03.12.12

Talk bei Jauch

Geißler wettert gegen Wertezerfall im falschen System

Die Feuerkatastrophe in Bangladesch wirft Fragen zu den Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie auf. Für seine Gesellschaftskritik erntet Heiner Geißler bei "Günther Jauch" viel Applaus.

Von Ralf Dargent
Foto: ARD/NDR

Heiner Geißler, regelmäßiger Talk-Gast bei Günther Jauch
Heiner Geißler, regelmäßiger Talk-Gast bei Günther Jauch

Wird der Feuertod der über 100 Textilarbeiter in Bangladesch zu einem Wendepunkt? Werden sich die Arbeitsbedingungen in dem Billigherstellerland oder anderen Ländern in der Folge dieser Katastrophe ändern? Wer das unkritische Kaufverhalten - auch das eigene! - im reichen Westen als Maßstab nimmt, kann daran nicht glauben.

Allerdings: Der Druck, sich zu rechtfertigen, wirkt zumindest für die Produzenten viel größer als bei anderen Skandalen. Günther Jauch machte sich selbst am Sonntag zum Vorreiter dafür. Er machte seine Sendung zu einem Pranger, der besonders den Managern bei Kik, C&A sowie Aldi und Lidl Sorgenfalten bringen dürfte.

Kritischer Blick auf den Gabentisch

"Dumpinglöhe, Kinderarbeit oder sogar Hunderte von Toten - ist das uns wirklich egal?", fragte Jauch bei seiner Begrüßung. Wer ihn regelmäßig verfolgt, merkte gleich, dass Jauch sich auf seinem Terrain viel sicherer fühlte als etwa in der Woche davor bei seinem Israel-Talk.

Jauch versuchte, den Bogen der Sendung am Anfang möglichst breit zu spannen und auf die Einkäufe für den Gabentisch abzuzielen: Er hinterfragte die miserablen Arbeitsbedingungen beim chinesischen iPhone-Hersteller Foxconn.

Er stellte einen Fußball mit Fairtrade-Zeichen für fairen Handel einem wesentlich teureren Adidas-Ball ohne solch ein Siegel gegenüber. Und schließlich stellte er einen Goldschmied vor, der nur unter fairen Arbeitsbedingungen und zudem ökologisch vertretbar geschürftes Gold in Schmuck schmiedet.

Diskussion verengt auf das Thema Textilien

Zusammen mit dem ersten Statement vom ehemaligen CDU-Generalsekretär Heiner Geißler deutete alles auf eine Schlechte-Gewissen-Sendung hin: "Ich möchte eigentlich mich nicht daran beteiligen, dass wir hier billig kaufen können auf Kosten von Leuten, die hier - von der UN verboten - sich in einem modernen Sklavenhandel befinden."

Doch wer nun Sorge hatte, dass ihm das Geschenkekaufen vermiest werden sollte, konnte sich bald darauf wieder entspannen. Das scheinbar so breite Thema Einkaufen für den Gabentisch verengte sich schnell auf das Thema Textilien. Und die Verbraucher bekamen wenig Anlass, ihr eigenes Kaufverhalten zu ändern.

Etwa die Frage, ob es besser wäre, Produkte aus gewissen Ländern nicht zu kaufen? Dazu sagte der Fernsehreporter Christoph Lütgert, der kommende Woche in der ARD-Sendung "Panorama" aus Pakistan und Bangladesch über die Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter berichtet: "Natürlich brauchen diese Länder diese Arbeit, sonst geht es ihnen noch schlechter."

Textil-Lobbyist angezweifelt

Nur sind die finanziellen Bedingungen erbärmlich. Der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes textil+mode, Wolf-Rüdiger Baumann, errötete nicht mal, als er sagte, dass eine Näherin in Bangladesch im Monat 35 Euro verdiene. Baumann hatte den schwersten Stand in der Runde.

Denn von den Discountern wie Kik oder C&A wollte laut Jauch niemand in die Sendung zu kommen. Und so versuchte Baumann, dessen Verband Firmen wie Gerry Weber, Mustang, Puma oder S.Oliver vertritt, die Branchenehre zu retten.

Die Unternehmen der deutschen Textil- und Modeindustrie würden Wert auf gute Arbeitsbedingungen legen, wiederholte er mehrfach sein Credo. "Deutsche Hersteller achten sehr genau darauf, wo sie produzieren." Doch obwohl Baumann darauf pochte, mit den Discountern ja nichts zu tun zu haben, kam er mit seinen Aussagen nicht durch.

Vor allem Gisela Burckhardt, die Chefin von Femnet, Kampagne für Saubere Kleidung, ließ dem Textil-Lobbyisten seine Aussagen nicht durchgehen. "Es ist so, dass die Arbeitsbedingungen so schlecht sind für alle, die produzieren ja teilweise in den gleichen Fabriken", sagte Burckhardt. Wer mehr ausgibt, zahlt folglich nicht unbedingt seinen Anteil für bessere Arbeitsbedingungen im Herstellerland.

Kein Siegel für Verbraucher

Doch was die Verbraucher wirklich praktikabel tun können, kam in der Runde nicht heraus. Auch die Femnet-Chefin konnte Jauch trotz mehrmaligen Nachfragens nicht beantworten, wie ein Kunde schnell erkennen kann, welches Kleidungsstück nach vertretbaren Maßstäben produziert wurde. "Wir haben noch kein Siegel, das alles abdeckt", musste Burckhardt einräumen.

Vor allem kleine Unternehmen würden sich bemühen, hohe Standards bei ihren Textilien zu erfüllen. Ohne Siegel, das lehrt aber die Erfahrung von Bio oder Fairtrade, dürfte sich auf Verbraucherseite allerdings wenig durchsetzen.

Bleiben noch die Rahmenbedingungen: Textil-Lobbyist Baumann sieht hier die Herstellerländer in der Pflicht, für entsprechende Gesetze und deren Einhaltung zu sorgen. In Bangladesch aber etwa sitzen laut Burckhardt viele Fabrikbesitzer im Parlament - die hätten gar kein Interesse, das sich etwas ändert. Dagegen könne aber etwa Deutschland eine Haftung für die Hersteller einführen, die in diesen Billigländern produzieren.

Weltfremder Heiner Geißler

Während das Textil-Siegel noch realistisch erscheint, erscheint solch eine Haftungsregelung dagegen ähnlich weltfremd wie die Einwürfe des Heiner Geißler. Dieser vermochte das Thema nämlich nur in schwurbeliger Gesellschaftskritik zu erfassen. "Das, was wir hier diskutieren, liegt daran, dass wir das falsche System haben. Wir haben ein absolut falsches wirtschaftliches System", sagte Geißler.

Und dann ereiferte er sich über die Renditeziele der Unternehmen, in Verbindung mit einer Tiefstpreismentalität durch Aldi und einen Wertezerfall durch den Werbeslogan 'Geiz ist geil': "Das ist der totale Zerfall der moralischen Grundstruktur in einer Gesellschaft" rief Geißler, bekam dafür auch viel Applaus.

So vom Publikum unterstützt rief er tatsächlich sogar nach dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Ob Jauch Geißler nach diesen Tiraden wohl jemals wieder zu einem Thema einladen wird?

Hilft der Pranger?

Weil es in der Sendung aber insgesamt wenig Argumentation gab, fand die eigentliche Botschaft auf einer anderen Ebene statt. Immer wieder wurden namentlich Kik, C&A, Aldi oder Lidl in Verbindung mit den schlechten Arbeitsbedingungen genannt.

Wer die Sendung gesehen hat, wird diese Marken nun damit verbinden - ganz unabhängig davon, dass laut der Femnet-Chefin auch die teuren Marken billig produzieren.

Wenn Fernsehmann Lütgert mit seiner Einschätzung, dass in erster Linie die Firmen etwas durchsetzen können, Recht hat, könnte dieser Pranger ja am Ende vielleicht doch etwas bringen. "Image ist irgendwann auch ein betriebswirtschaftlicher Faktor", sagte Lütgert.

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