14.12.12

"Beckmann"

Kandidat Steinbrück, gefangen in der Phrasenblase

Wahlkampf! Wahlkampf! Jetzt gab Peer Steinbrück sein erstes großes TV-Interview nach der Kür zum SPD-Kanzlerkandidaten. Beckmann rotierte, doch der SPD-Mann war gereizt und genervt.

Von Caroline Stern
Foto: Morris Mac Matzen/mmacm.com

Reinhold Beckmann (r.) empfängt in seiner Talkshow als einzigen Gast den frisch gekürten SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück
Reinhold Beckmann (r.) empfängt in seiner Talkshow als einzigen Gast den frisch gekürten SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück

Es war Peer Steinbrücks erstes großes Fernsehinterview nach der Wahl zum Kanzlerkandidaten vor einigen Tagen. Und Reinhold Beckmann hat es ergattert. Zusammen preschten sie durch die Themenpalette von persönlich bis politisch und wieder zurück, obwohl Steinbrück sich nach Eigenauskunft noch nicht mal im Wahlkampfmodus befindet.

Wie bitte? Er war fast leise, wirkte ruhig – so ungewohnt. Doch das lag wohl auch an der späten Stunde: Mitternacht.

Beckmann rutschte dagegen ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, was ihm gleich eine Rüge von Steinbrück einbrachte. Ja ja, die Kante. Es gibt sie weiterhin. Und dann auch noch das Thema Merkel und ihre wahnsinnig guten Umfragewerte. Mensch, Beckmann, was soll das denn jetzt?, lag in Steinbrücks Blick.

Nein, ein Lob habe der SPD-Mann nicht für Merkel übrig. Andererseits sei er auch "nicht da, um die Kanzlerin anzurempeln". Pech für Beckmann, der regelrecht gierte nach einer handfesten Merkel-Attacke, hier bohrte und da kratzte. Und lautete das Thema der Sendung denn nicht: "Der Kandidat – wie will Peer Steinbrück Kanzlerin Merkel schlagen?"

Der Blick durch die Phrasenblase

Es müssen um die 20 Themen oder mehr gewesen sein, zu denen der Interviewte Stellung beziehen sollte. Und ja, er ist ein genialer Rhetoriker mit einem schnellen Reaktionsvermögen. Es gibt diese Momente, da will man ihm unbedingt Glauben schenken, weil man so eingelullt wird von fantastisch klingenden Worthülsen wie "Bankenregulierung", "Schuldenbremse einhalten", "soziale Gerechtigkeit" und so weiter.

Doch dann blinzelt man kurz aus der Phrasenblase hinaus ins echte Leben, sieht den Berg von Steinbrücks Nebenverdiensten, sieht immer wieder die geschröpften Bochumer, die jetzt auch noch ihr Opel-Werk verlieren werden, hört plötzlich doch noch den so oft von Steinbrück benutzten indirekten Konjunktiv ("man kann ... einführen" – Reichensteuer, Rentenstärkung, Mietensenkung).

Und dann platzt die Blase erneut, und man fällt vom Glauben ab und möchte eigentlich nur noch eine Frage herausschreien: Warum hoben 93,45 Prozent der sozialdemokratischen Delegierten diesen versteinerten Kandidaten am vergangenen Sonntag in die so wichtige Bundestagswahl 2013?

"Nicht Frontalbeschallung, sondern Dialog"

"Ich lege mich hier nicht auf die Psycho-Couch", blaffte Steinbrück Beckmann an, als der einen kleinen Film mit Umfragen, ob er ein Frauentyp sei, zeigte. Verständlich, dass das Thema Frauen langsam nervt, genauso wie alle anderen Themen auch: Europa, Griechenland, China, Altersarmut, Energiewende und so fort. Aber hey, der Wahlkampf hat gerade erst begonnen. Das gehört nun mal dazu, die ewige Wiederholung, der Werbeeffekt.

Sein Programm muss Steinbrück auch noch tausendmal darlegen, verteidigen, anpreisen und als Fahne vor sich hertragen. Erst recht, wenn er demnächst Hausbesuche macht als von den USA übernommene Strategie, um dadurch mehr Wähler zu gewinnen. Nach der Devise: "Nicht Frontalbeschallung, sondern Dialog." Bei Kuchen und Kaffee mit Meiers und Müllers und ihren Nachbarn am Küchentisch statt mit Journalisten und Fotografen vor der großen Leinwand.

Dann provozierte Beckmann ihn auch noch mit einer Liveschaltung zum Kölner Armutsforscher Professor Christoph Butterwegge, der die anvisierte Rentenreform mit "altem Wein in neuen Schläuchen" verglich und "denselben Fehler wie bei der Riesterrente" monierte, nämlich wieder von den Kapitalmärkten abhängig zu sein.

Sollte Steinbrück sich gar bei einem Typen rechtfertigen, der schon 2005 aus der SPD ausgetreten ist? Darf denn so einer überhaupt die Taktik des Kanzlerkandidaten kritisieren, die darauf zielt, der CDU die Stimmen von der Mitte abzuziehen, statt sich nach links zu konzentrieren, wo die Masse wartet wie bestellt und nicht abgeholt?

"Sie haben's mir jetzt voll gegeben", wandte Steinbrück sich stumpf an den Professor, aber eine kritische Stimme zu seiner Rede zu hören sei auch mal schön. Sichtlich genervt warf Steinbrück Butterwegge ein paar Brocken hin, auf denen der Forscher herumkauen durfte. Aber so arm kann man gar nicht sein, um das zu schlucken, was da kam. Und vor allem in welchem Ton.

Wenigstens am Anfang dieses Wahlkampfes muss Steinbrück doch Temperament zeigen und zumindest den Versuch unternehmen, selbst einem vom Glauben an die SPD Abgefallenen, der ihm vor die Nase gesetzt wird, eine Brücke zu bauen – egal ob dieser dann über sie gehen wird oder nicht.

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