14.12.12

Staatsoberhaupt

Theodor Heuss war der beste Bundespräsident

Bis heute ist er als "Papa Heuss" bekannt. Doch wer weiß noch, dass das erste Staatsoberhaupt der Bundesrepublik dem Land wieder Würde und Geist gab? Peter Merseburgers neue Biografie erinnert daran.

Von Klaus Harpprecht
Foto: picture alliance / akg images

Bundespräsident Theodor Heuss (1884 bis 1963) auf dem Berliner Flughafen Tegel am 4. Mai 1952.

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Wir wissen es und wollen es nicht wissen: das Umgekehrte ist meist ebenso wahr. Die Zeit rennt schneller und schneller – aber wir leben fünfzehn oder zwanzig Jahre länger als unsere Großväter: also haben wir mehr Zeit zu leben und zu erleben. Die Medienmenschen sind's, die Zeit und Leben mit fliegendem Atem vorantreiben – aber oft sind auch sie es, die in der Neige ihrer Tage jene Distanz suchen, die es braucht, die Zeitgeschichte in Geschichte zu übersetzen. Sie selber sind es schließlich leid, in Ein-ein-halb-Minuten-Kommentaren den Vorstoß der Rotmonarchie Nordkorea in den Kreis der Atommächte ins Bewusstsein der Menschheit zu befördern (wenn es denn gelingt), oder Birma wegen seiner ersten zögernden Schritte zum Rechtsstaat als eine neue Demokratie zu feiern.

Gleichzeitig ist es wahr, dass hernach viele der journalistischen Antreiber die Historiker ihrer Zeit werden. Es ist keineswegs paradox, dass aus dem Gewerbe, dem zurecht seine Flüchtigkeit vorgehalten wird, Autoren herauswachsen, die uns, unseren Kindern und Enkeln, die Augen öffnen und uns begreifen – oder doch ahnen – lassen, was wir erlebt, was wir überlebt haben.

Theodor Heuss und die Griechen

Vielleicht hätten sich die antigriechischen Kritiker in der Redaktion der "Bild"-Zeitung ein wenig gemäßigt, wäre ihnen gegenwärtig gewesen, dass der erste Staatsbesuch des ersten Präsidenten der Bundesrepublik aus guten Gründen Athen gegolten hat, und vielleicht hätten die verspäteten Antifaschisten in den griechischen Journalen an sich gehalten, hätten sie sich selber und ihre Leser daran erinnert, dass der Repräsentant der Deutschen damals keine Gelegenheit versäumte, die Kriegsverbrechen der Wehrmacht ins Bewusstsein zu rücken und mit schlichten Worten um Vergebung zu bitten.

Damals war Griechenland, nach dem blutigen Bürgerkrieg zwischen den Kommunisten und dem Anhang der westlich orientierten Parteien, für eine knappe Frist wieder eine konstitutionelle Monarchie (bayrischer Herkunft) geworden, was dem Gast vom Rhein Gelegenheit gab, sich mit der jungen Königin über die Kunst der Hellenen auszutauschen und sogar auf eine entspannt-respektvolle Weise ein bisschen zu flirten.

Macht und Moral

Auch dem Rezensenten waren jene Begegnungen entfallen, obwohl ihm noch im gleichen Jahr die Ehre zufiel, den damaligen Bundespressechef auf eine Reise durch die Türkei zu begleiten, mit der die Staatsvisite von Theodor Heuss vorbereitet werden sollte: ein schwieriges Unterfangen, da die beiden Nato-Mitglieder in einem Zustand der Gereiztheit koexistierten, in dem jederzeit die Flammen des Krieges auflodern konnten.

Peter Merseburger holt so vieles ins Gedächtnis zurück, das in den Erinnerungen der folgenden Generation zu verblassen begann, von den populären Heuss-Anekdoten überwuchert, die sich so wohltuend von der Strenge des Bundeskanzlers unterschieden. Theodor Eschenburg, der Tübinger Staatsrechtler hanseatischer Herkunft, schrieb hernach Konrad Adenauer die "potestas" – die Verkörperung der "Macht" – und Theodor Heuss die "auctoritas" zu – die geistig und moralisch begründete Autorität. In den beiden schlichten Begriffen brachte der Professor die glückliche Doppelkonstellation in der Führung des Bonner Staates auf eine schöne Formel.

Großdeutsch und antipreußisch

Merseburger konfrontiert uns – das ist sein großer Vorzug – in seinen Biografien niemals nur mit der "politischen Geschichte", sondern immer auch mit der Kulturgeschichte (ohne die sich die Politik in ihrer tieferen Motivierung nicht verstehen lässt). Von Heuss wussten wir, dass er dem mittleren schwäbischen Bürgertum entstammte, das man – neben den großen Hansestädten – als die Heimat des deutschen Liberalismus betrachten darf.

Der Vater, Tiefbauinspektor in dem Weinstädtchen Brackenheim am Neckar, gehörte einer der radikaleren Gruppierungen an, die das Erbe der Revolution von 1848 weitertrugen: Sie waren großdeutsch und antipreußisch, und sie zimmerten sich aus Catos Kernwort der Feindschaft gegen Karthago den "Wahlspruch schwäbischer Demokraten 'Ceterum censeo. Borussia esse delendam'".

Der Bismarckhasser

Das Königreich Württemberg hatte im österreichisch-preußischen Krieg von 1866 noch auf Seiten der Habsburger gekämpft (nicht anders als Baden und Bayern), doch in Bismarcks raffiniert inszeniertem Konflikt mit Napoleon III. schwemmten die anti-preußischen Ressentiments in einem patriotischen Rausch beiseite. Vater und Sohn Heuss verloren freilich nicht aus den Augen, dass Bismarcks kleindeutsches Reich – das er mit grandioser Taktlosigkeit in Versailles ausrufen ließ – in Wirklichkeit ein Großpreußen war, das die historische Föderation in eine Art Nationalstaat verwandelte, getarnt durch eine bundesstaatliche Fassade, hinter der harter Zentralismus regierte.

Im Hause Heuss weinte man Bismarck nicht viele Tränen nach. Die Hoffnungen, die das liberale Bürgertum auf den britisch geprägten Kaiser Friedrich III. gesetzt hatte, machte der frühe Tod des Herrschers zunichte. Doch Wilhelm II. überraschte zunächst durch die sozialen Impulse, die ihn zu lenken schienen. Entsprach er nicht den Idealen des Pastors Friedrich Naumann, der das Idol des jungen Theodor Heuss wurde, samt den imperialen Visionen, die ihn zum Propagandisten der Flottenpolitik des Admiral Tirpitz werden ließen: der national-soziale Vordenker des progressiven Bürgertums, der freilich nichts mit den nazistischen Rabauken zu schaffen hatte, die seiner Bewegung das Firmenschild klauten?

Eine emanzipierte Ehe

Seine Minipartei, die 1898 zum ersten mal zu den Reichstagswahlen antrat, musste sich mit 27.000 Stimmen begnügen. Heuss fand als Redakteur und produktivster Autor von Naumanns kämpferischer Wochenschrift "Die Hilfe" seine professionelle Bestimmung. Später avancierte er zum Studienleiter der Hochschule für Politik – eine halbwegs solide Basis für die Ehe mit der Straßburger Professorentochter Elly Knapp, eine studierte und durchaus emanzipierte junge Frau, die schon wenige Tage nach ihrem Einzug in Berlin in einer Fortbildungsschule zu unterrichten begann. Die kirchliche Eheschließung vollzog übrigens Albert Schweitzer, ordinierter Theologe, Orgelspieler und – durch sein Bach-Buch – als ein überragender Musikwissenschaftler ausgewiesen. Er hatte in jenen Tagen das Studium der Medizin begonnen, mit dem Ziel, in Schwarzafrika ein Missionshospital aufzubauen, dem er bis ans Ende seiner Tage treu blieb.

Die Hochzeitsreise unternahmen die beiden nach altbürgerlicher Sitte im offenen "Chaisle" (durch den Odenwald): so fügte es sich ins Zeitalter des württembergischen "Wilhelminismus", den ein betont ziviler Herrscher geschaffen hat, der jeden Morgen durch sein Stuttgart spazierte und den Gruß seiner Bürger durch ein höfliches Lüften des Hutes erwiderte. (Es war der Sozialdemokrat Wilhelm Keil, der respektvoll bemerkte, dieser König sei als erster Präsident einer württembergischen Republik durchaus denkbar.)

Endlich im Reichstag

Die ersten Anläufe des liberalen Erzschwaben und demokratischen Großdeutschen Heuss, einen Sitz im Reichstag zu gewinnen, scheiterten eher kläglich. Er ließ sich für kurze Zeit, beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges, vom patriotischen Überschwang mitreißen, aber er machte sich keiner Idiotien schuldig wie Werner Sombart mit seiner Behauptung, der deutsche Militarismus sei "Potsdam und Weimar in höchster Vereinigung". Doch er billigte den "unbeschränkten U-Boot-Krieg" – bis er begriff, dass der deutsche "Siegfrieden" eine Illusion war, und er wies die "Judenzählung" im Herbst 1916 als eine feige Konzession an jene antisemitischen Hetzer zurück, die behaupteten, ein großer Teil der Juden drücke sich vor dem Kriegsdienst (was sich als eine Lüge erwies).

Dem Vertrag von Versailles konnte er nicht zustimmen. Aber er unterstützte, dank seines tief verwurzelten Sinnes für Fairness, die Vereinbarung der Fraktionen im Reichstag, dass die Befürworter des Ja wie die Verteidiger des Nein nach der Weisung ihrer patriotischen Motive handelten. Vom "Heuss der Weimarer Republik" schrieb Merseburger mit der gebotenen Klarheit, er sei ein Nationalist gewesen, doch er fügte hinzu: "… aber ein demokratischer".

Ja zum Ermächtigungsgesetz

In einem kleinen Buch sprach er von der "Pflicht des demokratischen Nationalismus", doch das hielt ihn nicht davon ab (im Gegenteil), den Reichspräsidenten Ebert gegen die Beleidigungen durch die rechten Trommelbuben in Schutz zu nehmen – seit 1923 endlich Mitglied des Reichstages, unermüdlich in Wahlkämpfen unterwegs (und stets vierter Klasse reisend). 1931 schrieb er eine Studie über den Nationalsozialismus unter dem Titel "Hitlers Weg", nüchtern im Ton, scharf in der Sache – und eben darum eindrucksvoll genug, Goebbels in seinem "Tagebuch" einige Komplimente abzunötigen (die freilich nicht in der gedruckten Fassung erscheinen).

Das Buch verschwindet 1933 aus den Läden, doch es ist umstritten, ob ihm an dieser oder jener Universität die Ehre zuteil wurde, verbrannt zu werden. Sein Ja zum Ermächtigungsgesetz – für das er niemals eine völlig überzeugende Erklärung fand, es sei denn die Furcht vor den Foltern in einem der "wilden", illegalen Konzentrationslager der SA -, ersparte ihm nicht den Ausschluss aus allen öffentlichen Ämtern. Ein getreuer Schüler, der eine einflussreiche Position im Goebbels-Ministerium zugefallen war, sorgte für eine stille Korrektur: damit sicherte er ein Minimaleinkommen, das der Großunternehmer Robert Bosch durch eine Vorschusszahlung von 500 Mark im Monat erheblich aufbesserte.

Führender Kopf des Parlamentarischen Rats

Vor dem Bombenkrieg hatten sich Heuss und seine Frau in eine schlichte Behausung bei der Schwägerin in einem Vorort von Heidelberg zurückgezogen. Schon Anfang September 1945 beruft ihn die amerikanische Militärregierung – neben einem Sozialdemokraten und einem Kommunisten - zum Lizenzträger der Rhein-Neckar-Zeitung. Schon wenig später wurde er zum Kulturminister der Landesregierung von Nordwürttemberg und Nordbaden ernannt (im Süden der beiden Länder regierten die Franzosen). Der Zeitung blieb er bis zu seiner Wahl zum Bundespräsenten treu.

Es verstand sich fast von selbst, dass er zu den führenden Köpfen des Parlamentarischen Rates in Bonn zählte, die das Grundgesetz formten und formulierten – das nicht Verfassung genannt werden durfte, da es nur das öffentliche Leben eines Staatsfragments ordnete und dennoch eine Haltbarkeit bewies, die nur wenigen Verfassungen zuteil geworden ist. Carlo Schmid und Theodor Heuss, die beiden großen Bildungsbürger der Bonner Anfänge, sorgten in sorgsamer Abwägung aller Begriffe, für die entscheidenden Kompromisse.

Endlich Staatsoberhaupt

Konrad Adenauer, der Präsident des Gremiums, trug zwar – laut Carlo Schmid – kein Komma zum Grundtext der künftigen Politik und Sozialordnung der Deutschen bei, aber er nutzte seine Position, um die Machtverhältnisse voraus zu planen. Sechs von den acht Vertretern der bayerischen CSU, die zwei Abgeordneten der (national-konservativen) Deutschen Partei, die zwei Repräsentanten des Zentrums (deren Partei keine Zukunft beschieden war), zwei Kommunisten lehnten das Grundgesetz ab. Im Wettbewerb um die provisorische Hauptstadt stimmte Heuss, wie Carlo Schmid (und die Seinen) für Frankfurt, um das Erbe der Paulskirche wieder ins Leben zu holen. Adenauers Votum für Bonn siegte mit knappem Vorsprung.

Das Mehrheitswahlrecht hätte Kurt Schumachers und Konrad Adenauers Intentionen für klare Verhältnisse entsprochen, doch darf man annehmen, dass zwischen dem alten Herrn aus Köln und dem nicht viel jüngeren Schwaben ein stilles Einverständnis herrschte, wer das Amt des Staatsoberhauptes besetzen, wer Chef der Bundesregierung werden sollte.

Einer, der Lachen konnte

Der Rat von Heuss, obwohl ihn sein Amt weit von der Exekutive entfernt hielt, wog mehr, als den Bürgern sichtbar wurde. Vor allem begegnete ihm Adenauer mit einem Respekt, der nicht nur dem Staatsoberhaupt galt, sondern dem erfahrenen Beobachter der Politik. Merseburger unterschied die Charaktere, ihre Talente, ihre Funktionen und Wirkungen in schöner Abwägung: hier der Mann der Tat, dort der Mann des Wortes.

Der schlaue Patriarch lehrte die Deutschen, dass die Demokratie nicht zur Machtlosigkeit verurteilt ist. Der Mann des Geistes neben ihm lebte ihnen vor, dass die Demokratie ihre Kraft aus der Wahrhaftigkeit, dem Rechtsbewusstsein, der Widerständigkeit der Persönlichkeit – und nicht zuletzt aus der Freude an der Freiheit bezieht. Heuss war, wie Merseburger in seinem großartigen Porträt sagt, ein Erzieher zur Demokratie – kein grämlicher. Einer, der Lachen konnte.

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