstorbenen Verlagsgründers Siegfried Unseld (rechts im Bild) liegt in mehreren erbitterten Rechtsstreitereien mit Minderheitsgesellschafter Hans Barlach
Suhrkamp-Verlegerin und Witwe des verstorbenen Verlagsgründers Siegfried Unseld (rechts im Bild) liegt in mehreren erbitterten Rechtsstreitereien mit Minderheitsgesellschafter Hans Barlach

Suhrkamp soll, Suhrkamp muss gerettet werden. Darüber wenigstens scheinen sich alle einig zu sein: Die Kommentatoren, ob Sie nun mehr auf Seiten der gerade abberufenen Geschäftsführung oder auf der des Minderheitsgesellschafters Hans Barlach stehen. Die Autoren, die sich für ihre Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz in die Bresche werfen wie Albert Ostermaier, Peter Handke oder Hans Magnus Enzensberger.

Die Beteiligten selbst natürlich auch. Suhrkamps Anwalt Peter Raue etwa, der glaubt, die "Verlagskultur" gegen den Zerstörungswillen Barlachs zu verteidigen. Barlach wiederum erklärte gerade in der "FAZ", er wolle, dass Suhrkamp "zukunftsfähig" sei und die "Struktur" des Hauses beibehalten werden könne.

Doch welches Suhrkamp ist hier gemeint? Das Suhrkamp der Vergangenheit? Das geistige Zentrum der alten Bundesrepublik, die Theorieschmiede der Studentenbewegung, die verlegerische Heimat von Hesse, Brecht, Frisch, Walser oder Peter Weiss? Jener Verlag, den der große Literaturwissenschaftler George Steiner bereits vor fast vierzig Jahren als "Suhrkamp Culture" bezeichnet hat? Dieses Suhrkamp, das Suhrkamp des 2002 verstorbenen Siegfried Unseld, ist längst Geschichte.

Bruch mit der Vergangenheit

Mit wenigen Ausnahmen wie Enzensberger oder Jürgen Habermas sind die prägenden Autoren der Sechziger- und Siebzigerjahre tot oder haben (wie Martin Walser oder Adolf Muschg) längst den Verlag gewechselt. Unselds Witwe und De-facto-Erbin Ulla Unseld-Berkéwicz hat bei all ihrer ständigen Beschwörung von Tradition und Kontinuität selbst für den Bruch mit der Vergangenheit gesorgt. Durch die Trennung von langjährigen Mitarbeitern etwa. Vor allem aber durch den hochsymbolischen Verkauf des Verlagsarchivs nach Marbach und den Umzug des ganzen, eng mit der Stadt Frankfurt verbundenen Hauses nach Berlin, in dessen Folge das Haus in der Lindenstraße der Abrissbirne zum Opfer fiel.

Man muss das nicht bedauern: Noch zu Unselds Lebzeiten hatten sich die Koordinaten der geistigen Szene des Landes wie auch der Buchbranche verschoben. Suhrkamp gehört heute wirklich besser ins pulsierende Berlin als in das ins Provinzielle abgerutschte Frankfurt. Es gibt ein Suhrkamp der Gegenwart, und das ist sehr spannend: Von den sechs Romanen auf der Buchpreis-Shortlist waren allein drei von Suhrkamp, da war das wichtigste Buch des Herbstes, Rainald Goetz' "Johann Holtrop", noch nicht mal dabei.

Suhrkamp – das ist heute mehr Don Winslow als Handkes "Don Juan". Die Qualität des Programms ist über jeden Zweifel erhaben. Suhrkamp ist – heute – einer der wichtigsten Literatur- und auch Sachbuchverlage und auch ein lebendiges Zentrum des Berliner intellektuellen Lebens, nicht nur in der luxuriösen Verlegerinnenvilla in Nikolassee. Hier muss nichts "gerettet" werden.

"Ich mache mir große Sorgen"

Doch im Streit zwischen Barlachs Medienholding Winterthur und der Mehrheitsgesellschafterin Siegfried-und-Ulla-Unseld-Familienstiftung geht es um ein Drittes: das Suhrkamp der Zukunft. Über die aktuelle ökonomische Situation des Verlags kann man zwar nur spekulieren. Hans Barlach darf keine Zahlen nennen, will er nicht des Verrats von Geschäftsgeheimnissen beschuldigt werden. "Aber glauben Sie mir: Ich mache mir große Sorgen", wird er zitiert.

Aus den veröffentlichten Bilanzen geht aber hervor, dass der Verlag seit Jahren rote Zahlen schreibt, Tendenz steigend – eine Ausnahme war das Jahr 2010, weil das Archiv und das Frankfurter Westend-Grundstück verkauft wurden, was damals zusammen auf einen Schlag ungefähr sechseinhalb Millionen in die Kasse spülte. Doch selbst 2008, als man mit Uwe Tellkamps "Turm" den letzten wirklichen Mega-Bestseller hatte, stand am Ende ein Minus.

Und da ging es der Buchbranche insgesamt noch wesentlich besser als heute. Auch hat sich der Verlag durch den Berlin-Umzug keineswegs gesundgeschrumpft; heute hat er wieder genauso viel Personal wie zuletzt in Frankfurt. Dem Programm kommt es natürlich zugute, doch eine schlechtwetterfeste Kostenstruktur dürfte das kaum sein.

Gutes Programm, lausige Zahlen

Möglich, dass Suhrkamp mit einem Verleger-Novizen und notorischen Großsprecher wie Barlach vom Regen in die Traufe käme. Dass man aber bereits im Regen steht, ist auch von außen offensichtlich. Spricht man mit Branchenkennern oder Ex-Suhrkamp-Mitarbeitern, so schätzen die die jährlichen Verluste auf über eine Million Euro, und das, obwohl der Verlag 55 Prozent seiner Umsätze mit der Backlist macht. Mit anderen Worten: Die Neuerscheinungen müssen sich überwiegend lausig verkaufen.

Dieses Problem haben auch andere große Verlage. Der Unterschied ist nur, dass bei Suhrkamp der kaufmännische Sachverstand fast traditionell unterrepräsentiert ist. Rainer Weiss beispielsweise, der als Geschäftsführer 2006 entnervt die Brocken hinwarf, gibt heute offen zu, dass er die Verlegerei so richtig erst danach, mit der Gründung seines eigenen Kleinverlags Weissbooks gelernt habe.

Nebenbei gibt es auch noch andere Baustellen, buchstäblich: Suhrkamp hat in Berlin bisher noch nicht mal ein dauerhaftes Verlagsdomizil; es ist auch keines in Aussicht. Der jetzige Standort in der Pappelallee war stets nur als Provisorium gedacht; ein repräsentatives Haus wurde aber bisher nicht gefunden. Und auch hier müsste übrigens Hans Barlach erst einmal seine Zustimmung geben.

Der Geist regiert, nicht das Geld

Man kann es zum Inbegriff der Verlagskultur erklären, dass bei Suhrkamp der Geist und nicht das Geld regiert. Wenn aber mit dem wunderbaren Programm dann eines Tages Schluss sein sollte, weil der Laden pleite ist, wird das Geschrei groß sein. Sehr viel Geld soll beispielsweise allein mit dem "Verlag der Weltreligionen" verbrannt werden, einem persönlichen Prestige-Projekt von Ulla Berkéwicz. Insider geben dem Verlag so noch drei, vier Jahre.

Doch so lange wird es wohl nicht mehr dauern. Kommt es nicht doch noch zu einer überraschenden Einigung im Frankfurter Prozess, über den im Februar entschieden wird, dann folgt (nach einer letztinstanzlichen Entscheidung) mit großer Wahrscheinlichkeit die Auflösung der Gesellschaft. In einer Liquidationsgesellschaft würde der Verlag so ähnlich wie eine Insolvenzmasse behandelt: Arbeitsverhältnisse würden aufgelöst, Rechte, etwa am Namen "Suhrkamp", verkauft, Lager geräumt, Schulden bezahlt.

Beim Tafelsilber könnte sich dann die Konkurrenz munter bedienen. In irgendeiner Form würde Suhrkamp dann wohl fortbestehen. Unwiederbringlich verloren ginge aber wohl die über Jahrzehnte gewachsene Struktur, das in der Institution geronnene Wissen. Man kann es angemessen pathetisch auch den Geist des Verlags nennen, der eine gute Zeit lang mit dem Weltgeist praktisch identisch war.

Die Tage sind gezählt

Das kann keiner wollen. Auch Hans Barlach nicht, der in seinem Angriff auf Ulla Berkéwiczs Position vielleicht aus purer Eitelkeit und Starrsinn, sicher aber auch aus ökonomischem Kalkül weiter geht als seine Vorgänger. Die einzige Möglichkeit, das Äußerste zu verhindern, wäre ein starker Vermittler: ein erfahrener Geschäftsführer mit verlegerischer Autorität, der beide Parteien unter einen Hut bekommt.

Dass Rainer Weiss gegenüber der "Welt" dafür ausgerechnet Günter Berg, seinen Vorgänger als Suhrkamp-Geschäftsführer (jetzt Hoffmann und Campe), vorschlägt, zeigt, wie groß die Sorge auch bei denen ist, die einst verbittert gingen.

In jedem Fall scheinen die Tage gezählt, da Ulla Unseld-Berkéwicz den Verlag wie eine Nachfolgerin des Patriarchen Unseld allein führte. Sie wird ihre Macht teilen müssen, wenn sie sie nicht ganz verlieren und damit das Lebenswerk ihres Mannes aufs Spiel setzen will.

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