01.12.12

Verlorenes Kapitel

Capotes "Yachts and Things" ist eine Enttäuschung

Der Roman "Erhörte Gebete" war die Waffe, mit der Truman Capote sozialen Selbstmord beging. Mit dem lange verlorenen Kapitel "Yachts and Things" ist nun die wohl letzte Patrone aufgetaucht.

Von Jan Küveler
Foto: Getty Images

Ein Bild aus besseren Zeiten? Truman Capote tanzt
Ein Bild aus besseren Zeiten? Truman Capote tanzt

Schokoladenriegelnutte – ein Wort, das man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Es steht auf den ersten Seiten von Truman Capotes "postumem Roman" mit dem Titel "Erhörte Gebete" und ist die griffige Formel, auf die die Selbstauskunft des zwielichtigen Helden P. B. Jones zusammenschmilzt.

Die Gänsefüßchen um den Ausdruck "postumer Roman" bedürfen einer Erklärung. Er erschien zwar wirklich erst nach dem Tod des Autors, im Jahre 1987 und in der zerklüfteten Form, in der wir ihn kennen. Doch schon sechzehn Jahre zuvor (dreizehn Jahre vor seinem Tod) nannte Capote ihn selbst so, im Mai 1971 in der Dick Cavett Show, und fügte erklärend hinzu: "Entweder töte ich ihn oder er mich." Was nicht ganz stimmte: Beides sollte zutreffen.

Bevor wir Näheres über diesen kuriosen Doppelmord berichten, sollten wir vielleicht sagen, warum überhaupt, jetzt plötzlich, im Herbst 2012. Weil nämlich etwas Sensationelles passiert ist – das heißt in gewisser Weise, in anderer leider nicht.

Eins der sagenumwobenen verschollenen Kapitel von "Erhörte Gebete" ist aufgetaucht, in der New Yorker Public Library, bei Recherchen der amerikanischen Zeitschrift "Vanity Fair". Leider nicht "Pater Flanagans koschere Rund-um-die-Uhr-Nigger-Schwulen-Pinte", so gern man erfahren hätte, was sich hinter dem Titel verbirgt.

Kapitel "Yachts and Things" entdeckt

Auch nicht "Eine schwere Beleidigung des Gehirns", was angeblich ein Arzt mit Sinn für Humor auf dem Totenschein des Dichters Dylan Thomas vermerkte, nachdem dieser sich in der "White Horse Tavern" zu Tode getrunken hatte. Sondern leider nur "Jachten und anderer Klimbim", wie das Kapitel "Yachts and Things", von dem außer seinem Titel bisher nichts bekannt war, in der ansonsten wunderschönen "Kein & Aber"-Ausgabe von "Erhörte Gebete" etwas umständlich übersetzt ist (230 S., 18,90 Euro).

Viele, darunter Capotes langjähriger Lebensgefährte Jack Dunphy, haben immer behauptet, die fraglichen Kapitel seien nicht verloren, sondern hätten nie existiert. Capote hätte nach dem Schock, den die Veröffentlichung von "La Côte Basque" 1975 in der November-Ausgabe des "Esquire Magazine" nicht nur für die New Yorker High Society, sondern bald auch für Capote bedeutete, keine Zeile mehr an "Erhörte Gebete" geschrieben. Jetzt, da "Yachts and Things" aufgetaucht ist, sieht es allerdings so aus, als habe Joseph M. Fox recht gehabt, Capotes Lektor, der im Nachwort zur Erstveröffentlichung des fragmentarischen Romans 1987 schrieb, er glaube, Capote habe die unveröffentlichten Kapitel Anfang der Achtziger vernichtet.

Das nun entdeckte, sechs knappe Seiten umfassende "Yachts and Things" könnte er dabei womöglich übersehen haben. Doch selbst wenn eines Tages auch die anderen Kapitel auftauchen – einen Tag vor seinem Tod überreichte Capote seiner Freundin Joanne Carson, in deren Haus in Kalifornien er als vom Alkohol und den Drogen aufgebrachtes Wrack starb, einen Schlüssel zu einem Schließfach irgendwo in einem Greyhound-Bus-Depot in Nebraska oder Los Angeles, in dem sich angeblich das komplette Manuskript befände –, selbst wenn das, was immer noch keiner glauben kann, wahr sein sollte und die anderen Kapitelüberschriften ihre famosen Versprechen endlich einlösen würden, selbst dann hätte Capote seinen Roman getötet und dieser ihn.

Unverkennbar Capote – trotzdem enttäuschend

Es ist nämlich kaum ein Zufall, dass "Yachts and Things" so eine Enttäuschung ist. Obwohl unverkennbar ein Capote: dank einem Mond, der aussieht wie ein Stück abgeriebene Zitronenschale, und Tagen, die in einem "azurnen Nebel aus kristallklarem Wasser und Spaghetti und frisch gefangenem Fisch und kaltem Wein und köstlichen traumlosen Nachmittagsschläfchen vergehen".

Am Ende steht der Erzähler an der Reling der Yacht, die ihn und eine gewisse Mrs Williams auf Einladung unpässlicher Millionäre durch die Ägäis schippert. Er identifiziert sich mit dem Schweinswal, der ihnen seit Tagen folgt ("auch ein Hedonist"), und antwortet auf Nachfrage von Mrs Williams, mit der er in der Nacht zuvor im Haschischrausch auf dem Deck eingeschlafen ist und die ihn jetzt nicht verstanden hat: "Nichts. Das muss der Wind gewesen sein."

Doch so schnell wie der Wind, wie einer dieser azurnen Tage, nur flüchtig vom kalten Wein beschlagen und vom Haschisch umnebelt, sind die sechs Seiten verweht. In ihrer unentschiedenen Nostalgie und gedämpften Boshaftigkeit – Mrs Williams, eine kaum verbrämte Katharine Graham, Herausgeberin der "Washington Post" und enge Freundin von Capote, schnarcht – sind sie wenig mehr als ein vages Echo von Capotes einstiger Meisterschaft. Hier schreibt ein Genie, das sich verlaufen hat.

Eine Variante des Textes ist schon bekannt

Was der "Vanity Fair" und auch sonst allen entgangen ist: Eine Variante des Textes ist längst bekannt. Unter dem Titel "Griechische Skizzen" steht sie in der 1973 erschienenen Reportagesammlung "Wenn die Hunde bellen". Auch dort lässt Capote (oder jedenfalls sein Icherzähler) es sich im sommerlichen Griechenland gut gehen. Ebenfalls auf Einladung einer reichen Familie – in Wirklichkeit des Fiat-Clans Agnelli –, die wegen eines Todesfalls kurzfristig verhindert ist. Von Mrs Williams allerdings keine Spur: "Man stelle sich vor", schreibt Capote, "ein ganzes Schiff zu meiner alleinigen Verfügung. Nur verrückte, stinkreiche Egomanen kämen auf so eine Idee. Aber da es sich nun so ergeben hatte, waren meine Hemmungen gering."

Die darauf folgenden Skizzen mögen lose sein, doch sie deuten in wenigen Strichen ein Panorama aus Schrecken und Schönheit an, faszinierend und undurchdringlich wie immer, wenn Capote auf der Höhe ist. Statt tanzenden Türken, die neben ein paar Joints nur Harmlosigkeit bereithalten (wie in "Yachts and Things"), hören wir von einer Meute Ratten, die nachts auf einer kleinen Insel ein Kind auffressen. Die Mutter lebe noch, berichtet der Kapitän: "Ich selbst habe sie gesehen, auf einem Liegestuhl an der Strandpromenade. Sie ist tief verschleiert. Angeblich spricht sie mit niemandem." Nur Capote spricht und träumt, von einem Haus über einer "blauen Bucht", das er fast gekauft hätte, hätte ihn nicht die Furcht befallen, er könne seine New Yorker Freunde verlieren. Er schreibt: "Ich werde immer gern daran zurückdenken, mehr nicht."

Hättest du das Haus nur gekauft, Truman, will man ihm zurufen, damals, in den glorreichen Sechzigern, als du der unantastbare homosexuelle Darling von New Yorks Upperclass warst. Bevor du durchgedreht bist, aus Größenwahn, aus nie verwundener Liebe zu Perry Smith, der irgendwo in Kansas eine ganze Familie umbrachte und dafür gehängt wurde. Capote schrieb sein Meisterwerk dokumentarischer Fiktion "Kaltblütig" über ihn. Traf ihn über die Jahre immer wieder, diesen Mann, der in vieler Hinsicht eine gescheiterte Version seiner selbst war, gedrungen, athletisch, kalkulierend, künstlerisch begabt.

"Erhörte Gebete" geriet zum Desaster

Er muss sich in ihn verliebt haben, weil er sich selbst ja so liebte. Und doch ersehnte Capote Perrys Hinrichtung, als krönenden Schluss für sein Buch. Schließlich sah er ihn zehn Minuten am Strick baumeln, bevor der Arzt "deceased", verstorben, auf die Sterbeurkunde kritzelte. Auf der Rückfahrt in sein New Yorker Glitzerleben, in dem er jede Nacht Champagner aus dem Nabel der Welt schlürfte, soll Capote untröstlich gewesen sein.

Irgendeine Sicherung muss damals durchgebrannt sein, denn "Erhörte Gebete" – einst als "wunderschönes Buch mit Happy End" geplant – geriet zum düsteren Desaster. Persönlich, nicht schriftstellerisch. Besonders das Kapitel "Unverdorbene Ungeheuer" ist brillant. Das geistige Kind von Capote und Perry, der bisexuelle, opportunistische, abgestumpfte Kleinganove P. B. Jones ist ein moderner Bel Ami, der sich routiniert nach oben schläft, ein Hustler des Klatsches, der also in Reinform mit dem Stoff dealt, mit dem Capote sich am liebsten berauschte ("all literature is gossip"). Kostprobe gefällig? Cecil Beaton zu Greta Garbo: "Das Deprimierendste am Älterwerden ist, dass meine Geschlechtsteile schrumpfen." Darauf die Garbo: "Ich wünschte, ich könnte das auch von meinen sagen."

Im Kapitel "La Côte Basque" sitzt die Schokoladenriegelnutte ("für ein Stückchen Schokolade tat ich so ziemlich alles"), die jetzt vertraulich Jonesy heißt, im gleichnamigen Restaurant auf der Seventh Avenue, berühmt für seine üppigen Blumenbouquets und grazilen Gäste – erfolgreich verheirateten Fashion-Ikonen und Party-Mäuschen. Die Millionenerbin Gloria Vanderbilt tritt auf, Jackie Kennedy und deren Schwester Lee Radziwill, dazu zwei Schönheiten mit sprechenden Namen, Slim Keith und Babe Paley. Zusammen mit Capotes Alter Ego Jonesy zerreißen sie sich die Schokoladenriegelnuttenmäuler. Erzählen, wie Präsidentenvater Joe Kennedy sie als Teenager vergewaltigte. Gloria erkennt, als er herantritt, ihren Ex-Mann nicht.

Schwacher Traum von einer großen Zeit

William Paley, zusammen mit seiner Frau Babe einer der engsten Freunde von Capote, wird ein Ehebruch nachgesagt, mit einer Frau, bei der er "das Gefühl hatte, in einem merkwürdigen Tümpel herumzuplanschen, wo alles so glitschig war, dass er keinen Halt finden konnte". Als er das Licht anmacht, breitet sich auf dem Ehebett ein Blutfleck "von der Größe Brasiliens" aus. Sogar von einem Mord wird getuschelt.

Wenige Tage vor Erscheinen von "La Côte Basque" in "Esquire" wurde die Bezichtigte, Ann Woodward, tot aufgefunden. Es hieß, sie habe den Text vorab gelesen und Zyankali geschluckt. Was kaum nötig gewesen wäre; das Kapitel war Zyankali, und Capote überlebte seinen sozialen Selbstmord – fortan war er Persona non grata – um kaum neun Jahre.

Hättest du nur das Haus in der blauen Bucht gekauft, Truman, und jede Menge Yachten und anderen Klimbim! Du wärst mit Schweinswalen geschwommen, hättest abends gekifft und lauter schöne Bücher mit Happy End geschrieben. Vielleicht hast du dich danach gesehnt, als du spürtest, wie deine Kräfte zur Neige gingen. Das ist "Yachts and Things" nämlich vor allem – ein schwacher Traum von einer großen Zeit.

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