13.12.12

"Der Hobbit"

Bilbo Beutlin könnte über diesen Film nicht lachen

Haudrauf in Mittelerde: Peter Jackson setzt in seiner monumentalen "Hobbit"-Verfilmung auf permanente Überwältigung – und pumpt J.R.R. Tolkiens Kinderbuch bis zur Unkenntlichkeit mit Bedeutung auf.

Von Elmar Krekeler
Foto: dapd

Peter Jacksons neue Tolkien-Verfilmung ist ein technisches Meisterwerk. Die Computereffekte sehen umwerfend aus. Das gilt besonders für die animierte Mimik des fiesen Gollum (Andy Serkis).

9 Bilder

Bilbo Beutlin von Beutelsend haben wir eigentlich immer sehr gemocht. Den kleinen Hobbit, den Onkel von J. R. R. Tolkiens großem Hobbithelden und Welterlöser Frodo aus dem "Herrn der Ringe". Bilbo war in Momenten aufkeimender Anspruchslosigkeit, abgesehen von seiner prinzipiellen Unbeweibtheit, keine ganz schlechte Perspektive für die Zeit kurz vor der Frühberentung.

Sitzt mit seinen fünfzig Hobbitjahren und mit herrlich behaarten Füßen mitten in Mittelerde behaglich in seinem gemütlichen Haus mit Sicht auf einen See, ein bisschen rundlich um die Körpermitte zwischen Büchern, isst und kocht und isst und kocht und lässt die Welt sein, was sie ist: Welt halt.

Das muss sie auch bleiben, als es ihn hinaus katapultiert ins Abenteuer unter 13 Zwergen, einigen Elben und unzähligen gruseligen Monstern der Gattung Ork, als er einen Drachen bekämpfen soll in Erebror, dem Einsamen Berg, auf dass die Zwerge wieder in ihr altes Recht eingesetzt werden. Bilbo Beutlin bleibt, wie er ist. Er hat keine Mission. Er will die Welt gar nicht retten. Er will bloß wieder nach Hause. Unser liebster Hobbit war nie Avantgarde, nie der Innovative, er war für die einfachen Dinge zuständig. Hätte er einen Fernseher, es wäre wahrscheinlich noch einer mit Röhren.

Beschaulich ist hier nichts mehr

So wäre es ihm ein bisschen peinlich, dass um ihn herum jetzt ein derartiges Gewese gemacht wird. Nur weil ein größenwahnsinniger Neuseeländer namens Peter Jackson für knapp unter eine Milliarde Dollar aus den 300 Seiten seines Abenteuerbuches – der Debütroman eines Oxford-Professors namens John Ronald Reuel Tolkien von 1937 – einen neunstündigen, dreiteiligen Film gemacht hat.

Der Neuseeländer hat vor zehn Jahren schon mit unfassbarem Erfolg aus "Der Herr der Ringe", Tolkiens ungefähr dreimal so umfangreicher Mittelerde-Parabel auf die Moderne und die Menschenwesen, den neuen Urmeter der Fantasyfilme gemacht. Würde es den Alten von Beutelsend ins Kino verschlagen, was ja naheliegt, schließlich hängt die halbe Welt mit Plakaten voll für "Eine unerwartete Reise", den ersten Teil der Trilogie, würde er seine Geschichte kaum wieder erkennen, aber einiges über die Gesetzmäßigkeiten der Filmwirtschaft lernen.

Klein ist an der Mitte der Dreißiger von Tolkien an der Bettkante seiner Kinder vor sich hin erfundenen Geschichte jedenfalls nichts mehr. "Der Hobbit" wirkt auf allen Ebenen wie ein Hungerhaken im Fatsuit. Und das ist fast schon eine Beleidigung für unsern alten Freund mit den haarigen Füßen – Bilbos Geschichte war Jackson nämlich nicht genug.

Mit einem Kinderbuch wollte er sich nicht abgeben. "Der Hobbit" musste – auf Tolkien komm raus – das Welterklärungsniveau von Jacksons "Herrn der Ringe" erreichen. Was mit dem Urtext schlicht nicht zu machen war, auch wenn man ihn so buchstabengetreu in Neuseelands sattsam bekannte Ebenen und Berge versetzt, wie Jackson es tut.

Frauen ins Drehbuch gemogelt

So muss, wer immer neben Bilbo im Kino sitzt, den Kleinen auf dem Sitzvergrößerer reichlich oft beruhigen. Wenn er wieder stöhnt, wie das alles jetzt auf einmal in seine Geschichte kam. Der Necromancer zum Beispiel oder Radagast der Braune, der bedröhnte Zauberer, der mit dem Kaninchenschlitten herumsaust, warum da Dinge erzählt werden, von denen der arme Hobbit unterwegs zum Einsamen Berg gar keine Ahnung haben konnte, wieso Saruman (Christopher Lee) bei Elrond herumsitzt. Und was Galadriel (Cate Blanchett) da zu suchen hat, die Herrin von Lorién.

Die hat Jackson aus den Mittelerde-Apokryphen und seiner "Herr der Ringe"-Verfilmung ins Drehbuch gemogelt, weil es sonst gar keine Frauen gehabt hätte in der Geschichte, weil man hin und wieder mal andere, hübschere und vor allem bekanntere Figuren sehen will als im wahrsten Wortsinn gesichtslose Orks und seltsam unkaputtbare Zwerge, deren Namen – von drei, vier Ausnahmen abgesehen – man sich weder merken kann noch muss (mit den Zwergen verhält es sich, übrigens ungefähr so wie mit den Blockflöten an Weihnachten – zwei sind schlimmer als eine, 13 grenzen an Belästigung).

Jackson macht – das zu seiner Rechtfertigung – etwas, was Tolkien vielleicht auch gern gemacht hätte, zu Teilen sogar getan hat. Er vertäut nachträglich den "Hobbit", der ja in mehrfacher Hinsicht nicht nur die Vorgeschichte der Ringe-Trilogie ist, sondern sozusagen deren erzählerische, dramaturgische Miniaturblaupause, mit Macht im Herzen der Tolkienschen Mythenwelt.

Die Hobbit-Geschichte taugt nicht zum Epos

Wie Gandalf der Graue (Ian McKellen), der heimliche Zeremonienmeister auch dieses filmischen Feuerwerks, immer wieder verschwindet, um im Hintergrund irgendwelche Ränke zu schmieden, taucht Jackson immer wieder ab in die Urgeschichte Mittelerdes. So wird jeder Botenbericht des "Hobbit" von Kämpfen aus uralten Zeiten in Mittelerde zur optischen Schlachteplatte. Als ob es nicht Gemetzel und Abenteuer genug gäbe auf den 120 Seiten Text, die Jacksons erster Hobbit-Teil erzählt. Was soll ein Hobbit, hört man Bilbo förmlich murmeln, denn eigentlich noch alles überleben.

Muss doch gereicht haben, was da steht und was Martin Freeman als Bilbo übersteht. Von 13 verfressenen Zwergen zu Hause überfallen werden, die dann auch noch zu singen anfangen, von Orks alle zehn Minuten fast erschlagen, von einem schrecklichen (und von Andy Serkis wieder großartig – naja – gespielten) Wesen namens Gollum fast zu Tode gerätselt, von Wölfen fast zerfleischt, von Adlern ganz gerettet. Soviel ist los, dass Gandalf seine Zwerge nach jedem Abenteuer durchzählt wie eine Kindergärtnerin ihre Schützlinge nach dem Überschreiten des Zebrastreifens. Das muss doch reichen. Warum mussten denn schon die Spinnen sein?

Weil's eben nicht gereicht hat. Weil "Der kleine Hobbit" weder von der Grundstruktur, noch von der Vielfalt der Charaktere zur Basis eines Opus' von Wagnerianischen Ausmaßen taugt, versucht es Jackson mit dem Prinzip der permanenten Überwältigung. Hält sich vorsichtshalber auf beinahe allen Ebenen seines Films sehr an jenen Satz, den der schrecklich schnelle Autofahrer Tolkien sehr zum Erschrecken seiner Gattin Edith am Steuer seines Wagens gern ausstieß: "Nur drauf, und sie türmen!"

Auch noch mit doppelter Bildfrequenz gedreht

Vielleicht auch deswegen hat er den "Hobbit" nicht nur in 3D gedreht, sondern auch mit 48 Bildern pro Sekunde, dem doppelten der gängigen Bildfrequenz. Was die Bewegungen fließender machen soll, unsern Röhrenfernsehgucker von Beutelsend aber vermutlich komplett in die Verzweiflung stürzen dürfte. Denn was er da sieht, ist brillant, gestochen scharf, geradezu irreal realistisch.

Man sieht alles und mehr als man möchte. Es ist deswegen leider auch komplett geheimnislos und manchmal sieht es genauso billig aus wie es teuer war – wie die Übertragung der Beleuchtungsprobe eines Hobbit-Theaterstücks auf einen superteuren Flachbildschirm.

Man muss doch – wird der Hobbit einwenden – nicht alles einsetzen, nur weil es da ist. Doch, wird man antworten, der gewöhnliche Mensch aus Mitteleuropa weiß, dass alles, was einmal erfunden ist, auch Verwendung findet. Moral hat die Atombombe ja auch nicht aufgehalten. Und wenn man damit Geschichte schreiben kann und das Einspielergebnis steigern, dann macht man das halt.

Wie ein Dackel im Gefolge der Zwerge

Vielleicht betäubt ja das Auge dann auch den Kopf. Denn die kaum kaschierte philosophisch-moralische frohe Botschaft dieses künstlich hochgetunten Dreistünders ist eine simple, eine neue und eine höchst bemerkenswerte. Am Ende nämlich wird Bilbo von Thorin Eichenschild gefragt, warum er eigentlich immer noch treu wie ein Dackel im Gefolge der Zwerge gen Erebror zieht.

Weil er Heimweh hat, sagt er, und weil er eine Heimat hat, das Auenland, und die Zwerge, die vom bösen, gierigen Drachen aus ihrer Heimat vertriebenen Zwerge, die Jackson zu den von den orkischen Taliban gejagten ewigen Juden von Mittelerde hochstilisiert, die haben eben keine Heimat. So ist das. Den Helden eines Schriftstellers, den manche gern des Antisemitismus zeihen, zum Erlöser zu machen, das ist doch ein hübscher Treppenwitz.

Bilbo wird nicht drüber lachen. Wie – trotz gefühlt 13 Witzen über zwergisches Essverhalten – über den ganzen Film nicht. "Der Hobbit" ist, als wenn man zu wenig Butter über zu viel Brot verstriche. Der alte Bilbo kennt den Vergleich. Er steht am Beginn vom "Herrn der Ringe". 111 Jahre ist Bilbo da alt, auf dem Weg zum letzten Abenteuer. Wir, nach 170 Minuten optischem Dauerbeschuss, können ihm endlich seine Weltmüdigkeit nachfühlen. Nur haben wir noch zwei letzte Abenteuer vor uns. Bilbo ist halt doch eine beneidenswerte Existenz.

Quelle: Warner
08.12.12 2:28 min.
In der Vorgeschichte von "Der Herr der Ringe" muss Hobbit Bilbo Beutlin das verlorene Zwergenkönigreich zurückgewinnen. "Der Hobbit - Eine unerwartete Reise" ist der erste Teil der Prequel-Trilogie.
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