05.12.12

Tod mit 91 Jahren

Musiker Dave Brubeck machte den Jazz salonfähig

Der legendäre US-Jazzpianist Dave Brubeck ist kurz vor seinem 92. Geburtstag gestorben. Der Musiker erlag einem Herzversagen.

Foto: REUTERS

Jazzmusiker Dave Brubeck starb einen Tag vor seinem 92. Geburtstag
Jazzmusiker Dave Brubeck starb einen Tag vor seinem 92. Geburtstag

Was ist das Geheimnis des Jazz? Im glücklichsten Fall hebt er die Zeit auf. Es liegt an seinem Puls, dem Swing, der die Viertelnoten tänzeln lässt, mal nervös nach vorne drängt, mal leicht verschleppt nach hinten umkippt. Wenn es einen im Jazz gab, der sich mit der Zeit auskannte, ja, seine Berühmtheit seinem unorthodoxen Umgang mit den Zählzeiten verdankte, dann war es Dave Brubeck.

Nachzuhören ist das alles auf einer Platte, die passenderweise den Namen "Time Out" trägt und das Quartett des Pianisten 1959 weltberühmt machte. Es war das erste Jazzalbum, das sich mehr als eine Million mal verkaufte. Die Stücke auf der Einspielung hatten es in sich: "Blue Rondo à la Turk" fing im 9/8-Takt an, "Three to Get Ready" wechselte munter zwischen Walzer- und 4/4-Takt, "Take Five" schließlich, der Super-Hit, barg die Quadratur des Kreises.

Das Ungerade, Eckige, passte hier so wunderbar zum Runden – fünf elegant aufhüpfende Viertel-Schläge, die es sich auf dem Rücken eines forsch fortschreitenden Taktes munter gemütlich gemacht hatten. Diese Komposition, obwohl sie nicht von ihm, sondern von seinem Altsaxofonisten Paul Desmond stammte, sollte Dave Brubecks Leben fortan begleiten: Der Pianist spielte es bei Konzerten bis zuletzt.

Brubeck machte sich bei der Jazzpolizei verdächtig

Und bis zuletzt experimentierte Brubeck mit seiner Erkennungsmelodie, modifizierte sie und ließ sie von seinen Mitmusikern umdeuten. Brubeck freilich stand mit einem Bein außerhalb der improvisierten Musik, als er seine Karriere begann. Der 1920 in Concord/Kalifornien geborene Sohn einer klassischen Pianistin und eines Viehzüchters studierte bei Darius Milhaud und hörte Vorlesungen von Arnold Schönberg, bevor er 1946 ein für damalige Verhältnisse avantgardistisches Oktett ins Leben rief. Die Gründung seines Quartetts, das eine der langlebigsten Formationen der Jazzgeschichte werden sollte, folgte fünf Jahre später.

Als einer der Vertreter der kühlen "Westcoast"-Schule machte sich Brubeck bei der Jazzpolizei in den fünfziger Jahren zunächst verdächtig. Es war die Zeit der weißen Jazz-Konterrevolution, die der Hitzigkeit und Aggression des schwarzen Bebop die Wohlüberlegtheit und Distanz der europäischen Klassik entgegensetzte. Brubeck machte an vorderster Front mit. Indem er der afroamerikanischen Musik westliche Polyphonie und ungerade Metren verpasste und diese Kunstmusik dann – quasi als Konzertseminar – in Universitäten amerikaweit vorstellte. Das führte allerdings nicht zu der befürchteten Vereierkopfung der improvisierten Musik, sondern erschloss ihre neue Zuhörerschichten.

Der Musiker spielte regelmäßig in der Berliner Philharmonie

Dave Brubeck, der sich auch als Komponist von klassischen Orchester- und Chorwerken hervortat, machte den Jazz salonfähig, indem er ihn aus den Clubs in die großen Konzertsäle brachte. So war der Pianist bis vor einigen Jahren ungeachtete seines hohen Alters regelmäßig in der Berliner Philharmonie zu hören, wo er neben dem unvermeidlichen "Take Five" als Zugabe gerne eine rührend-altersweise Version von "Guten Abend, gute Nacht" spielte.

Vor genau einem Jahr schrieb Brubeck auf seiner Homepage, dass er ein Solo-Album mit fast vergessenen Jazz-Standards plane. Einen Tag vor seinem 92. Geburtstag ist Dave Brubeck, der große Aus-der-Zeit-Gefallene des Jazz, nun in einem Krankenhaus in Connecticut gestorben. Was für ein Timing.

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