08.12.12

Insiderbericht

Warum Reagan die Eiserne Lady einfach warten ließ

Richard Allen war Reagans Nationaler Sicherheitsberater. Bei einem Essen in Berlin erzählt der Polit-Insider von Lügen im Rosengarten und verrät, warum Romney nicht Präsident werden konnte.

Von Thomas Kielinger

Reagans ehemaliger Erster Sicherheitsberater im Berliner Regent-Hotel: „Ein Ronald Reagan ist Mitt Romney nicht“
Reagans ehemaliger Erster Sicherheitsberater im Berliner Regent-Hotel: "Ein Ronald Reagan ist Mitt Romney nicht"

Wie ist das, wenn man einem Menschen wieder begegnet, dem man vor dreißig Jahren zum letzten Mal die Hand geschüttelt hat, an einem Januarmorgen in Amerikas Hauptstadt? Wenn der Fluss der Jahre dahin gegangen ist, ohne diesem Bild etwas anhaben zu können in seiner Erinnerungsfrische?

Jetzt sitzt mir Richard Allen im Regent-Hotel in Berlin-Mitte gegenüber, wir schauen uns in die älter gewordenen Gesichter und fahren dann in dem Satz fort, den wir 1982 hatten liegen lassen. Er kann sich nur um Ronald Reagan gedreht haben, Allens Idol und auch meines, aber für den heute 76-Jährigen in viel bedeutsamerer Hinsicht als für mich, den damaligen WELT-Korrespondenten am Potomac: Allen war Reagans erster Nationaler Sicherheitsberater und dessen langjähriger Mentor in außenpolitischen Fragen, lange vor Reagans Ankunft im Weißen Haus im Januar 1981.

Dick, wie seine Freunde ihn nennen, ist ein politischer Insider par excellence, der seine Beraterfirma in Washingtons 12. Straße unterhält und weiterhin in vielen Beiräten und Denkfabriken in den USA und Übersee mitwirkt, als begnadeter Networker und geschätzter Zeitzeuge.

In Denver ist er zu Hause, aber die konservative Hoover Institution For War and Peace an der Stanford University in Kalifornien ist seine geistige Heimat, dort forschte er bereits in den 60er Jahren; heute gehört er selber zu den Fellows dieses renommierten Instituts.

Die unbekannte Welt der europäischen Politik

Schon unter Präsident Nixon findet man ihn im Weißen Haus, als Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats, wo er unter der Ägide Henry Kissingers die "Foreign Policy Operations" entwickelte. Reagan holte ihn 1976 als außenpolitischen Berater an seine Seite, und es war Allen, der 1978 für den Ex-Gouverneur von Kalifornien zwei Europareisen organisierte, nach Paris, Bonn und London im Sommer, nach Berlin im November – der Cicerone Ronald Reagans, der dem späteren Präsidenten die unbekannte Welt der europäischen Politik erläuterte.

Mit einer E-Mail hatte sich Dick bei mir angekündigt: Zwei Konferenzen, am Aspen-Institut in Berlin und an der École Militaire in Paris, zogen ihn nach Europa. Ob wir uns nicht treffen könnten? Und so nahm ich von einem zum anderen Tag eine Maschine nach Berlin für die Chance, den alten Freund, dem auch ich viele politische Lehrstunden verdanke, wieder zu sehen.

Ich hatte ihn als "Dr. Allen" in Erinnerung, mit einst fließendem Deutsch als Teil seiner intellektuellen Ausstattung. "Den Doktortitel hole ich mir noch ab", lachte er, "der liegt seit 1962 in München und harrt meiner." Wie das, frage ich zurück. Eine erstaunliche Geschichte.

Scheitern an der letzten Hürde

Allen hatte bei Eric Vögelin an dessen Geschwister-Scholl-Institut In München Geschichte studiert und mit einer auf Deutsch geschriebenen Dissertation abgeschlossen, über "Die Theorie und Praxis der Befreiung des Menschen im Marxismus-Leninismus." Die von Vögelin approbierte Arbeit lag aus, musste nur noch von zwei Ko-Referenten gegengelesen werden.

Die aber waren heimliche Gegner des in Wien geborenen, in Amerika naturalisierten Wissenschaftlers, der 1958 an den Max-Weber-Lehrstuhl der Ludwig-Maximilian-Universität berufen worden war. Die Konkurrenz zu Vögelin brachte es mit sich, dass Allens Promotion an dieser letzten Hürde scheiterte. Heute kann er darüber schmunzeln, mit Ehrendoktortiteln ist er inzwischen reichlich versehen, aber das Original – das will er sich, wie gesagt, "noch abholen."

Natürlich kommen wir auf die Wiederwahl Präsident Obamas zu sprechen, zu der Allen einen kurzen, bitteren Kommentar abgibt, über den Verlierer: "Ein Ronald Reagan ist Mitt Romney nicht." Damit ist für ihn alles gesagt über die prekäre Lage der Republikaner.

Das Rückenmark Amerikas

Wie anders 1980. Reagan hatte bei dieser Wahl die Mehrheit der eigentlich den Demokraten zuneigenden amerikanischen Arbeitnehmer auf seiner Seite, die "Reagan-Demokraten", wie man sie nannte, die dem Charisma dieses Mannes erlegen waren – seiner Überzeugung vom Wiederaufstieg Amerikas zu neuer Größe gegenüber der angeblich übermächtigen Sowjetunion, auch seinem persönlichen Charme, seinem Humor.

Das Establishment unterschätzte ihn, die hochnäsigen Europäer auch. "Johnny Sixpack" aber, der amerikanische Mann auf der Straße, sah weiter und erkannte in dem Kalifornier so etwas wie das Rückenmark Amerikas.

Bei Reagans Europa-Reise 1978 stand in London auch ein Gespräch mit Margaret Thatcher an, der Vorsitzenden der Tory-Opposition – Premierminister Callaghan hatte für den amerikanischen Besucher keine Zeit. Kurz vor dem Termin bei Frau Thatcher, man wartete in der Säulenhalle eines großen Abgeordnetenhauses, traten plötzlich mehrere Aufräumfrauen auf Reagan zu, hatten sie doch den früheren Filmstar erkannt und verwickelten ihn in ein lebhaftes Gespräch über seine Hollywood-Karriere.

"Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!"

Allen drängte: "Gouverneur, Frau Thatcher wartet." "Zum ersten Mal in meiner Zeit an seiner Seite sah mich Reagan missbilligend an", erzählt mir mein Gegenüber: "Dick, dies sind doch meine Freunde!" – und setzte noch für fünf weitere Minuten das Gespräch mit seinen englischen Fans fort.

Über Ronald Reagan erfährt man von diesem Zeitzeugen immer noch Neues, Aufregendes. In Berlin im November 1978 machte der Ex-Gouverneur an einer Stelle der Mauer Halt und sagte spontan in Hörweite seiner Begleiter: "Wir müssen einen Weg finden, dies Ding niederzureißen." Neun Jahre später dann fand er vor dem Brandenburger Tor den Schlüssel: "Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!" John Kornblum, damals stellvertretender amerikanischer Stadtkommandant, hatte die Formulierung in Reagans Rede untergebracht.

"Wie bitte?", schießt Allen zurück. "Kornblum? Das ist falsch. Es war Peter Robinson, Reagans Redenschreiber." In der Tat wird beiden unter ihrer jeweiligen Wikipedia-Biografie das Erstgeburtsrecht für dies Reagan-Wort zugebilligt. Wer war es nun?

Lüge im Rosengarten

Dass die Aussage ganz und gar in Reagans Sinn war, steht dabei außer Frage. Allen erinnert mich an die erste, berühmt gewordene Pressekonferenz des neuen Präsidenten, im Januar 1981. Reagans Team hatte ihn für eine Frage nach der Sowjetunion sorgfältig vorbereitet, mit einer diplomatischen Antwort.

Doch als die Frage dann kam, sagte Amerikas Chief Executive: "Sie nehmen sich das Recht zu jedem Verbrechen heraus, sie lügen, sie betrügen, nur für das eine Ziel: die Welt zu beherrschen." Ungeheurer Aufruhr folgte, auch die Berater sahen betreten drein.

Bei der Rückkehr ins Oval Office durch den Rosengarten des Weißen Hauses drehte sich Reagan zu seinem Sicherheitsberater, der hinter ihm schritt, um, und fragte: "Aber Dick, sie lügen und betrügen doch, oder?" "Yes, Mr. President", so der Mann, der über den Marxismus-Leninismus geforscht hatte. "Ich dachte es mir", lächelte Reagan verschmitzt, und zog zufrieden weiter.

Sieben Kinder und 22 Enkelkinder

Dick Allen ist voll von Zeitgeschichte, die darauf wartet, in seiner Autobiografie geborgen zu werden. Der Zwist mit dem ruhelosen ersten Außenminister Reagans, Al Haig, wird dabei eine große Rolle spielen. Was war da zum Beispiel mit der sechsstündigen dramatischen Sitzung der engsten Mitglieder des Reagan-Kabinetts am Tag des Attentats auf den Präsidenten?

Allen hatte sie auf Tonband mitgeschnitten. Al Haig spielte sich damals auf wie der Klassenerste, der er der Verfassung nach gar nicht war, und stürmte, die Sitzung unterbrechend, in den Presseraum des Weißen Hauses, um mit Schweißperlen auf der Stirn hervor zu stoßen: "Ich habe jetzt hier das Sagen!" Vizepräsident George Bush, später einfliegend, übernahm schließlich die Zügel, wie es ein Memorandum vorsah, das Reagan selber sechs Tage vor dem Attentat unterzeichnet hatte.

Ein Haus an der New Jersey-Küste, das ihm und seiner Frau Pat gehört, ist durch den Hurrikan Sandy in Mitleidenschaft gezogen worden, wechselt Dick das Gesprächsthema, als wir auf seine Familie, seine sieben Kinder und 22 Enkelkinder zu sprechen kommen. Zur Behebung des Schadens wird ihm der kürzliche Verkauf eines Weinguts, das er auf der Südinsel Neuseelands besessen hatte, gute Dienste leisten. Ich wünsche ihm Glück und gratuliere mir heimlich, diesen Flug nicht gescheut zu haben.

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