11.12.12

Frankreichs Elite

Noch sind die Musterschüler an der Macht

Die Besten der Besten werden hier ausgebildet: So gut wie die gesamte Führungsriege Frankreichs hat die Verwaltungsschule ENA absolviert. Doch die Kritik an diesem elitären System wird immer lauter.

Von Uwe Schultz
Foto: Getty Images

Sozialist und Absolvent der Eliteschule ENA – in Frankreich schließt sich das nicht aus: Staatspräsident Francois Hollande
Sozialist und Absolvent der Eliteschule ENA – in Frankreich schließt sich das nicht aus: Staatspräsident Francois Hollande

Nicolas Sarkozy, der im Mai nach fünf Jahren aus dem Amt geschiedene Staatspräsident Frankreichs, hat sie nicht geschätzt und ihnen misstraut – den Absolventen der hohen Verwaltungsschule ENA (École nationale d'administration). Er, selbst, ausgestattet mit einer universitären Ausbildung zum Advokaten, suchte die Nähe zu den Industriekapitänen, die ihren Aufstieg unternehmerischer Originalität und persönlicher Durchsetzungskraft verdankten. Auch in der Ausbildungsstätte für die höchsten Staatsämter wollte er bei seinem Amtsantritt 2007 den "Bruch" ("la rupture") – es ist ihm kaum gelungen.

Nun sind sie zurück an der Macht – die Musterschüler der ENA und besonders der Jahrgang 1978-1980, der sich selbst den Namen "Voltaire" gab, an ihrer Spitze der neue sozialistische Staatspräsident François Hollande. Aber unter den Absolventen dieser Jahrgangsklasse findet sich nicht nur seine langjährige Lebensgefährtin Ségolène Royal, die 2007 als sozialistische Kandidatin gegen den neogaullistischen Sarkozy antrat, sondern auch der neue Arbeits- und Sozialminister Michel Sapin.

Selbst wenn der neue Premierminister Jean-Marc Ayrault nicht zu den Enarchen – wie sie leicht respektlos genannt werden – zählt, seine wichtigsten Minister haben ebenfalls diese Kaderschule absolviert – Pierre Moscovici (Wirtschafts- und Finanzminister) und Laurent Fabius (Außenminister, einst unter dem sozialistischen Staatspräsidenten François Mitterand jüngster Premierminister Frankreichs).

Kollaborateure ausschalten

Alles nahm seinen Anfang am 9. Oktober 1945 mit der Ordonanznummer 45–2283. Der Präsident der Provisorischen Regierung Charles de Gaulle beauftragte seinen Vertrauten Michel Debré und eine Kommission, "für Frankreich eine Verwaltung auf der Höhe der zukünftigen Aufgaben zu schaffen." Es galt, jene hohen Staatsbeamten auszuschalten, die in der Besatzungszeit mit dem Feind kollaboriert hatten und als politisch nicht mehr korrekt von dem zukünftigen, demokratischen Verwaltungssystem fernzuhalten waren.

Die neue Verwaltungselite sollte sich in der Tat einem sauberen, egalitären, einzig leistungsbezogenen System verdanken, das am Ende nur "die besten Schüler" dem Staat zu Verfügung stellen würde. Ein weit gefächertes Auswahlsystem wurde aufgebaut: Jeder, Frau oder Mann, wohlhabend oder arm, aus gebildeter oder ungebildeter Familie, aus der kulturellen Hochburg Paris oder der tiefsten Provinz des Zentralmassivs, jeder war zugelassen und wurde finanziell großzügig gefördert. Einzig der Wissensstand und die Willenskraft sollten zählen, sich immer neuen und immer härteren Prüfungen zu unterwerfen und sie möglichst mit der Bestnote zu bestehen.

Die Besten der Besten, in jedem Jahrgang etwa 100 Auserlesene, durchlaufen in 27 Monaten einen permanenten Stresstest, zu dem inzwischen der Einsatz in einer französischen Präfektur sowie der in einer französischen Auslandsbotschaft zählen - auch dort jeweils streng beobachtet und bewertet, meist von einem älteren Enarchen, der seinen zukünftigen Kollegen in der Regel unbeschädigt weiterziehen lässt, könnte dieser doch schon in wenigen Jahren sein vorgesetzter Minister sein.

Staatsbeamte auf Lebenszeit

Am Ende steht das definitive "classement", das jedem der ersten 15 Bestbenoteten den freien Zutritt nach eigener Wahl in die höchsten Ämter der Staatsverwaltung verschafft – in den "Grand Corps de l'État". Dieser umfasst alle Ministerien – einschließlich der Justiz und des Staatsrates (Conseil d'État).

Abgesehen davon dass dieses Ausleseverfahren zu einem verringerten Frauenanteil und zu einem höheren Prozentsatz an Absolventen aus Akademikerfamilien geführt hat, wird immer heftiger diese Methode der Elitebildung kritisiert. Nicht zuletzt Sarkozy hat es als "schockierend" empfunden, dass "das das Resultat eines bestandenen Wettbewerbs im Alter von 25 Jahren das ganze Berufsleben bestimmt." Sofort zum Staatsbeamten auf Lebenszeit ernannt, vollzieht sich der weitere Aufstieg einzig auf der Karriereleiter der Staatsämter.

Es gibt jedoch eine verführerische Alternative, und sie wird nicht selten gewählt – das "Pantoufler". Es erlaubt den Wechsel in halbstaatliche oder auch privatwirtschaftliche Großunternehmen, in die der Enarch hinüberwechseln kann. Offiziell darf er es erst nach zehn Jahren im Staatsdienst, damit die hohen Kosten seiner Ausbildung sich für den Staat wenigstens teilweise rentieren.

Im weichen Sessel der Staatsbeamten

Aber auch diese Barriere wird schnell zur Seite geräumt, wenn das Unternehmen die Rückerstattung der Kosten übernimmt, bietet sich dadurch doch nicht selten die Chance, dass der umworbene neue Mitarbeiter eben aus jenem Ministerium stammt, aus dem das Unternehmen seine Aufträge erhält und somit erhoffen darf, seine Umsätze weiter zu steigern.

Zur letzten Begünstigung eines ENA-Absolventen zählt zudem ein lebenslanges Rückkehrrecht in den Staatsdienst, das jedoch bei erfolgreicher Karriere in der Wirtschaft eher selten gewählt wird, zumal die Gehälter in den freien Unternehmen die des Staates um mindestens das Vierfache übersteigen. Aber im Fall des Scheiterns fällt der Enarch nicht in Bodenlose, sondern landet auch dem weichen Amtssessel eines Staatsbeamten.

Das Netz der ENA-Absolventen hat sich in Jahrzehnten über fast alle führenden Positionen vom Staatspräsidenten bis zu den Direktoren der Staatsbetriebe einschließlich der größten Privatbanken und Versicherungskonzerne und natürlich der halbstaatlichen Aktiengesellschaften wie Renault oder EdF (staatliches Monopol der Elektrizitätsversorgung) ausgebreitet.

"Man lernt zu schweigen"

Zwar haben einst, im Jahr 1972, die Sozialisten die Abschaffung der ENA sogar in ihr Parteiprogramm aufgenommen, aber längst sind sie selbst Nutznießer und Teil des Systems geworden, sichtbar an dem Aufstieg von Michel Rocard und Lionel Jospin in das Amt des Premierministers und nun von François Hollande in das des Staatspräsidenten. Er ist der erste Sozialist, der in der Fünften Republik die Spitze des Staates erreicht hat. Inzwischen ist die Zahl der aktiven Enarchen auf 4 300 gestiegen, von denen nicht weniger als 23 im Élysée und 72 im Matignon arbeiten.

Ausgenommen vom Auftreten der Enarchen, das häufig als arrogant empfunden wird, ist es der Vorwurf, sie würden in ihren verschiedensten Ämtern eher verwalten als regieren: "Die ENA pflegt einen zu engen Bezug zu den institutionellen und diplomatischen Aufgaben, sie bereitet nicht ausreichend, wie es nötig wäre, auf die wirtschaftlichen Realitäten vor." So urteilt Claude Revel – auch er Absolvent des Jahrgangs "Voltaire".

Gerade hat der junge ENA-Absolvent Olivier Saby die Arcana der Eliteschule in einem Tagebuch ausgeplaudert: "Man lernt vor allem zu schweigen", also sich restlos anzupassen. "Das Richtmaß des Funktionärs ist die Neutralität." Dieser Verzicht auf eigene Initiative oder gar unabhängiges Denken führt zu einem Mangel an Kreativität unter den Enarchen: "Wir sind Techniker, und die Technik ist kein Programm."

Man muss nicht so weit gehen wie Alain Madelin, der 1995 kurz Wirtschaftsminister war und krass urteilte: "Irland hat die IRA, Spanien hat die ETA, Italien hat die Mafia, und Frankreich hat die ENA." Aber die politische und wirtschaftliche Entwicklung, besonders die der Globalisierung, erfordert andere Ausbildungsmethoden, so dass inzwischen die besten Köpfe Frankreichs den Aufstiegsweg über Wirtschafthochschulen und ausländische Universitäten wählen. Zu denken gibt schließlich, dass kein anderes Land in Europa und darüber hinaus das ENA-System, so lupenrein leistungsbezogen und demokratisch gerecht es im Prinzip ausgedacht war, bisher übernommen hat.

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