13.12.12

"Große Erwartungen"

Eine Dickens-Verfilmung, so flach wie eine Leinwand

Von einer Neuverfilmung der Schauermär "Große Erwartungen" durfte man viel erhoffen – weil die Vorlage von Charles Dickens stammt. Zu sehen bekommt man aber nur Untote aus dem Wachsfigurenkabinett.

Von Max Hermann
Foto: dpa

In Charles Dickens’ Werk „Große Erwartungen“ geht es um die Liebesgeschichte zwischen Estella und Pip. In Mike Newells gleichnamiger Kinoverfilmung spielen Holliday Grainger und Jeremy Irvine die Rollen.

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Es gibt ja Geschenke, das werden wir auch in diesem Jahr zu Weihnachten wohl wieder schmerzlich erfahren, die will man gar nicht geschenkt bekommen. Socken zum Beispiel oder das dritte Exemplar eines Krawattenknotenlehrbuchs. Ist man erst einmal gestorben, kann man sich allerdings noch weniger gegen solche Gaben wehren. Weswegen wir jetzt für einen Moment für Charles Dickens in die Bresche springen müssen.

Der hätte in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag gefeiert und wird mit guten Gaben, mit Neuübersetzungen, Neubiografien geradezu überhäuft. Und mit Neuverfilmungen seiner Romane. Allein von "Große Erwartungen", dem Aufbruch des vermeintlichen Kinderbuchautors in die Moderne und ins Spätwerk, lief in diesem Jahr ein BBC-Dreiteiler vom Stapel, jetzt kommt Mike Newells Kinoadaption in die Säle.

Das würde man ja gerade für Deutschland gern sehr begrüßen, wo man die ganze Größe des Textes auch mehr als 150 Jahre nach Erscheinen noch nicht vollständig erkannt hat. Er ist zu Recht eine Art Nationalheiligtum in allen anglophonen Gebieten und als solches nur noch geschlagen vom "Christmas Carol". Das allzu menschliche Drama von Aufstieg und Fall des armen Waisenkinds Pip, das mehr sein will als arm und Waise, das Gentleman sein will, aufsteigen in die bessere Gesellschaft. Das sich zum Spielzeug von Geld und Rache machen lässt und sein Leben lang sein Herz an Estella wund liebt, die geradezu mechanistisch kalte Ziehtochter der seit ihrer geplatzten Hochzeit irre vor sich hin verstaubenden Miss Havisham.

Der Film bleibt zu dicht am Text

Damit wären wir allerdings jetzt wieder bei den Geschenken, die besser unverschenkt geblieben wären. Newells Version des immer noch bemerkenswert aktualisierungsfähigen Schauerdramas ist der geradezu klassische Fall eines verfehlten Präsents. Der Regisseur von "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" und "Harry Potter und der Feuerkelch" nämlich, und das ist bei ungeliebten Geschenken ja häufig der Fall, hat es dem Jubilar ja bloß recht machen wollen. In einer geradezu liebedienerischen Weise hängen sich der Drehbuchautor David Nicholls und Newell, der britische Meister im Kinostationendrama, derart in das Korsett des Textes, dass ihrem Zweistünder kaum Luft zum Atmen bleibt.

Aber der Reihe nach. Es ist alles wie immer. Allerdings hängt vergleichsweise wenig Nebel über den Marschen, als wir Philip Pirrip, den sie Pip nennen, am Grab seiner Eltern begegnen. Die Küste von Kent ist idyllisch-trostlos, wie sie sein soll. Idealtypisch niedlich und klug und mutig und gutherzig kratzt Pip am Grabstein herum, und der entlaufene Sträfling Abel Magwitch, dem er hilft und der sein Leben bestimmen wird, platzt derart bilderbuchmäßig verdreckt, verkommen und verbartet in sein Leben, dass man dreimal hinsehen muss, um unter all den Haaren Ralph Fiennes zu erkennen.

Ein im Grunde sympathisch realistischer Umgang mit der verwickelten Schauermär von Gier und Rache und dem ewigen Drang des Menschen über die Grenzen seiner Herkunft hinaus zeichnet sich ab. Newell und Nicholls wollen eine klare Sicht auf die Geschichte haben, die Figuren und ihre Verhältnisse möglichst nicht überlebensgroß und schrecklich zeigen, so sieht es aus, und mit Dickens auf die in Scherben und Irrsinn auseinanderfallende Welt der britischen Klassengesellschaft blicken.

Das ist nur Gefühlsbehauptungskino

Das wäre mal ein interessanter Interpretationsansatz, das komplette Gegenteil zu Alfonso Cuaróns großartiger Modernisierung von "Große Erwartungen" aus dem Jahr 1998. Leider funktioniert es nicht. Weil die Schauerelemente, von denen sich Nicholls und Newell nicht trennen wollten und konnten, in diesem Umfeld enorm fremdeln. Und den beiden Dickens-Kuratoren gar keine Zeit bleibt, ihren Ansatz ordentlich umzusetzen. Sie haben sich – sehr zur Freude höchstens von kompletten Dickens-Novizen – vorgenommen, nichts, aber auch gar nichts auszulassen in ihrem getAbstract-Film. Keinen Konflikt, keine Intrige, keine Finte, keine Nebengeschichte.

So fliegt die ziemlich virtuose Kamera über das Beste aus siebenhundert Seiten, das ganze Leben von Pip Pirrip Gentleman. Erst verhältnismäßig behäbig, dann in einer Art dramaturgischem Schweinsgalopp, in dem alle geschürzten Schicksalsknoten binnen einer Viertelstunde gelöst werden, geht's die Geschichte entlang. Von Pips Schmiede in den Marschen durch das angemessen verstaubte Hochzeitswahnhaus von Miss Havisham und weiter in ein herrlich verdrecktes London. An einem, man muss es leider sagen, Panoptikum von untoten Karikaturen aus der Wachsfigurenmanufaktur der vorbei.

Jeremy Irvine (Pip) und Holliday Grainger (Estella) sind nicht mehr als das blasse Zentrum eines Gefühlsbehauptungskinos, von dem nicht viel im Kopf bleibt, wenn man danach wieder auf dem Weihnachtsmarkt steht. Robbie Coltranes intriganter, tatsächlich böser Anwalt Jagger vielleicht ausgenommen. Besser wär's also, sich den BBC-Dreiteiler auf DVD zu besorgen. Am besten allerdings noch immer: lesen. Sich das Buch schenken lassen. Kostet auch nicht mehr als ein Kinogutschein.

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