12.12.12

Late Night Daums erweiterte Denkgrenzen bei Maischberger

Von Caroline Stern

Bei Sandra Maischbergers Talk erklärt Fußballtrainer Daum seinen "kooperativ-autoritären" Führungsstil. Modedesigner Harald Glööckler vertraut der „totalitären Monarchie mit Mitbestimmungsrecht”.

"Chefs haben Marotten und Macken wie alle anderen, aber sie haben auch Macht", schwor Sandra Maischberger die Zuschauer auf das Thema ihres letzten Talks vor der Winterpause ein. "König oder Kumpel: Wieviel Chef darf es sein?", fragte sie mit Blick auf eine "Arbeitswelt, die immer schwieriger wird, in der man immer flexibler, mobiler und immer erreichbar sein muss."

Der schrille Modedesigner Harald Glööckler hatte da ganz unverhofft bodenständige Ansichten. In dieser Woche schaut der als streng und anspruchsvoll geltende Unternehmer auf 25 Jahre seines Modelabels "Pompöös" zurück. "Da, wo die Begeisterung fehlt, fehlt alles", eröffnete Glööckler sein zwanzigminütiges Einganssolo bei Maischberger, das wie im Flug verging.

In einer Branche, in der die meisten scheitern, hat er sich vom Verkaufslehrling zum erfolgreichen Modeschöpfer hochgearbeitet und stellt nun bezahlbare Couture für Millionen Frauen her. Zusätzlich kreiert der Stardesigner Pralinen, entwirft Tapeten oder ist Hauptakteur in einer TV-Doku-Soap ("Glööckler, Glanz und Gloria"). In seinem Unternehmen herrsche "totalitäre Monarchie mit Mitbestimmungsrecht", fasste er seine Methode zusammen.

Die größte Motivation für seine Mitarbeiter sei sein Erfolg, denn sie seien ja Teil davon, sagte Glööckler weiter. Außerdem sei er sehr direkt, aber auch herzlich, er verlange viel, aber bezahle seine Angestellten auch gut, denn "nur wenn sie gut leben können, haben sie auch Spaß bei der Arbeit." Und wenn er einen Fehler gemacht habe, entschuldige er sich daraufhin auch mal bei seinem Personal.

Daums Motivationsmethoden – "Psycho-Gags"?

Fußballtrainer Christoph Daum, der als Motivations-Guru gilt und auch Unternehmen außerhalb des Fußballsports berät, fand Glööcklers Einstellung und Rede klasse. Leidenschaft und Begeisterung seien auch Daums Grundelemente. Dazu lobte er das "absolut menschenbezogene Führungsverhalten".

Auch er würde vom Kumpeltum mit den Angestellten abraten. Daums Führungsstil sei "kooperativ-autoritär". Er sehe sich demnach als Impulsgeber und Vordenker, müsse aber auch die anderen Leute mitnehmen, statt sie zu überfordern. Will heißen, er müsse nicht nur ihre Stärken, sondern auch ihre Schwächen sehen.

Zehn Fußballtitel in drei Ländern hat Daum mit seinen Vereinen geholt, musste allerdings auch einige Niederlagen einstecken. Doch das gehört dazu. Seine Motivationsart – zum Beispiel Spieler barfuß über Glas laufen zu lassen – polarisierte schon mehrfach die Nation.

Daum war sich sicher bei Maischberger: Selbst ein Reiner Calmund würde in den Scherben stehen "wie in Sahne". Das habe einfach etwas mit dem Erweitern von Denkgrenzen zu tun. Mit der Veränderung seiner Denkvorgänge könne man schaffen, was man vorher nie für möglich gehalten habe, so Daum.

"Psycho-Gags", nannte das Prof. Dr. Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité, abfällig. "Das finde ich geradezu kindisch", sagte sie weiter. "Was soll das bringen, über Scherben zu gehen?" Das Prinzip der erfolgreichen Psychotherapie sei, "dass man etwas tut, was sinnvoll ist".

Auch an Daums Unternehmung, 150 Firmenangestellte einen Jumbojet mit einem Seil ziehen zu lassen, um zu zeigen, was ein Teamgeist alles bewegen könne, tat sie als nichtig ab. Man müsse sich am Leben orientieren. "Wir müssen mit unserer Körperkraft nichts bewegen, denn wir sind heute fast alles Geistesmenschen", so ihr Argument.

Das Ganze spreche doch eher für Daums Suggestivkraft. Es funktioniere für einen Moment, aber wenn Daum weg sei, sei auch der Rest weg. Damit verärgerte Heuser, die konsequent für Dienst nach Vorschrift plädiert, den Trainer mit den unkonventionellen Methoden.

Grenzen erweitern

Trotzdem versuchte er es noch einmal freundlich: "Sie gehen sehr intellektuell heran, aber wir haben mehr als einen Sinn, um Grenzen zu erweitern." Darauf ging sie jedoch nicht ein. Heuser teilte lieber weiter aus, dieses Mal in Richtung des Karriereberaters und Bestsellerautors Martin Wehrle.

Sein Buch mit dem Titel "Ich arbeite in einem Irrenhaus" zeige vor allem das Leiden von Mitarbeitern unter autoritären, mobbenden Chefs anhand von vielen kleinen wahren Geschichten, die Wehrle gesammelt hat. Mittlerweile gibt es die 25. Auflage des Buches, das seit mehr als 80 Wochen in den Bestsellerlisten steht. Wehrles Resümee in der Sendung: "Ich muss mir jemanden aussuchen, der zu mir passt als Chef."

Der große Erfolg seines Buches, so Heuser attackierend, komme vielleicht eher daher, dass es eine Reality-Soap darstelle. Die Leute würden es kaufen, um sich mal richtig zu gruseln. Aus ihrer Sicht gäbe es den autoritären Chef gar nicht mehr. Auch Daum habe noch nie eine Erfahrung in Deutschland gemacht, die in dem Buch beschrieben sei. Rechtsanwalt Helmut Naujoks, der nach 50 Minuten zusammen mit Verdi-Gewerkschaftssekretärin Katharina Wesenick zur Runde dazu stieß, bezeichnete das Buch gar als "Fiktion".

"Raubbau an Mitarbeitern" im Einzelhandel

Der Jurist vertritt ausschließlich Arbeitgeber und ging Wehrle scharf an. Dieser hatte sich zuvor gerühmt, 2000 E-Mails von Lesern seines Buches erhalten zu haben, die seine Geschichten bestätigten. Doch Naujoks rechnete ihm vor, es gäbe 41 Millionen Beschäftigte und 3,6 Millionen Unternehmer in Deutschland. "Wenn er 2000 Zuschriften bekam, sind wir bei ungefähr 0,0005 Prozent. Das sind also massive Einzelfälle, die sehr überspitzt dargestellt sind."

Wehrle verzerre die Tatsachen, so Naujoks weiter. Worauf Wehrle ihn als "Unrechtsberater" bezeichnete, was eine kleine, aber heftige persönliche Auseinandersetzung der beiden zur Folge hatte.

Ver.di-Frau Wesenick, die für den Einzelhandel zuständig ist, der immerhin den größten Marktanteil in Deutschland besitzt, kam in der ganzen Diskussion etwas zu kurz. Nur anschneiden konnte sie ihre Erfahrung vom "Raubbau an Mitarbeitern" in Discountern, von Unternehmern, die Tarifflucht be- und Schutzrechte umgehen, von Druck und jeder Menge Angst, wo man "nur wenig motivieren" könne.

Ein integres Menschenbild

Auch sie ließ kein gutes Haar an Naujoks, der unter Gewerkschaftern als "Bulldozer" gilt. Er warf ihr daraufhin Scheinheiligkeit vor und erzählte kurz von seinem Alltag, in dem er Einzelfälle bearbeite, wo wiederum Vertriebschefs zu Mobbing-Opfern würden. Wehrle wollte ihn daraufhin mit Statistiken mundtot machen, doch Heuser mischte sich wieder ein, überfiel Wehrle, und der nächste Streit entbrannte.

Im Großen und Ganzen blieb es jedoch recht friedlich bei Maischberger am Dienstagabend. Ein Patentrezept für Führungsstil oder Motivation konnte niemand ausstellen. Doch alle stimmten Daum zu, als er zum Schluss sagte, dass das ganze Wirtschaftsbild von Menschen geprägt sei und er lege ein integres Menschenbild zugrunde. Was also lernen wir aus Maischbergers Sendung kurz vor Weihnachten: Auf jeden Menschen kommt es an.

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