07.12.12

Ezra Pound

Für Mussolini saß der Ästhet im Käfig

Zwölf Jahre Psychiatrie, um nicht auf den elektrischen Stuhl zu müssen: Ezra Pound war Faschist – und Wegbereiter der Moderne. Jetzt erscheinen seine legendären "Cantos" erstmals komplett auf Deutsch.

Von Hans-Dieter Gelfert
Foto: Getty Images

Von Idaho in die Lagunenstadt: Ezra Pound (Jg. 1885) starb 1972 in seiner Wahlheimat Venedig
Von Idaho in die Lagunenstadt: Ezra Pound (Jg. 1885) starb 1972 in seiner Wahlheimat Venedig

"For Ezra Pound,ilmigliorfabbro" – mit dieser Widmung versah T. S. Eliot die 1925 erschienene Neuausgabe seines Gedichts "The Waste Land". Dass Pound der "bessere Schmied" im Sinne von Sprachkünstler war, wird inzwischen von vielen so gesehen, auch wenn Eliot lange vor ihm den Status eines Klassikers erlangte. Der 1885 in Idaho geborene Pound studierte Literatur, ging 1906 mit einem Promotionsstipendium nach Europa und fiel danach im Examensfach Literaturkritik durch, worauf er den amerikanischen "expatriates" folgte, die ihr Heimatland als Kulturwüste empfanden und das Entbehrte in Europa suchten.

In London, später auch in Paris, wurde Pound zur treibenden Kraft für die noch schwach entwickelte Moderne in der englischen Lyrik. Als Amerikaner war er an die beiden für seine Kultur charakteristischen Sprachstile gewöhnt: den lakonischen, den man in Prosa bei Hemingway und in Versform bei William Carlos Williams findet, und den expansiv-dithyrambischen, dessen beispielhafter Vertreter Walt Whitman ist. Darüber hinaus reimportierte er eine dritte lyrische Ausdrucksform, die er von dem Briten Robert Browning hatte: den dramatischen Monolog, der das lyrische Ich durch eine als Maske gewählte Sprecherfigur ersetzt.

Wortschwall und Psalm

Pound begann als Lakoniker in der Gruppe der Imagisten, zu der auch Hilda Doolittle gehörte, um deren Hand er 1908 bei ihrem Vater angehalten und daraufhin eine barsche Abfuhr bekommen hatte. Die Imagisten schrieben extrem verdichtete Kurzgedichte, die an japanische Haikus erinnern. Den Browning-Ton, der bis heute in der englischen Lyrik nachwirkt, schlug Pound in seinem frühen Gedichtband "Personae" (1909) an. Seinen ganz eigenen Ton fand er schließlich in den um 1915 begonnenen "Cantos", in denen er lakonische Verse, dithyrambische Wortkaskaden und rhythmisierte Prosa zu Texten verband, die manchmal wie leerlaufender Wortschwall wirken und dann wieder zu Psalmen von großer Sprachkraft anschwellen.

Dass Pound als einflussreichster Anreger der englischen Moderne dennoch lange Zeit im Schatten von Eliot und Joyce stand, hatte zwei Gründe: zum einen zog sich die Geburt seines Hauptwerks über ein halbes Jahrhundert hin, zum anderen hatte er durch seine Parteinahme für Mussolini, den italienischen Faschismus und seine antisemitischen Attacken einen Sündenfall begangen, der ihm nie oder erst spät verziehen wurde. Als er nach dem Sieg der Alliierten in Italien in Gefangenschaft geriet, kam er erst einmal in ein Lager bei Pisa, in dem er drei Wochen lang in einem offenen Käfig eingesperrt war, bevor er in ein Zeltlager überstellt wurde.

Zwölf Jahre in der Anstalt

Danach stand Amerika vor der Wahl, seinen größten lebenden Dichter entweder als Landesverräter anzuklagen und ihn womöglich auf den elektrischen Stuhl zu bringen oder ihn für verrückt zu erklären. Man entschied sich für das zweite und steckte ihn in eine Anstalt für kriminelle Geisteskranke, wo er die ersten fünfzehn Monate ohne Tageslicht und auch die Zeit danach unter strengen Bedingungen verbrachte. Erst nach zwölf Jahren wurde er auf Drängen prominenter Fürsprecher entlassen und kehrte nach Italien zurück, wo er am 1. November 1972, einen Tag nach seinem 87. Geburtstag, starb. Was ihn zu seinem Sündenfall verführte, war das, was er als den Sündenfall der eigenen Nation empfand: Amerikas Eintritt in den Ersten Weltkrieg.

Die Erfahrung dieses von ihm als Zivilisationsbruch empfundenen Krieges trieb ihn dazu an, nach Möglichkeiten einer moralisch besseren und ästhetisch schöneren Kultur zu suchen. Wie für Eliot war auch für ihn Dante ein Leuchtturm, an dem er sich auf der Suche nach einem irdischen Paradies orientierte; und wie Joyce sah er in Odysseus eine Identifikationsfigur.

Ein Riesenschmerzbuch

Während aber Joyces "Ulysses" ein "Riesenscherzbuch" wurde, wie deutsche Kritiker den Roman nannten, wuchsen sich Pounds "Cantos" zu einem Riesenschmerzbuch aus. Er litt an der Kommerzialisierung der Kultur, deren Grundübel er in der Zinswirtschaft sah. "Usura", "Wucher", ist ein Zentralbegriff seiner Dichtung. Hier eine Probe aus dem 45. Canto, der in viele Anthologien aufgenommen wurde:

"BEI USURA

kommt Wolle nicht zu Markt

Schaf wirft nichts ab bei Usura

Usura ist die Räude; Usura

macht stumpf die Nadel in der Näherin Hand

legt still der Spinnerin Rocken. Pietro Lombardo

nicht aus Usuras Kraft

Duccio nicht kraft Usura

noch Pier della Francesca....."

Verrat an der ethischen Utopie

Auf der Suche nach Heilung des Übels durchmusterte Pound mit stupender Belesenheit die kulturelle Überlieferung nach positiven Gewährsleuten wie den amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson und John Adams und nach Buhmännern wie den Rothschilds und Alexander Hamilton, den Begründer der ersten amerikanischen Staatsbank. Von dort ging er weiter zurück zu Dante, Cavalcanti, zu den Troubadouren und dem irischen Frühscholastiker Johannes Scotus Eriugena, um nur einige zu nennen, bis er zuletzt bei Konfuzius auf festen Grund zu stoßen glaubte.

In der altchinesischen Kultur spürte er das, was seiner Meinung nach der westlichen Welt verloren gegangen war: ein Bewusstsein von natürlicher Ordnung und charismatischer Autorität, die nicht auf Geld und Zinswucher gegründet war. Zudem sah er in den chinesischen Schriftzeichen den Inbegriff lakonischer Verknappung, weshalb er sie als Ideogramme in seine späten Cantos einbaute. Pound war ein Träumer, der seine ästhetische Utopie durch Mussolinis Faschismus realisiert sah, ohne zu merken, dass er damit seine ethische Utopie verriet.

Größenwahn eines Ohnmächtigen

Die "Cantos" spiegeln die abendländische Zivilisation als Trümmerlandschaft, in der es von kulturellen Splittern funkelt und glitzert. Manche davon entpuppen sich als Katzengold, andere lösen weit zurückreichende Assoziationen aus. Pound zitiert auf Griechisch, Lateinisch, Italienisch, Provencalisch, Französisch und Deutsch, schreibt ganze Cantos auf Italienisch, wählt Inhalte aus Philosophie, Wissenschaft, Musik und Kunst und wechselt zwischen den höchsten und niedrigsten Ebenen der Kultur hin und her. Aus Fundstücken, die oft willkürlich zusammengewürfelt erscheinen, collagierte er 120 "Gesänge", in denen sich Scharfsinn und Naivität, Bildung und Realitätsblindheit so durchdringen, dass der Leser einen klassischen Fall von "furor poeticus" vor sich zu haben glaubt.

Vor fünfzig Jahren hätte man Pounds ökonomisch begründete Kulturkritik vielleicht noch als die Klage eines romantischen Spinners belächeln können, doch seit die globale Finanzwirtschaft sich zu einem Moloch von mythischer Qualität aufgebläht hat, wirkt seine eigene mythisierende Reaktion darauf höchst aktuell. Pound ist nach Edgar Allan Poe der zweite große Schmerzensmann der amerikanischen Literatur; und wie sein Vorgänger litt er durch eigenes Verschulden. Mit Poe teilt er außerdem die Mischung aus abstrakter Intelligenz, unersättlicher Aufnahme von Lesefrüchten und der Anmaßung, das Weltgeschehen im Ganzen deuten zu können: das alles mit einer Haltung, aus der wie bei Poe der Größenwahn eines Ohnmächtigen spricht.

Arbeit am Mammutwerk

Noch während seiner Gefangenschaft bei Pisa hatte Pound die Arbeit an seinem Mammutwerk wieder aufgenommen und die ersten der "Pisan" Cantos geschaffen, die 1948 erschienen und ihm im selben Jahr den von den Fellows in American Literature of the Library of Congress verliehenen Bollingen-Preis einbrachte. Es war das Jahr, in dem T. S. Eliot den Nobelpreis erhielt.

Während die Preisverleihung an Pound bei Teilen der Öffentlichkeit Empörung auslöste, wurden die Gedichte von der Kritik als besonders originell und ausdrucksstark gerühmt. Eva Hesse brachte die "Pisaner Cantos" 1956 in einer zweisprachigen Ausgabe heraus und blieb dem Dichter bis über seinen Tod hinaus treu. Niemand hat sich um Pounds Rezeption in Deutschland so verdient gemacht wie sie. Erst kürzlich berichtete die inzwischen fast erblindete Übersetzerin in einem Interview, wie sie als Studentin auf Pounds Gedichte stieß und danach persönlich mit ihm bekannt wurde, woraus eine lebenslange, distanzierte Freundschaft wurde.

Traumatisiert im Ersten Weltkrieg

Pound schätzte seine Übersetzerin so sehr, dass er sie in seinen späten Cantos namentlich erwähnte. Sogar ihrem Vater, einem Diplomaten, erwies er diese Ehre. Sie selber, die mit asketischer Strenge die nahezu brotlose Kunst des Übersetzens moderner englischer Lyrik ausübte, ist auch in dieser Hinsicht ihrem Dichter ähnlich, der sich von Anfang an als dienender Priester der Dichtkunst verstand. Als Gründe für ihre Affinität zu ihm nannte sie seine Traumatisierung durch den Ersten Weltkrieg und ihre eigene durch die deutschen Verbrechen im Zweiten.

Bemerkenswert ist daran, dass Pounds Antisemitismus und seine Parteinahme für den italienischen Faschismus der Wertschätzung dieser eher links stehenden Übersetzerin für seine Dichtung nicht im Wege stand. Immerhin machte Pound es seinen Freunden nach deren eigenen Aussagen leicht, ihn als Menschen zu mögen.

"Übersetzen Sie, was ich beabsichtigte"

Hesses Übersetzungen sind, allein schon wegen der langen Vertrautheit mit den Originalen, wahrscheinlich die bestmöglichen, auch wenn sich gerade bei einem so sprachmächtigen Dichter die Ohnmacht des Übersetzers besonders zeigt. An manchen Stellen hätte man sich gewünscht, dass sie sich weniger treu an die Wortbedeutung und etwas stärker an den psalmodierenden Wortrausch gehalten hätte. Doch Pound fühlte sich von ihr offensichtlich gut übersetzt. Als sie ihn einmal brieflich fragte, was er an einer bestimmten Stelle meinte, und sie gegen seine Erklärung einwandte, er habe doch etwas anderes geschrieben, lautete seine Antwort, in deutscher Übersetzung, so: "Verdammt - übersetzen Sie nicht, was ich geschrieben habe, sondern was ich zu schreiben beabsichtigte."

Einen größeren Vertrauensbeweis kann sich ein Übersetzer kaum wünschen. Eine Reihe von Cantos im mittleren Teil hat Manfred Pfister übersetzt, besonderes Lob verdienen die leserfreundlichen Texterklärungen und das informative Nachwort des zweiten Herausgebers Heinz Ickstadt. Nachwort und Kommentar ebnen den Weg zu den Gedichten, die es dem Leser auch dann noch schwer genug machen. Das Einzige, was man sich zusätzlich gewünscht hätte und was bei einem so aufwendigen Buch ohne große Mehrkosten möglich gewesen wäre, ist ein Namens- und Sachregister, das dem Leser helfen würde, sich in dem labyrinthischen Werk zurechtzufinden. Da die "Cantos" nicht wie Joyces "Ulysses" bis ins Detail systematisch geplant, sondern eher wie ein poetisches Archiv angelegt sind, wäre ein Inventarverzeichnis eine große Hilfe.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Belästigungsvideo "Ich betreibe Kampfsport und habe trotzdem…
Vorsicht Kamera! Hochzeit aus der Sicht einer Whiskey-Flasche
Nach Pokalsieg Pep Guardiola denkt nur noch an Borussia Dortmund
Israel Radikaler Rabbiner überlebt Attentat
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Unglück

Rakete mit Raumfrachter "Cygnus" explodiert

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote