13.12.12

"Der Hobbit"

Als Bilbo Beutlin noch ein Kaninchen war

Hätte Tolkien Peter Jacksons "Hobbit" gemocht? Bei Disney-Filmen wurde dem Oxford-Professor übel. Andererseits übermalt das Kino, was Tolkien selbst gern verbarg. Die Anfänge Gandalfs zum Beispiel.

Foto: Klett-Cotta/Hobbit Press/JRR Tolkien

„Bruchtal“ – so wie Tolkien es sich, inspiriert von einer Reise in die Schweizer Alpen, vorstellte. Dem fertigen Bild gingen zahlreiche Studien voraus.

5 Bilder

Das große Kino hat für das Klein-Klein von Texten wenig übrig – und Peter Jackson ist ja sowieso ins Monumentale vernarrt. Mag er für den ersten Teil seiner "Hobbit"-Verfilmung auch am Schlachtengemälde gespart haben, beim Epischen ist er geblieben. Auf drei Stunden dehnt er das erste Drittel eines Buchs von 300 Seiten, wenn auch unter Zuhilfenahme so ziemlich aller verfügbaren Paralipomena.

J.R.R. Tolkiens Universum ist weit verzweigt und auf allerlei Anhänge, Vorgeschichten und Nachträge verteilt – Jackson musste Mittelerde also nicht untreu werden, um seine Hobbit-Trilogie zum "Herr der Ringe"-Prequel aufzupolstern. Nur Tolkiens ursprünglichen "Hobbit", der in Deutschland verräterisch lange "Der kleine Hobbit" hieß, konnte er nicht verfilmen.

Die Lücke zwischen "Hobbit" und "Herr"

Denn zwischen dem "Hobbit" von 1937 und dem "Herrn der Ringe" von 1954/55 klafft eine Lücke so groß wie das weite Land Rohan zwischen Anduin und Weißem Gebirge. "Hobbit" und "Herr" sind zwar aus demselben Stoff geschöpft – dem Tagtraum eines schüchternen Philologen, der am Kunstmythos arbeitete wie die Romantiker am Kunstmärchen; im übrigen aber verbindet beide Bücher nichts.

Als Tolkien anfing, seinen Kindern den "Hobbit" zu erzählen, war er weit davon entfernt, die Fantasy zu begründen; stattdessen stützte er sich auf ein etwas angejahrtes Kinderbuch namens "Der Wind in den Weiden", in dem Maulwurf und Wasserratte in die viktorianische Welt hinausziehen.

Wesenhaft ein Kaninchen

Den Augenblick der ersten Inspiration hat Tolkien oft beschrieben. Während er Prüfungsarbeiten korrigierte, schrieb er den Satz: "In einem Loch am Boden, da lebte ein Hobbit". Nie zugegeben aber hat er, was eigentlich offensichtlich ist: Dass dieser Hobbit nämlich wesenhaft ein Kaninchen ist – ein Löcher buddelndes Geschöpf mit großen behaarten Füßen, das auf Englisch so ähnlich wie Hobbit, nämlich rabbit heißt.

Zu einer Kindergeschichte passte das so gut wie der "kleine Zauberer", von dem bei Tolkien ursprünglich auch die Rede war und der den eigentlich einem Zwerg zugedachten Namen Gandalf nur deshalb übernehmen konnte, weil er in Tolkiens Vorstellung anfangs ein gartenzwergartiger Kauz gewesen sein muss. Eine Figur wie gemacht für das Sandmännchen, aber völlig ungeeignet für ein Kino-Spektakel mit 48 Bildern pro Sekunde.

Bei Disney wurde Tolkien schlecht

Hätte Tolkien diese Bilderflut gefallen? Der Professor aus Oxford konnte Hollywood nicht riechen, bei einigen Filmen aus den Disney-Studios sei ihm "richtig schlecht geworden". Andererseits hat er diese Filme gesehen und auch "erstaunliche und bezaubernde Momente" in ihnen gefunden. Vielleicht könnte er mit Jacksons Film leben – umso mehr, als Tolkien die riesige Lücke zwischen "Hobbit" und "Herr" liebend gern selbst gestopft hätte.

Denn in gewisser Weise hat Tolkien bis zu seinem Tod versucht, die Sturzgeburt des "Hobbit" mit der Kunstmythologie des "Herr des Ringe" in Einklang zu bringen und aus dem ursprünglichen Kinderbuch zu formen, was heute eben Prequel heißt: Die Orks sollten weniger koboldhaft wirken, die Elben weniger feenhaft und Gandalf, der Gartenzwerg des Anfangs, sollte bitteschön der "odinhafte Wanderer" sein, als den ihn Ian McKellen jetzt spielt.

Was immer also die Kritiker sagen mögen (dass sich Jacksons Film alles Epische nur erschleicht; dass der "Hobbit" nicht Fantasy, sondern bloß Abenteuer ist): Jacksons Versuch hätte vermutlich Tolkiens Segen.

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