09.12.12

"Wegwerfmädchen"

Maria Furtwängler glänzt als unterkühlte Tatort-Kommissarin

Der neue "Tatort" spielt im Prostituierten-Milieu. Im Interview spricht Maria Furtwängler über Frauenbilder - und ihr Theaterstück in Berlin.

Von Karolin Jacquemain
Foto: picture alliance / Geisler-Fotop

Engagiert: Maria Furtwängler hat am Drehbuch des neuen „Tatort“-Zweiteilers selbst mitgeschrieben
Maria Furtwängler hat am Drehbuch des neuen "Tatort"-Zweiteilers selbst mitgeschrieben

Charlotte Lindholm ermittelt erneut. Maria Furtwängler ist die Kommissarin im ersten Zweiteiler in der Geschichte des "Tatorts". Es ist ihr 20. Fall, in dem es ein ziemliches Themengemisch gibt: Frauenhandel aus Osteuropa, Zwangsprostitution, organisierte Rockermentalität, Korruption und jede Menge böse, mächtige Männer.

Beide Folgen spielen in Hannover, und es gibt reichlich Anspielungen auf unappetitliche Verhaltensweisen in der wirklichen Welt, wie den Ergo-Sexskandal oder die Selbstinszenierung des AWD-Gründers Carsten Maschmeyer. Im Grunde ist in den ARD-Filmen jeder Mann auch eine zwielichtige Figur, die wiederum einflussreiche Freunde hat.

Manche Zuschauer werden die beiden "Tatort"-Folgen für ein realistisches Abbild der herrschenden Oberklasse in Deutschland halten, andere wiederum werden es als völlig überzogen abtun. Maria Furtwängler glänzt indes als leicht unterkühle Kommissarin.

Berliner Morgenpost: Frau Furtwängler, im "Tatort" geht es um Zwangsprostitution. Sie engagieren sich in Kambodscha und auf den Philippinen für Mädchen und junge Frauen, die sich zwangsprostituieren. Warum liegt Ihnen das Thema so am Herzen?

Maria Furtwängler: Ich tue mich schwer mit der verbreiteten Ansicht, dass es ganz in Ordnung ist, zu Prostituierten zu gehen. Warum ist es so normal, für Sex zu bezahlen? Das macht doch etwas mit Menschen, wenn sie Frauen zu Objekten degradieren. Auf der Frauenkonferenz "Digital-Life-Design woman", die ich seit drei Jahren mitorganisiere, ist ein wiederkehrendes Thema die geringe Wertschätzung von Frauen. Dass es mich berührt, wie mit Frauen in der Gesellschaft umgegangen wird, hängt damit zusammen, dass ich selbst eine Frau bin und eine Tochter habe.

Charlotte Lindholm reagiert auf das Thema ähnlich emotional wie Sie.

Sie reagiert empfindlich darauf, dass Frauen wie zum Beispiel in dem Hannoveraner Rockermilieu, in dem unser Film teilweise spielt, als Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Dieser "Tatort" wirft die Grundsatzfrage auf: "Wie gehen wir mit Frauen um?" Das treibt Charlotte genauso um wie mich. Ich bin über diesen Film wieder enger mit Charlotte Lindholm in Berührung gekommen, nachdem ich zuvor mit dem Gedanken gespielt hatte, die Rolle aufzugeben.

Ist es besonders schwer, passende Fälle für Charlotte Lindholm zu finden, die ja in der Regel emotionaler sind als andere "Tatort"-Themen?

Es ist wahrscheinlich nur deshalb besonders kompliziert, weil es mit Maria Furtwängler besonders kompliziert ist. Ich habe keine Lust auf 08/15-Fälle, die mich schon beim Drehbuchlesen nur mäßig interessieren. Warum sollte ich so etwas spielen? Ich mache nur, was mich reizt. Für den nächsten "Tatort" haben wir uns allerdings vorgenommen, nicht so dramatisch zu werden. Ich habe Lust, in eine absurde und makabere Richtung zu gehen.

Sie sind stark in den Entstehungsprozess des "Tatorts" eingebunden. Hier ging die Initialzündung von Ihnen aus, Sie haben am Drehbuch mitgeschrieben.

Die Idee zum Fall hatten NDR-Fernsehspielchef Christian Granderath und ich gemeinsam. Wir hatten beide in verschiedenen Sonntagszeitungen Artikel gelesen, die unser Interesse geweckt haben. Ich über Zwangsprostitution, Christian Granderath über einen Hannoveraner Staatsanwalt, der ins Rotlichtmilieu verwickelt war. Diese beiden komplexen Themen dann in einen Doppel-"Tatort" zu verwandeln war für den Autor sehr anspruchsvoll. Stefan Dähnert hat noch spannende Fakten recherchiert und, wie ich finde, eine tolle Arbeit geleistet. Ganz entscheidend war aber in der Endphase die Zusammenarbeit mit meiner Regisseurin Franziska Meletzky.

Aber Schreiben scheint Ihnen zu liegen. Angeblich schreiben Sie ein Drehbuch.

Sagen wir, ich versuche es. Das war ein Grund dafür, dass ich künftig nur noch einen "Tatort" pro Jahr drehen werde. Ich möchte mir Zeit nehmen, die Sachen, die bei mir zu Hause in der Schublade liegen, endlich weiterzuentwickeln. Außerdem steht ein Kino-Projekt an. Die Figur Leni Riefenstahl wäre auch eine große Herausforderung.

Das Kürzertreten beim "Tatort" ist also kein Abschied auf Raten?

Im Gegenteil. Es ist die Bestätigung: Ich bleibe dabei. Als ich darüber nachgedacht habe, ob ich mich vom "Tatort" verabschieden soll, ist mir klargeworden, dass ich nur mehr Zeit für andere Projekte haben möchte.

Zum Beispiel fürs Theaterspielen.

Ja, ab Januar stehe ich im Theater am Kürfürstendamm in "Gerüchte, Gerüchte" auf der Bühne, eine Farce des US-Dramatikers Neil Simon. Das Stück steht im Gegensatz zu allem, was ich bislang gemacht habe. Die Frau, die ich spiele, hat wirklich überhaupt nichts mit mir zu tun. Diese Form von Verrücktheit empfinde ich als absolute Befreiung. Neues auszuprobieren reizt mich. Stillstand ist schrecklich.

Sie arbeiten intensiv an sich als Schauspielerin, haben zuletzt in Hollywood Unterricht genommen.

Was mir dort so gefällt, ist die Ernsthaftigkeit, mit der die Amerikaner auf den Schauspielberuf blicken. Dort ist es selbstverständlich, dass man versucht, sich weiterzuentwickeln, das macht von Robert de Niro bis Helen Hunt so gut wie jeder Schauspieler. Wenn man bei uns erzählt, dass man mit einem Schauspiellehrer arbeitet, muss man sich dagegen immer anhören: "Echt, hast du das denn nötig? Ist das nicht Talent?" Die meisten Leute glauben, wir läsen die paar Zeilen im Taxi und servierten Sie später am Set mal eben ab. So einfach ist es leider – oder zum Glück – natürlich nicht.

An was genau wollten Sie für diesen "Tatort" arbeiten?

Ein Zweiteiler verlangt einen anderen schauspielerischen Atem. Ich muss 180 Minuten lang, die kreuz und quer gedreht werden, immer wissen: Wo steht die Figur, was empfindet sie? Ich muss wirkliche Momente herstellen in Situationen, die unwirklicher nicht sein können. Ich bin keine Kommissarin, die Männer neben mir sind keine Polizisten, die Komparsin hat Leichenschminke im Gesicht und eine Wärmflache unter dem Rücken. Es ist also alles ein wildes Durcheinander. Meine Aufgabe ist es, daraus einen wahrhaftigen Moment für den Zuschauer zu machen. Ich glaube, in dem Fall ist mir und uns das gelungen.

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