06.12.12

"La Traviata"

Sex ist mal wieder nur Ware – auch in der Oper

Schön ist diese "La Traviata"-Inszenierung nicht – aber gut: Andrea Breth schält Verdis Repertoire-Kracher in Brüssel aus seinem Plüsch. Heraus kommt ein faszinierender Abend voll Emotionalität.

Foto: (c) Bernd Uhlig

Sehnsüchte von heute Andrea Bretts „La Traviata“-Inszenierung in Brüssel: Eine Lemurengesellschaft in Swingerclub-Laune rettet Verdi aus der Konventionsfalle
Sehnsüchte von heute Andrea Bretts "La Traviata"-Inszenierung in Brüssel: Eine Lemurengesellschaft in Swingerclub-Laune rettet Verdi aus der Konventionsfalle

Sie wird richtig rangenommen. Kein Wunder, Andrea Breth, gerade 60 geworden, die harte Zarte des deutschen Theaters, geht mal wieder in der Oper fremd. Zum achten Mal erst, und nach einer sinistren "Carmen" im Jahr 2005 soll es neuerlich ein Repertoirekracher sein – Verdis Hurenmelodram "La Traviata"; dessen 200. Geburtstag wirft auch im Brüsseler Théâtre de la Monnaie seine langen Jubiläumsschatten.

Die Breth hatte Angst und Lust zugleich auf diese so immens populäre Oper, diese "Erdbeertorte mit Sonntagskonzertschlagerobers", die doch so grausam auf ihre Figuren blickt, nichts psychologisch erklärt, alles in der Musik sagt. Die einzige übrigens, die Verdi zu einem damals zeitgenössischen Thema geschrieben hat.

Das die Breth unvermindert aktuell findet. Und sie warnt: "Das Ende der Proben ist nur der trostlose Anfang!" Wahrlich trostlos – aber das äußert absichtsvoll – geht es dann auch auf der Bühne und im Graben zu. Schon im sonst gern süffig servierten Vorspiel lässt der sich jeder Klangkulinarik verweigernde Adam Fischer die zweigeteilten Geigen des nicht immer präzisen Monnaie-Orchesters gläsern spröde und vibratolos klirren. Das Um-Ta-Ta der Celli und Violas kommt starr wie Herzschläge.

Weg mit dem Brillantlack

Dazu sieht man auf der Bühne hinter einer Jalousie im Halbdunkel, wie (wohl osteuropäische) Frauen viehgleich aus portalhohen Containern gezerrt werden. Nur eine reißt sich los. Blackout, Finito il preludio. Knallt die Ballmusik los, erblickt man Violetta Valery, die hier als Oberpuffmutter von Paris sehr weit ab vom Weg Gekommene, in Moidele-Bickel-Kostümschwarz im schwarzen Sessel, über eine Lemuren-Gesellschaft herrschend.

Martin Zehetgrubers Bühnenbilder in ihren harten, klinisch kalt ausgeleuchteten Schwarz-Weiß-Kontrasten, wo jetzt in einem Riesenregal das fleischliche Angestellten-Inventar von Madame Valery posiert, wirken wie eine Fortführung seines 2002er Salzburger Sexlabor-"Don Giovannis" mit Martin Kusej.

Es ist ja nicht so, dass Verdis und Alexandre Dumas' Geschichte von der ehrbaren Dirne, die sich, natürlich an Tuberkulose, der romantisch verklärten Krankheit des 19. Jahrhunderts leidend, für ihren jungen Geliebten Alfredo und den unbefleckten Ruf seiner Familie aufopfert, von den Regisseuren nicht in ihrer Radikalität erkannt worden wäre. Auch wenn besonders die Dirigenten hier immer noch gerne eine Gassenhauersuppe mit Spitzentönen und sentimentalem Sfumato-Glimmer anrühren, wie auch die Sängerstars in diesem Hithammer vor allem absahnen möchten.

Theatertiere bei der Arbeit

Die Breth freilich kratzt ruhig, aber mit dem gewohnten Konsquenzfuror den Brillantlack ab, schält Plüsch weg, verschmiert die Schminke, verhärtet alles Weiche. Das ist nicht unbedingt schön, aber gut. Und doch sind ihre gefrorenen, oft still stehenden, lähmenden Generalpausen nachhorchenden Bilder die reine Stilisierung. "Kotz' nicht so romantisch", scheint sie zu sagen, wenn sich ein besoffen zugekokster Kunde in Assistentin Anninas (schön verlebt: Carole Wilson) Schoss übergibt und die sich ausführlich säubern muss.

Das tut sie sehr detailfreudig, während sich Violetta zunächst eher unwillig mit dem sehr jungen, krampfig überdrehten Provinzler Alfredo beschäftigt, der im grauen Anzug und mit bemühtem Blumenstrauß der Party die Eleganz raubt und sogar für das Trinklied einen Spickzettel braucht. Sie sind kein ideales Paar, Simona Sáturóva mit ihrem dunkeln, intensiv glühenden Sopran, der sich in die Koloraturen wie Steigeisen festhakt, und der juvenile Sébastien Guèze, der schnell ins Schreien kommt, immer wieder aus an sich schönen Tenorlinie kippt. Die Breth und auch Fischer mit seinem antillusorisch durchgezogenen Ansatz, brauchen keine Schönsänger, sie haben Theatertiere bekommen.

Trotzdem fasziniert die Sáturóva durchaus mit der herben, ehrlichen Schönheit ihrer Stimme, wenn sie bewegungslos im Sessel die große "É strano"-Soloszene in einen bannend reinen Vokalakt verwandelt, oder am Ende, wenn sie unter einer Plastikplane vor den Containern des Anfangs ihrem Exitus entgegenröchelt und ihr "Addio del passato" als visionäre Lebensrückschau gestaltet.

Das ist ja wie im Swingerclub

Mit dem ersten Opernfest zum Auftakt hat Andrea Breth noch ihre Stellprobleme, deshalb wohl auch hat sie den Chor (wie hier kürzlich Dmitri Tcherniakov in seinem gefeierten "Troubadour") in den Orchestergraben verbannt. Die Casinoszene mit den meist als Einlage verharmlosten karnevalistischen Zigeunerinnen- und Stierkämpferchören aber gerät ihr zu fließend somnambulen Sexorgie mit präzise über den Raum verteilten Akteuren – als wäre in Catherine Millets Lieblingsswingerclub "Geschichte der O"-Themenabend.

Sex ist mal wieder nur Ware. Und auch Annina kriegt später den Arzt nur mit einem jämmerlichen Blow Job dazu, nach ihrer sterbenden Herrin zu sehen. Die erfährt ihren Tod ganz ohne Verklärung. Dafür sorgen schon Fischers wie Tore zur Hölle donnernd zuschlagende Finalakkorde.

Ihren Höhepunkt aber erreicht Breths vivisektive Verdi-Bohrung im zweiten Akt in Violettas Landhaus. Die Idylle vor dem Emotionssturm verdichtet sich immer atemloser. Schon der wild verliebte Armand schmiert im Akkord beider Initialen an die Glaswände in dem renovierungsbereiten Atelier, später zertrümmert er im Affekt Violettas Kamelienzucht.

Die Breth aber entdeckt eine weitere Liebesgeschichte – im längsten, exemplarischsten Duett der ganzen Oper, einem der schönsten Verdis überhaupt: dem mit dem erst wütenden, dann angerührten Vater Germont, den Scott Hendriks mit erdig rauem, dabei schmiegsamen Bariton höchst differenziert singt. Auch wenn es nicht sein kann, hinter der Konvention entwickeln der patente pater familas und die Erosunternehmerin im Reitanzug gefühlvolle Nähe und Verständnis zueinander – wie sonst niemand in diesem stetig von Liebe und Sehnsucht redenden Stück.

Termine: 7., 9., 11., 13., 15., 18., 21., 23., 27., 29. Dezember

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