03.12.12

Erfinder

Genial gescheitert - Wenn große Forscher straucheln

Von Otto Lilienthal bis Ignaz Semmelweis: Thomas Bührke erzählt in seinem Buch "Genial gescheitert" die traurige Geschichte der Erfinder, die revolutionäre Erkenntnisse hatten, aber scheiterten.

Von Marion Lühe
Foto: Getty Images

Otto Lilienthal bei einem seiner Flugversuche. Die Idee war gut. Am 10. August 1896 starb er in Berlin, wenige Tage nach einem Absturz
Otto Lilienthal bei einem seiner Flugversuche. Die Idee war gut. Am 10. August 1896 starb er in Berlin, wenige Tage nach einem Absturz

Der Tod eines Kollegen führte ihn auf die richtige Spur. Tag und Nacht grübelte Ignaz Semmelweis über die Symptome, die der im Mai 1847 verstorbene Gerichtsmediziner Jakob Kolletschka entwickelte, nachdem er sich bei einer Leichensektion mit dem Skalpell am Finger verletzt hatte. Die Entzündung der Wunde hatte sich rasch auf Lymphbahnen, Venen, Brustfell und Hirnhaut ausgebreitet und schließlich zum Tod geführt. Und plötzlich ging Semmelweis, Assistenzarzt an der Gebärklinik des Wiener Allgemeinen Krankenhauses, auf, warum ihn dieser Fall einfach nicht losließ.

Kolletschka war an eben jenen Symptomen gestorben, denen auch zahlreiche Frauen und ihre Neugeborenen in seiner Klinik erlagen. Bis zu diesem Zeitpunkt galten Epidemien und schlechte Luft, unreine Säfte im Mutterleib und Milchstau als Ursache für das schreckliche Kindbettfieber. Warum aber, so fragte sich Semmelweis, starben gerade in der von Ärzten geleiteten Abteilung der Gebärklinik viel mehr Frauen – zeitweise waren es über achtzehn Prozent – als in der ausschließlich von Hebammen geleiteten Abteilung?

Kampf dem Kindbettfiber

Die Antwort, die er auf fand, erschütterte den jungen Arzt zutiefst. Ärzte und Studenten, die häufig Leichen sezierten, steckten die Gebärenden bei der Untersuchung der Genitalien mit "Cadaverteilen" an. Diese gelangten ins Blut der Frauen und führten zu ebensolchen Entzündungen, wie sie der Kollege Kolletschka entwickelt hatte. Ein Leben lang kämpfte Semmelweis für die Anerkennung diese Theorie – vergeblich. Die bittere Erkenntnis, dass er selbst unwissentlich den Tod vieler hundert Frauen und ihrer Kinder verursacht hatte, hielt ihn nicht davon ab, damit an die Öffentlichkeit zu treten.

Er ordnete umgehend an, dass sich jeder Arzt nach einer Sektion gründlich die Hände mit verdünnter Chlorlösung reinigen müsse, ehe er eine Schwangere untersuche. Trotz des unmittelbaren Erfolgs dieser Maßnahme setzte sich seine Idee nur zögerlich durch. Die alteingesessenen Mediziner und der Klinikleiter sahen sich in ihrer Eitelkeit gekränkt und mochten nicht zugeben, dass sie am Tod so vieler Wöchnerinnen schuld sein sollten. Auf die Anfeindungen reagierte der jähzornige Semmelweis mit polemischen Beschimpfungen seiner Gegner.

Verkanntes Genie

Wer weiter die Mär vom epidemischen Kindbettfieber verbreite, mache sich zum Mörder, schrieb er in einem offenen Brief an die Koryphäen der Gynäkologie. Der jahrelange Streit schlug ihm aufs Gemüt und er entwickelte Anzeichen einer manischen Depression. Offenbar mit Hilfe einer Intrige wurde Semmelweis 1865 in eine Irrenanstalt eingewiesen, wo er – Ironie des Schicksals – mit nur 47 Jahren an einer entzündeten Fingerwunde starb.

Semmelweis wusste noch nichts von Bakterien als Krankheitserreger, sonst hätte er das Wundsekret der Frauen vielleicht mikroskopisch untersucht. Dieses Verdienst gebührte dem Glasgower Chirurg Joseph Lister, der kurz nach Semmelweis' Tod und ohne Kenntnis dessen Schriften zu dem Schluss kam, dass Mikroben für Infektionen verantwortlich waren und die Methode der Antisepsis entwickelte. Es dauerte allerdings noch über zwei Jahrzehnte, ehe sich dieses Wissen allgemein durchsetzte – und die geniale Entdeckung Semmelweis' nachträglich anerkannt wurde.

Babbage, der Besessene

Wie Semmelweis wurde so mancher große Entdecker oder Erfinder zunächst als Spinner abgetan. Thomas Bührke hat in seinem erhellenden, sehr lebendig erzählten Buch einige dieser verkannten Genies – darunter Physiker, Ärzte, Techniker, Geowissenschaftler – versammelt. Was sie bei allen Unterschieden verband, war neben ausgezeichneten Schulleistungen die Besessenheit für ihre Idee.

Der Brite Charles Babbage war auch so ein "Besessener". Schon als Junge verschlang er Bücher über Algebra und stand morgens drei Stunden früher auf, um vor dem Frühstück Mathematik zu lernen. Seit seinem Studium in Cambridge träumte er von einem "dampfgetriebenen Rechenautomaten", der fehlerfrei rechnete und so umständliches Arbeiten mit Logarithmentafeln überflüssig machte. Dazu musste er Multiplikation und Division, die sich nur schwer mechanisch bewältigen ließen, auf die beiden einfachsten Grundrechenarten Addition und Subtraktion zurückführen.

Dampfende Rechenmaschine

Die Differenzmaschine, die er entwarf, sollte aus rund 25.000 Teilen, Kurbeln, Zahnrädern und Achsen bestehen und fünfzehn Tonnen wiegen. Viele Jahre arbeitete Babbage akribisch an seinen Konstruktionsplänen, diskutierte mit Instrumentenbauern und kämpfte für die Finanzierung seines Projektes. Gebaut wurde schließlich nur ein Modell in der Größe eines Überseekoffers, das Babbage 1833 auf einer seiner beliebten Soireen vorstellte, zu denen er Prominenz aus Politik, Wissenschaft und Kultur einlud.

Die meisten der Gäste, schrieb die Gemahlin des Dichters Lord Byron rückblickend, betrachteten dieses wunderbare Instrument mit einem Gefühl, "das so mancher Wilde beim Anblick eines Spiegels oder der erstmaligen Wahrnehmung eines Gewehrschusses empfunden haben mag". Erst 1989 bauten zwei Computerexperten Babbages Rechenautomaten nach dessen Plänen in einem aufwendigen und kostspieligen Verfahren nach. Sie ist heute im Computer History Museum im kalifornischen Mountain View zu besichtigen.

Ein "Telephon" aus Friedrichsdorf

War Babbage mit seiner Differenzmaschine seiner Zeit weit voraus, so lag die Erfindung des Telefons um die Mitte des 19. Jahrhunderts sozusagen in der Luft. Franzosen, Amerikaner, Italiener und Deutsche erheben heute Anspruch auf den "wirklichen Erfinder" des Telefons. Einer der aussichtsreichsten Anwärter auf diesen Titel ist Philipp Reis aus dem beschaulichen Friedrichsdorf.

Nichts deutete 1861 daraufhin, dass der 27-jährige Lehrer an einer Knabenschule im Begriff war, ein Gerät zu erfinden, dass das Leben kommender Generationen revolutionieren sollte. Ein aufmerksamer Passant hätte allerdings die zwei Drähte bemerkt, die von einer kleinen Scheune über einen Zwetschgenbaum im Hof in das Fenster seines Wohnhauses gespannt waren. Mithilfe einer Geige, einer mit Kupferdraht umwickelten Stricknadel und einer Säurebatterie hatte er eine Leitung konstruiert, die in einem aus Holz geschnitzten Ohr endete.

Nachrichten aus dem Zwetschgenbaum

Reis' Schwager Philipp Schmidt nahm vor dem hölzernen Ohr in der Scheune Platz und las aus dem "Turnbuch für Schulen" vor. Und wie durch Zauberhand gelangten seine Worte in das Wohnhaus, wo Reis mit ein paar Bekannten gespannt wartete. Die Freude war groß: Der erfindungsreiche Lehrer hatte bewiesen, dass Sätze und Töne auf elektrischem Weg übertragen werden können.

Die kommerzielle Vermarktung des "Telephons", wie Reis selbst den Apparat als Erster bezeichnete, ließ indes auf sich warten. Obwohl er unablässig an der Verbesserung des Gerätes arbeitete und verschiedene Exemplare an wissenschaftliche Labore in aller Welt versandte, dachte zunächst niemand den praktischen Nutzen. Allmählich ließ das Interesse an dem wundersamen Ding nach, und Reis wandte sich wieder seinem Lehrerberuf zu.

Graham Bell packt es

Er erkrankte an Tuberkulose und starb 1874 nach langem Siechtum im Alter von vierzig. Derweil experimentierten andere wie der Italiener Innocenzo Manzetti und der schottische Sprachtherapeut Alexander Graham Bell erfolgreich mit elektronischer Kommunikation. Letzterer war es, der 1876 seinen Apparat patentieren ließ und den Grundstein für den weltweiten Siegeszug des Telefons legte. Seine Version verfügte über verbesserte Sender und Empfänger, funktionierte aber nach demselben Prinzip wie das Reis'sche Modell, dessen Konstruktionspläne Bell wohl kannte. "Ich habe der Welt eine große Erfindung geschenkt, anderen muss ich es überlassen, sie weiterzuführen", hatte der schwerkranke Reis erkannt.

Zu den genial Gescheiterten, denen Anerkennung für ihre Idee versagt blieb, zählt auch Alfred Wegener. Mit seiner Theorie von der Existenz eines geschlossenen Urkontinents, die heute zum Schulstoff gehört, erntete der 1880 in Brandenburg geborene Pfarrerssohn seinerzeit nur Hohn und Spott. Die Behauptung, massive Kontinente würden auf dem Meeresgrund treiben wie Eisberge im Wasser und sich im Laufe der Jahrtausende langsam verschieben, löste unter honorigen Geologen Empörung aus.

Wegeners Kontinentalverschiebung

Von der "Krustendrehkrankheit" bis zur "Polschubseuche" unterstellte man dem wagemutigen Astronomen und Meteorologen allerlei Krankheiten. Doch Wegner ließ sich nicht entmutigen, hielt Vorträge in aller Welt und veröffentlichte Bücher. Die Schreibtischarbeit lag dem Polarforscher indes nicht, immer wieder zog es ihn ins ewige Eis. Von seiner letzten Grönlandexpedition 1930 kehrte er nicht zurück, sein Leichnam wurde nie gefunden. Nach seinem Tod geriet die Kontinentalverschiebungsidee lange in Vergessenheit. Erst über ein Vierteljahrhundert nach Wegeners Tod wurde sie durch die moderne Theorie der Plattentektonik weiterentwickelt – eine späte Rehabilitation dieses genialen Außenseiters.

Scheitern, das zeigen die von Bührke zusammengetragenen Lebensgeschichten, gehört zum Schaffen dazu. Entscheidend sei, so der Autor, wie man damit umgehe. Otto Lilienthal etwa ließ sich trotz zahlreicher Rückschläge nicht von seinem Traum vom Fliegen abbringen. Als Junge hatte er zusammen mit seinem Bruder Gustav fasziniert den Flug der Störche beobachtet.

Warum sollte der Mensch das nicht auch können? Sie schnallten sie Bretter an die Arme, rannten einen Hügel hinunter und versuchten abzuheben. Unverdrossen experimentierten sie mit verschiedenen Flugmodellen und Tragflächen und bauten sogar eine dampfgetriebene Flugmaschine, die allerdings nicht abhob und deren Flügel zerbrachen. Jeder Fehlversuch brachte neue Erkenntnisse, die Otto in seinem legendären Buch "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegerkunst" festhielt. Die spektakulären Flugversuche des verrückten Ingenieurs im Berliner Umland lockten stets zahlreiche Schaulustige an. Am 9. August 1896 stürzte er dabei vor den Augen des Publikums aus 15 Meter ab und zog sich schwere Verletzungen zu, denen er wenige Tage später erlag. "Opfer müssen gebracht werden", soll er auf dem Sterbebett gesagt haben.

Thomas Bürhke: "Genial gescheitert" (dtv, München 240 S., 14,90 €. ISBN: 9783423249287). Auch bei Amazon.

Foto: pa

Genial: Albert Einstein hatte einen IQ von 160. Die Intelligenzquotienten von Persönlichkeiten der letzten Jahrhunderte wurden von Psychologen ermittelt.

53 Bilder
© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Multimedia
Bionik

Bionik: Die Natur als Vorbild

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Bürgerkrieg Video zeigt Angriff auf syrische Rebellen
Pop-Diva Madonna protzt mit Geburtstagsfoto
Internationale Raumstation Astronauten machen Ausflug ins All
Ice Bucket Challenge Die kalte Dusche kennt keine Grenzen
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

US-Staat Alabama

Familie fängt 450 Kilogramm schweren Alligator

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote