11.12.12

Javier Bardem

"Ich bin nur ein Mensch, der zu helfen versucht"

Im Kino gibt es derzeit keinen großartigeren Bösewicht als ihn: Javier Bardem hat es in den Hollywood-Olymp geschafft – und engagiert sich vehement gegen Menschenrechtsverletzungen in Afrika.

Foto: wildbunch

Ein stolzer – und humanitär engagierter – Wüstensohn: Oscargewinner Javier Bardem in der West-Sahara
Ein stolzer – und humanitär engagierter – Wüstensohn: Oscargewinner Javier Bardem in der West-Sahara

Mit Javier Bardem assoziiert die Weltöffentlichkeit derzeit nur den Bösewicht im neuen James Bond. Aber dem 44-jährigen Oscargewinner wird das ziemlich egal sein. Denn statt für Leinwandgeballer interessiert er sich wesentlich mehr für reale Konfliktherde. In der West-Sahara hat der Spanier ein neues Tätigkeitsfeld für sich entdeckt. Die ehemalige spanische Kolonie war 1976 von Marokko annektiert worden, das heute den Großteil des Gebiets mit brutaler Polizeigewalt kontrolliert.

Mit der Dokumentation "Hijos de las nubes, la última colonia" ("Söhne der Wolken, die letzte Kolonie") versucht Bardem, die Weltöffentlichkeit auf den ungelösten Konflikt aufmerksam zu machen – und die katastrophale humanitäre Lage der angestammten Bevölkerung der Westsahara, der Sauhrawis, von denen 100.000 in Flüchtlingscamps leben. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost erklärt er, warum Filmemachen für ihn persönlich die einzige Lösung ist.

Berliner Morgenpost: Haben Sie eigentlich schon mal eine Person getroffen, die Sie für böse hielten?

Javier Bardem: Nein, noch nie. Aber das heißt nicht, dass so jemand nicht existiert. Sie müssen sich nur die Nachrichten ansehen. Da werden Sie ständig mit Akten des Bösen konfrontiert – zum Beispiel im syrischen Bürgerkrieg.

Berliner Morgenpost: Haben solche Medienerfahrungen Sie bewogen, zum Aktivisten zu werden?

Bardem: Ich halte mich nicht für einen Aktivisten. Dieses Wort verdient sehr viel Respekt. Denn Aktivisten riskieren ihr Leben. Ich bin nur ein Mensch, der zufälligerweise mit einem Problem konfrontiert wurde und zu helfen versucht.

Berliner Morgenpost: Warum haben Sie sich die Situation in der Westsahara ausgesucht, mit der die breite Öffentlichkeit nichts verbindet?

Bardem: Spanien verbindet natürlich mit der Westsahara sehr viel. Als ich 2008 das Sahara-Filmfestival in Dakhla besuchte, wo Tausende Sahraui-Flüchtlinge leben, erkannte ich meine Verantwortung als Spanier. Die Situation in der Region wird von den Regierungen als relativ kleines Problem betrachtet, eigentlich ganz einfach zu lösen. Seit 1991 gibt es einen UN-Beschluss, dass ein Referendum über die Unabhängigkeit der Westsahara abgehalten werden soll. Das wurde bislang von Marokko verhindert. Ebenso wenig überwacht die UN die Einhaltung der Menschenrechte in den von Marokko kontrollierten Gebieten – obwohl die Vereinten Nationen mit einer Beobachtermission präsent sind.

Wenn die UNO selbst diese überschaubaren Probleme nicht lösen kann, wie soll sie dann mit noch viel komplexeren Situationen fertig werden? Dieser Gedanke war für meinen Regisseur Alvaro Longoria und mich der Anstoß, diese Geschichte zu erzählen. Wir versuchen, das Problem noch besser zu verstehen und den Menschen, die bereits davon wissen, noch tiefer gehendere Informationen zu vermitteln.

Berliner Morgenpost: Woran liegt es, dass der Rest der Welt die Sahrauis stiefmütterlich behandelt?

Bardem: In erster Linie am Einfluss Marokkos. Das ist ein strategisch wichtiges Land, das von vielen mächtigen Nationen umworben wird. Deshalb legte beispielsweise Frankreich ein Veto gegen die Entsendung von UN-Beobachtern ein, die die Menschenrechtssituation überprüfen sollten. Das bestätigen auch die offiziellen Vertreter Frankreichs, die in dem Film zu Wort kommen. So etwas ist reine Realpolitik. Sie wird bestimmt von den Bedürfnissen der verschiedenen Regierungen, die am Status Quo nichts verändern wollen.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie bislang effektiv erreicht?

Bardem: Vor einem Jahr erhielten wir die Chance, diese Problematik vor einem UN-Komitee zu präsentieren. In diesem Sommer haben wir die Dokumentation Mitgliedern des Europäischen Parlaments gezeigt und mit ihnen drei Stunden lang diskutiert. Das Parlament hat die Verantwortung, Spanien und Frankreich darauf hinzuweisen, diesem Fall Beachtung zu schenken. Hier geht es um eklatante Menschenrechtsverletzungen. Jetzt reisen wir mit dem Film von Festival zu Festival, er wird unter anderem in den Vereinigten Staaten und in Frankreich im Kino gezeigt werden.

Berliner Morgenpost: In Ihrer Familie gehört politisches Engagement zur Tradition. Ihr Onkel, der Regisseur Juan Antonio Bardem, wurde wegen seiner antifaschistischen Filme inhaftiert; ihre Mutter entging per Zufall einem politisch motivierten Attentat...

Bardem: Ich engagiere mich, weil ich mich als Teil dieser Welt betrachte. Ich versuche einfach zu helfen. Wobei es wesentlich bessere Methoden als Filmemachen gibt. Aber letztere ist eben die einzige, bei der ich mich halbwegs auskenne. Zumindest tue ich so als ob. Einmal besuchte ich für eine Dokumentation eine Krankenstation von Ärzte ohne Grenzen in Äthiopien. Natürlich war ich so schockiert, dass ich fragte: "Was kann ich tun?" Man fragte mich: "Sind sie ein Arzt?" "Nein." "Ein Krankenpfleger?" "Nein." "Kennen Sie sich in der Wüste aus? " "Nein." "Dann fahren Sie am besten wieder nach Hause. Und machen Sie weiter Filme, denn wenn wir zurückkommen, haben wir mit Ihren Filmen Freude. Und wenn Sie etwas über uns drehen wollen, tun sie es ruhig."

Berliner Morgenpost: Sie protestieren nicht nur gegen die Menschenrechtsverletzungen in Afrika, sondern auch gegen den sozialen Kahlschlag in Ihrer Heimat, wo Sie bei Demonstrationen dabei sind. Wie sehr werden Sie als Weltstar davon tangiert?

Bardem: Ich gebe zu, dass ich mich in einer privilegierten Lage befinde. Aber die Situation in meinem Umfeld ist bedrückend. So viele talentierte Leute, egal ob Wissenschaftler, Ärzte oder Künstler haben keine Zukunft mehr. Sie stehen unter dem Druck, das Land zu verlassen. Gleichzeitig erhalten rechtsradikale Bewegungen in der Krise Aufwind und ziehen gegen Immigranten zu Felde. Ich möchte daran erinnern, dass wir selbst während der Franco-Ära eine Nation von Auswanderern waren. Deshalb hatten wir danach Verständnis für die Situation von Einwanderern und haben sie relativ gut behandelt. Das darf sich jetzt nicht ändern.

Berliner Morgenpost: Und Ihr privilegierter Status schafft wirklich keine Distanz zu solchen Problemen?

Bardem: Ich meinte lediglich, dass ich das Glück habe, Arbeit und Aufträge zu bekommen und so mein Geld zu verdienen. Aber was mir an Status von der Öffentlichkeit und den Medien zugeschrieben wird, hat mit meiner Person nichts zu tun. Ich achte nicht darauf.

Berliner Morgenpost: Hat Sie nicht Al Pacino angerufen, um seine Bewunderung auszudrücken? Immerhin nannten Sie ihn Ihren Gott.

Bardem: Ja, er hat mich angerufen, aber das heißt nicht, dass er mich bewundert. Das kam nur, weil wir beide mit Julian Schnabel befreundet sind, und Julian lag ihm in den Ohren: "Jetzt ruf doch mal endlich Javier an. Das wird ihm ganz viel bedeuten." Mehr war da nicht.

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