09.12.12

Wüste

Millionen von Sklaven durchzogen die Sahara

Sie ist die größte Wüste der Erde, und dennoch kennt sie kaum ein Europäer. Ein Historiker hat nun die Geschichte der Sahara von ihren Anfängen bis heute aufgeschrieben.

Von Jacques Schuster
Foto: picture alliance / Godong/Robert

Vom 9. bis ins 20. Jahrhundert war das Kamel das einzige „Transportmittel“ durch die Sahara. Meist bestanden die Karawanen aus über 1000 Tieren.

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Man mache sich nichts vor. Im Blick des ignoranten Nordeuropäers ist die Sahara vor allem eines: heiß. Die größte Wüste der Welt ist den meisten Europäern eine terra incognita, und ihr Wissen über dieses Niemandsland speist sich allenfalls aus den versandeten Filmbildern, die sich das Gedächtnis in früher Jugend aus Hollywood-Streifen wie "Lawrence von Arabien" zusammengeklaubt hat.

Doch die Sahara ist mehr – viel mehr: Sie ist eine jahrtausendealte Kulturlandschaft; sie ist Handels- und Kriegsschauplatz; sie ist Heimat wechselnder Stämme und Völker und Transitland für ihre Nachbarn. Vom 9. bis ins 20. Jahrhundert hinein durchzogen Karawanen die Wüste von Norden nach Süden und von Westen nach Osten. Wer sich nun drei müde schaukelnde Kamele auf den rotschimmernden Sanddünen in der Abendsonne vorstellt, der irrt gewaltig. Die gewöhnliche Karawane, die durch die Sahara zog, bestand aus eintausend bis fünftausend Tieren, berichtet Ralph Austen.

Von Feuer durchglüht

Der emeritierte Professor für afrikanische Geschichte an der Universität von Chicago hat ein so überraschendes wie gelehrtes Buch über die Sahara geschrieben, das auf kleinem Raum höchst informativ von der bekanntesten Unbekannten der Welt erzählt – und zwar vom fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung bis in die Gegenwart hinein.

Austen weiß von vielen Konstanten zu berichten, die trotz Internet und Globalisierung bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben. Eine ist – wie gesagt – die bornierte Beschränktheit der Nordvölker dem Süden gegenüber.

Die Sahara und ihre Gorillas

Sie war schon den Griechen eigen. Im vierten Jahrhundert vor Christus berichteten sie von einem "Feuer durchglühten Land voll von wilden Menschen. Es waren überwiegend Weiber, die am ganzen Körper behaart waren; die Dolmetscher nannten sie gorillai." Die Wüste selbst wird bis heute gern mit einem Meer verglichen – und das nicht nur von den Europäern. Die Araber nannten ihre Randzone "Sahel", was nichts anderes als Ufer heißt.

Über das Ufer hinweg durchs Sandmeer zogen die Karawanen mit ihren Gütern, von denen Gold die wichtigste Ware war. Von 800 bis 1500 beförderten die Händler etwa eine Tonne Gold im Jahr durch die Sahara, schätzt Austen. Er hält auch die Annahme für gerechtfertigt, dass sich zwischen 800 und 1900 vier Millionen Menschen als Sklaven durch die Wüste schleppen mussten.

Weitere sechs Millionen Sklaven seien aus Äthiopien und dem Sudan nach Ägypten, dem Vorderen Orient und nach Indien vertrieben worden. Austen betont, dass diese Menschen Opfer vor allem eines arabischen Sklavenhandelns waren, den kein moderner arabischer Staat bis heute aufgearbeitet hat, womit der Verfasser leichtfüßig in der Gegenwart angelangt ist, über die heutigen Völker und Wanderungsbewegungen in der Sahara spricht und damit ganz souverän einen großen Bogen von den Garamanten 700 vor unserer Zeitrechnung bis zur al-Qaida schlägt.

Foto: George Steinmetz/Frederking & Thaler

Im Gleitschirm über der Wüste in Saudi-Arabien: George Steinmetz scheut keine Risiken.

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