12.12.12

Ravi Shankar (†)

Marathon-Konzerte und dann stundenlang lieben

Seine Wirkung ist gar nicht zu überschätzen: Er beeinflusste Philip Glass und George Harrison, war Freund von Duke Ellington und Clark Gable. Nun ist der Sitar-Meister 92-jährig gestorben.

Von Holger True
Foto: dapd

Ravi Shankar im Jahr 2005 bei einem Konzert in der Schweiz
Ravi Shankar im Jahr 2005 bei einem Konzert in der Schweiz

Was tue ich nur in diesem Käfig, in diesem alten Körper?" schrieb Ravi Shankar einigermaßen fassungslos bereits vor 13 Jahren in seiner Autobiografie "Raga Mala". "Warum kann ich nicht mehr wie früher Marathon-Konzerte geben und hinterher stundenlang Liebe machen? Mein Geist ist doch noch so jung…" Das Altern, es war ein Problem für den Sitar-Virtuosen, den alles überragenden Weltstar der nordindischen Klassik, der sich von einer Herzoperation nicht mehr erholte und am Dienstag mit 92 Jahren in einer kalifornischen Klink starb.

Bis zuletzt quoll er über vor Zukunftsplänen, komponierte ohne Unterlass, erlebte in London die Uraufführung seiner Symphonie für Sitar und Orchester und gründete Anfang 2012 eine eigene Plattenfirma, um legendäre Archivaufnahmen zu veröffentlichen. "Ich kann nachts kaum einschlafen, so viele Ideen habe ich", erklärte er, der 1920 in Indiens heiliger Stadt Varanasi als Robindro Shaunkor Chowdhury geboren wurde. Nur die Konzerte fielen ihm zunehmend schwerer: Beim letzten Auftritt, den er am 4. November gemeinsam mit seiner Tochter und Schülerin Anoushka Shankar absolvierte, brauchte er Rollstuhl und Sauerstoffgerät.

Die Karriere des Ravi Shankar begann im zarten Alter von zehn Jahren, als er mit der Tanz- und Musiktruppe seines älteren Bruders Uday nach Paris zog und hier ebenso große Erfolge feierte wie im Rest Europas und den USA. Es war ein Leben des Glamours und der Versuchungen, ein Leben, das Shankar lange sehr genoss. Vor allem als junger Erwachsener. "Ich hatte Mädchen in jedem Hafen, manchmal nicht nur eines", erinnerte er sich. Schauspieler wie Clark Gable und Joan Crawford, Musiker wie Cole Porter und Duke Ellington gehörten zu seinem Bekanntenkreis, und Shankar sog all diese neuen Einflüsse begierig auf.

Sieben Jahre bei einem strengen Meister

Doch die Freuden des Weltlichen, sie reichten ihm letztlich nicht. Er wollte mehr, wollte zu den spirituellen Quellen der Musik vordringen. Und war bereit, dafür alles auf eine Karte zu setzen, auf die strenge Ausbildung bei Ustad Allauddin Khan, ab 1938 sein Guru, in dessen Haus er sieben Jahre lebte und dessen Tochter Annapurna Devi er später heiratete. Eine harte Schule, die tägliches vielstündiges Üben und absoluten Gehorsam gegenüber einem Meister verlangte, der nicht die kleinste Unachtsamkeit durchgehen ließ. Hier wurde der Rohdiamant geschliffen, der zunächst in seiner Heimat für Aufsehen sorgte und dort das Musikprogramm des einflussreichen All India Radio verantwortete oder Soundtracks für die Filme seines berühmten Landsmannes Satyajit Ray schrieb.

Ab den 50er-Jahren war Shankar Indiens wichtigster kultureller Botschafter, trat in der UdSSR und Japan auf, traf Yehudi Menuhin und John Coltrane, beeinflusste nachhaltig Philip Glass und eroberte den Westen endgültig, als George Harrison sein Freund und Schüler wurde. Mit dem Beatle nahm er mehrere Alben auf, gemeinsam tourten die beiden durch die USA und zollten einander immer wieder öffentlich Respekt. Harrison blieb Shankar bis zu seinem Tod im November 2001 verbunden und schrieb später das Vorwort für dessen Biografie.

Woodstock, Monterey Pop, das Concert for Bangladesh: Die Hippiebewegung umarmte Ravi Shankar in den späten Sechziger- und frühen Siebzigern, fuhr ab auf den exotischen Sound der Sitar, der begleitenden Sarod und der Tabla-Trommeln. Aber dem Umschwärmten missfiel, was er sah. Vor allem der Drogenkonsum passte nicht zu einer Musik, die er als göttlich empfand. Die Festival-Auftritte waren große Erfolge, aber ihm auch eine Qual. Er wollte ein hoch konzentriertes Publikum, keines, das die komplexen Ragas lediglich als stimmungsvollen Soundtrack zum nächsten LSD-Trip betrachtete.

Er sah seine Musik nicht gern auf Pop-Alben

Auch die Popularisierung der indischen Klassik, deren Elemente sich zunehmend auf Pop-Alben fanden, betrachtete er mit gemischten Gefühlen. Man könne nicht einfach ein paar Töne auf der Sitar spielen und dann behaupten, man habe das Wesen der Musik erfasst. Dazu gehöre viel mehr, ein spiritueller Reifungsprozess, der auf einer Jahrtausende alten Kultur fuße. Verbündete im Geiste waren ihm Musiker wie Mstislaw Rostropowitsch, Yehudi Menuhin oder Zubin Mehta, mit denen er eine Brücke von Ost nach West schlug und epochale Platten einspielte. Unvergessen auch seine Musik zu Richard Attenboroughs Filmbiografie "Gandhi".

Eine gute Übersicht bietet die ab dem 18. Dezember erhältliche Zehn-CD-Box "The Ravi Shankar Collection" (EMI), die einige Hauptwerke versammelt. Ansonsten ist seine Diskografie unübersichtlich, viele legendäre Live-Aufnahmen, etwa auf dem deutschen Chhanda-Dhara-Label sind kaum noch zu finden, anderes ist nur in Indien oder den USA erschienen. Hier lebte er mit seiner zweiten Frau Sukanja Rajan, die ihm ein spätes Glück bescherte: Tochter Anoushka, geboren 1981, seine Meisterschülerin. Und Halbschwester von Jazzsängerin Norah Jones, das Ergebnis einer Affäre, zu der sich Shankar erst spät öffentlich bekannte.

Sukanya und Anoushka waren bei ihm, als er starb und schreiben auf seiner Website: "Auch wenn dies jetzt eine Zeit der Trauer ist, so ist es auch eine Zeit, um dankbar zu sein, dass er ein Teil unseres Lebens war. In unseren Herzen und in seiner Musik wird er ewig weiterleben." In der Tat: Den Käfig seines alten Körpers hat Ravi Shankar verlassen, aber was er geschaffen hat, als Musiker und Bewahrer indischer Traditionen, wirkt weit über ein Menschenleben hinaus.

Foto: dapd

1967: Beatle George Harrison und sein Sitar-Lehrmeister Ravi Shankar. Der indische Musiker starb im Dezember 2012 im Alter von 92 Jahren.

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