10.12.12

Verlage

Geht es mit Suhrkamp wirklich zu Ende?

Dramatische Entwicklung um den Suhrkamp Verlag: Ulla Unseld-Berkéwicz ist nach einem Gerichtsurteil als Geschäftsführerin abberufen worden. Der Verlag ist schockiert und geht in die Berufung.

Von Richard Kämmerlings
Foto: dapd

In Bedrängnis: Die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz hat vor dem Berliner Landgericht eine Niederlage erlitten.
In Bedrängnis: Die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz hat vor dem Berliner Landgericht eine Niederlage erlitten.

Sollte dies der Anfang vom Ende gewesen sein? Kann das sein? So sang- und klanglos, unpathetisch, beiläufig, grotesk-beamtenhaft? Im winzigen Saal 3809 des Landgerichts Berlin-Mitte verloren sich gerade einmal ein knappes Dutzend Journalisten (viel mehr hätten hier auch nicht hereingepasst), ein Schriftsteller (Rainald Goetz, im Nebenberuf Gerichtsprotokollant) und ein Anwalt der Klägerseite, als der Vorsitzende Richter Hartmut Gieritz den sogenannten Tenor seines Urteils herunterratterte.

12 Uhr ging es los, 12.12 Uhr war man fertig, und die versammelten Literaturkritiker schauten sich ratlos und wie überfahren an: Hatte der Mann gerade wirklich gesagt, Ulla Unseld-Berkéwicz sei als Geschäftsführerin des Suhrkamp-Verlages abberufen? Und bedeutet es das, was man glaubt, dass es bedeutet? Eine Szene wie aus einem absurden Theaterstück: Fin de partie?

Die komplizierten Besitzverhältnisse

Der Reihe nach für all diejenigen, die nicht mit jeder Windung dieses Rechtsstreits vertraut sind: Der Suhrkamp Verlag ist eine GmbH und Co. KG. Die beiden Gesellschafter sind: die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung (61 Prozent der Anteile), die de facto Unselds Witwe Ulla Berkéwicz gehört, und die in der Schweiz ansässige Medienholding AG Winterthur des Hamburger Unternehmer Hans Barlach (39 Prozent).

Beide Gesellschafter liegen in verschiedenen Sachen erbittert miteinander im Clinch; eine gütliche Einigung scheint ausgeschlossen. Es geht um die Macht im Verlag; Barlach will über den Kurs mitbestimmen, dazu muss er selbst in die Geschäftsführung oder zumindest dort eigene Leute installieren.

Vor einem Frankfurter Landgericht haben in der vergangenen Woche die beiden Parteien sich gegenseitig auf Ausschluss aus der Gesellschaft verklagt; Barlach hat gar die Auflösung der GmbH, also des Suhrkamp Verlags in seiner jetzigen Form, beantragt – im Gesellschaftsrecht die ultima ratio. Denn dann müsste der Verlag tatsächlich zerschlagen (Fachausdruck: "liquidiert") werden. Dieses Horrorszenario ist angesichts der zerrütteten Beziehung aber keineswegs unrealistisch.

Der Münchner Jurist Reinhard Lutz etwa, Autor des hier einschlägigen Fachbuchs "Der Gesellschafterstreit" (3. Auflage 2013, C.H.Beck), sieht die Auflösung des Verlags als sehr wahrscheinlich an. Im Februar wird darüber entschieden. Selbst bei einem Gang bis vor den Bundesgerichtshof werde es, so Lutz gegenüber der "Welt", spätestens in ein bis zwei Jahren eine Entscheidung geben. Es sieht schlecht aus.

Nur ein Nebenkriegsschauplatz?

In Berlin stand nun ein vergleichsweise beiläufiger Streit an, auf einem Nebenkriegsschauplatz, so dachte man jedenfalls. Ulla Berkéwicz hat in ihrer erst kürzlich aufwändig umgebauten Villa im noblen Viertel Nikolassee Räume an den Verlag vermietet – für die Unterbringung von Gästen und Veranstaltungen. Dagegen hat Barlach geklagt, weil er darin eine unzulässige Vermischung von Privatem und Geschäftlichem sieht und überhaupt eine Verschleuderung von Verlagsvermögen.

Konkret geht es dabei um 552 Quadratmeter zu einer Monatsmiete von 6600 Euro (inklusive Nebenkosten, Peanuts, denkt man, aber auf die kommt es hier tatsächlich an). Das Gericht hat Barlach nun Recht gegeben – was der juristische Laie nachvollziehen kann, denn sich quasi selbst die eigene Villa zu vermieten und so das Geld vom Verlags- auf das Privatkonto zu transferieren, das scheint doch ein ziemlich durchsichtiges Geschäftsmodell mit reichlich Geschmäckle zu sein.

Bis zu einer Summe von 75.000 Euro jährlich hätte man die Zustimmung des Minderheitsgesellschafters nicht gebraucht. Bei Suhrkamp rechnete man mit der Kaltmiete; mit den Nebenkosten aber überschritt man offenbar die Schwelle und lieferte Barlach die offene Flanke.

So wurden nun im ersten Verfahren die drei Suhrkamp-Geschäftsführer – Ulla Unseld-Berkéwicz, Thomas Sparr und Jonathan Landgrebe – zu rund 300.000 Euro Schadenersatz verurteilt, die sie an den Verlag zu zahlen haben. Da konnten die Journalisten noch halbwegs mitschreiben.

Im zweiten Teil aber las Richter Gieritz dann Sätze wie diesen vor: "Der in der Gesellschafterversammlung der Beklagten vom 17.11.2011 gefasste Beschluss 'Es wird abgelehnt, die Geschäftsführerin Frau Unseld-Berkéwicz aus wichtigem Grund von der Geschäftsführung abzuberufen' wird für nichtig erklärt." Kurz und bündig: Bei Suhrkamp ist die Verlegerin qua Gerichtsbeschluss nicht mehr Herrin im Haus.

Nur Rainald Goetz hat alles verstanden

Daher die Aufregung unter den anwesenden Journalisten: War man gerade Zeuge eines historischen Moments geworden, gewissermaßen der lautlosen Implosion des einflussreichsten Verlags der Bundesrepublik? Rainald Goetz, sichtlich die Verwirrung der Beobachter genießend, sagt vor dem Gerichtssaal trocken, er habe alles verstanden, werde es aber nicht kommentieren: "Ich bin ja Partei", und hüpft springteufelartig davon, auf der Flucht vor den gezückten Notizblöcken der juristischen Laien.

Beim Verlag, der im Gerichtssaal nicht vertreten war, gibt man sich hinterher "schockiert und überrascht", wiewohl das Urteil noch lange nicht rechtskräftig ist. Es steht also nicht zu befürchten, dass der Pförtner in der Pappelallee die Verlegerin nicht mehr in ihr Büro lässt. Suhrkamp-Anwalt Peter Raue sagte, an der derzeitigen Geschäftsführung ändere sich nichts. Man will in Berufung gehen. Auch das kann also dauern, aber eben auch nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Vielleicht gibt es die GmbH bis dahin gar nicht mehr, über deren Leitung hier mit allen Bandagen gerungen wird.

Es scheint, als habe Hans Barlach einen wichtigen Etappensieg errungen. Seit seinem Einstieg bei Suhrkamp 2006 versucht der Hamburger Investor, Einfluss auf den Kurs des Hauses zu nehmen. Er könne es besser, hat er verlauten lassen.

Was er aber genau vorhat, wenn er denn ans Ruder gelassen würde, bleibt im Dunkeln; im Buchgeschäft hat er keine Erfahrung. Und schließlich lässt Suhrkamps Literaturprogramm zumindest seit einigen Jahren wenig zu wünschen übrig – außer vielleicht den ein oder anderen Bestseller. Dass der Verlag mehr Geld verdienen könnte, glaubt jeder sofort, der mit der Situation der Branche einigermaßen vertraut ist. Doch wäre Suhrkamp dann noch Suhrkamp?

Jetzt ist die Vernunft gefragt

Fest steht, dass gerade große Mengen an Zeit und Geld in juristische Scharmützel fließen und noch auf Jahre fließen werden. Ob und, wenn ja, an welcher Front Hans Barlach den Durchbruch schafft, ist offen. Wenn er die Geschäftsführung (mit-)bestimmen dürfte, bliebe der Verlag immerhin bestehen. Gerade bewegen sich aber beide Parteien auf den – gemeinsamen – Untergang zu. Es wird Zeit, dass sich gewichtige Vermittler einschalten, dass zur Vernunft gerufen wird, zur Abrüstung. Es wird knapp.

Geht Suhrkamp zu Ende? Wenn es rückblickend tatsächlich diese Minuten in Saal 3809 gewesen sein sollten, dann wird man es wenigstens ein literarisches Endspiel nennen können – absurdes Theater, irgendwo zwischen Kafka und Beckett.

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