30.11.12

Unitarismus

Die geheime Religion des Thomas Mann

Nach Hitlers Machtergreifung sehnte sich der Literaturnobelpreisträger nach einer neuen Religion. Sie sollte humanistischer sein als die alte. Im amerikanischen Exil wurde Thomas Mann fündig.

Von Paul Michael Lützeler
Foto: picture-alliance / IMAGNO/Austri

Thomas Mann beim Tee mit seiner Frau Katia (r.) und seiner Tochter Erika (vorne r.) in seinem Haus in Los Angeles um 1950.

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Der bewährte Thomas Mann-Experte Heinrich Detering hat eine Entdeckung gemacht. Was noch keinem Biografen aufgefallen ist, weist er unwiderlegbar nach: Dass nämlich der prominenteste deutsche Dichter im amerikanischen Exil zu einem aktiven Mitglied der Glaubensgemeinschaft der Unitarier wurde. Und er zeigt auch, wie Thomas Mann deren religiöse Auffassungen schon in den 1920er- und 1930er-Jahren teilte, ohne dass er sie damals als "unitarisch" bezeichnet hätte. Detering fragt sich, warum dieses Kapitel im Leben Thomas Manns bisher nicht erforscht worden ist. Vielleicht sei das Defizit der Sekundärliteratur mit der "kulturellen Indifferenz" der Germanisten gegenüber dieser spezifisch amerikanischen Religionsform zu erklären.

Es ist ein weiter intellektueller Weg, den Thomas Mann von seinen Anfängen bis zum Spätwerk zurücklegte. In den frühen Phasen seiner Entwicklung als Erzähler war er fasziniert von Richard Wagners Kunstreligion, Schopenhauers Todesmetaphysik und Nietzsches Kritik am Christentum. Aber in den "Josephs"-Romanen und den vielen politischen Essays im Exil stand nicht mehr die ästhetische Seite des Religiösen im Vordergrund, sondern ihre moralische Valenz; nicht die Vergänglichkeitsidee, sondern ein innerweltlicher Humanismus; nicht die Überwindung christlicher Ethik, sondern ihre Anerkennung als Zentrum politischer Praxis.

Manns demokratische Wende

Allerdings blieben die Grenzen zwischen Früh- und Alterswerk fließend. Bezeichnend waren eher unterschiedliche Gewichtungen als krasse Gegensätze. Im Roman "Der Zauberberg" stellte er ironisch-provokativ in Frage, was während der Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg kulturkritisch tonangebend gewesen war.

Nichtsdestoweniger gab es im Hinblick auf die politische Positionierung eine Zäsur. Weniger der Erste Weltkrieg als die Etablierung der Republik war für Thomas Mann das entscheidende politisch-soziale Erlebnis. Detering spricht zu Recht von der "Wende", die die Rede "Von deutscher Republik" aus dem Jahr 1922 in Manns Leben markiert. In diesem Bekenntnis zur Weimarer Verfassung war es, wo er Walt Whitman als Dichter der Demokratie feierte. Thomas Mann las den amerikanischen Autor während der 1920er-Jahre in der Übersetzung von Hans Reisiger.

Sehnsucht nach Humanismus

Die Gedichtsammlung "Leaves of Grass" mit ihrer Antizipation einer panerotischen Menschheitsverbrüderung und eines humanistisch erneuerten Christentums wirkte auf den Autor so befreiend wie inspirierend. In den essayistischen "Democratic Vistas" Whitmans steht die Vision des selbstbestimmten, vollentfalteten Menschen im Mittelpunkt. Das ist im Werk von Ralph Waldo Emerson ähnlich. Der Zugang zu Emerson wurde dem deutschen Romancier erleichtert, fand er doch hier Individualismus- und Bildungsideen wieder, die durch Goethe beeinflusst waren. Whitman gehörte nicht der "Unitarian Church" an, doch teilte er viele Auffassungen dieser Religion.

Emerson aber entstammte einer unitarischen Familie und hat seine frühe Prägung nie verleugnet. Ihm waren die "Declaration of Independence" und die "Bill of Rights" Fundamente einer "Civil Religion". In seinem Essay "Self-Reliance" hat er sich gegen jeden Konformitätszwang ausgesprochen. Durch die Lektüre Whitmans und Emersons näherte sich Mann Auffassungen von amerikanischer Demokratie und Humanität, Individualismus und Menschenrecht, wie er sie dann im Exil bei den Unitariern ausgeprägt fand. Thomas Jefferson, einer der Gründungsväter der USA, stand dem Unitarismus nahe, und das war auch bei Abraham Lincoln der Fall. In den Vereinigten Staaten sind sowohl nach Jefferson wie nach Lincoln eine Reihe unitarischer Gemeinden benannt worden.

Amerikanische Kirche

Die Ursprünge des Unitarismus gehen auf Reformbewegungen im Europa des 16. Jahrhunderts zurück. Die erste amerikanische Kongregation wurde in Boston wenige Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg gegründet. Wie einige andere protestantische Filiationen des christlichen Glaubens in den Vereinigten Staaten ist auch der Unitarismus keine auf Einheit bedachte Bewegung oder Kirche.

Es gibt zwei Hauptrichtungen: eine ältere theologische, die monotheistisch in dem Sinne ist, dass sie die Lehre von der Trinität ablehnt, sich ansonsten aber christlich nennt und auf die Bibel beruft. Daneben existiert eine neuere Richtung, die sich nicht als ausschließlich christlich versteht, sondern auch andere religiöse Weisheiten aufnimmt. Beiden gemeinsam aber ist die Betonung tätiger Nächstenliebe, praktizierter Tugenden, die Christus nach den Berichten der Evangelien vorgelebt hat.

Suche nach Einsicht

Theologische Spitzfindigkeiten waren Thomas Manns Sache nicht. Hingegen schätzte er es, wenn sich christliche Gesinnung in soziales Verhalten, in aktive Hilfe für Mitmenschen umsetzte. Seine Abneigung gegenüber allem Dogmatismus wurde erneut deutlich, als Stefan Zweig 1936 sein Buch "Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt" veröffentlichte.

Das war ein historischer Roman mit antifaschistischer Tendenz. Michel Servet, der sich im 16. Jahrhundert zu theologischen Meinungen bekannte, wie sie auch die Unitarier vertreten, wird hier ein tödliches Opfer der Intoleranz von Jean Calvin. Servet hatte das Recht auf Häresie eingeklagt und wurde damit ein Gründungspatron des Unitarismus. Thomas Mann schrieb Stefan Zweig, den er bisher nicht sonderlich geschätzt hatte, einen zustimmenden Brief. Immer stärker wurde dem Autor des "Zauberbergs" Mitte der 1930er-Jahre bewusst, dass der Widerstand gegen die nationalsozialistische Ideologie vor allem aus einem religiös verankerten Humanismus kommen müsse.

Die Unitarier

Entscheidender noch als die Lektüreeindrücke waren für Thomas Manns Hinwendung zur unitarischen Kirche persönliche Erfahrungen. Als Mitte 1940 Hitler Frankreich besetzen ließ, waren es Anhänger dieser Glaubensgruppe (man denke an Varian Fry), die – in Kooperation mit anderen Hilfsorganisationen – Netzwerke zur Rettung von tausenden von Flüchtlingen aufbauten. Heinrich Mann und Golo Mann verdankten dem "Unitarian Service Committee" ihr Entkommen in die USA.

1940 war Thomas Mann von Princeton nach Kalifornien umgezogen, wo er nun bis 1952 wohnte. Er nahm Kontakt auf zur First Unitarian Church of Los Angeles und machte die Bekanntschaft mit Ernest Caldecott, dem dort amtierenden Pfarrer. Caldecott war ein Vertreter der neueren Richtung seiner Kirche. Ihm ging es, wie seine Zeitschrift "The New Humanist" zeigte, um einen integrativen Humanismus, der die Zusammenarbeit von Christen mit Andersgläubigen, vor allem mit Juden, förderte. Thomas Mann erkannte in der Unitarian Church eine religiöse Gemeinschaft, die sich nicht mehr auf dogmatische Fundamente stützte.

Gegen Hitler-Deutschland

Das war eine Konfession nach seinem Geschmack. Er sorgte dafür, dass sein Enkel Frido und seine Enkelin Angelica im Frühjahr 1942 nach unitarischem Ritus getauft wurden, wobei er selbst als Pate fungierte. Nach dieser Zeremonie hielt er in seinem Tagebuch fest, dass es "die angenehmste kirchliche Erfahrung, die ich gemacht habe", sei.

Das Interesse am Unitarismus steigerte sich bei Thomas Mann noch während des folgenden Jahrzehnts. In der ersten Hälfte der 1940er-Jahre nahm er durch Vortragsreisen und Radioansprachen aktiv am publizistischen Kampf gegen Hitler-Deutschland teil. 1942 veröffentlichte er das Buch "Order of the Day", eine Sammlung seiner politischen Essays und Reden aus den letzten Jahren.

Das "gelobte Land"

Es sind Beiträge, in denen er den Zusammenhängen von Politik und Religion, von Demokratie und Christentum nachgeht und dabei häufig Ralph Waldo Emerson und Walt Whitman zustimmend zitiert. Detering zeigt, dass Thomas Mann in der Nachfolge seiner amerikanischen Vorbilder selbst zum poet of democracy wurde.

Nie war Thomas Manns Einstellung gegenüber Amerika so positiv wie 1945 und 1946: Der Krieg gegen Hitler war durch die USA entschieden worden, und der Kalte Krieg hatte noch nicht begonnen. Zu Thanksgiving 1946, als sich Studenten mit Fragen an ihn wandten, formulierte der Autor eine Art politisches Credo, das in seinen Grundzügen mit denen des Unitarismus übereinstimmt. Da wird die "diesseitige Bestimmung des Menschen" betont und die "Berufung zu persönlicher und sozialer Selbstvervollkommnung".

Mann und McCarthy

Auf diesen Überzeugungen gründe sich sein Glaube an ein liberales und kosmopolitisches Amerika, das man, wie es schon die Puritaner gesehen hätten, als eine Art von "Gelobtem Land" betrachten könne. Daher seien die USA nicht irgendeine Nation, sondern stünden für einen postnationalen Kosmopolitismus mit einer weltpolitischen Aufgabe. Dieser Optimismus lag schon 1940 seiner Arbeit als spiritus rector an dem Projekt "The City of Man" zugrunde, als er gemeinsam mit einer Reihe prominenter amerikanischer Intellektueller und europäischer Exilanten Pläne für eine Weltdemokratie nach dem Krieg schmiedete. Einer seiner Mitarbeiter dabei war übrigens der Unitarier Louis Mumford.

Detering bestimmt die Stellung Thomas Manns im Spektrum des unitarischen Denkens in den USA und kommt zu dem Schluss, dass die First Unitarian Church of Los Angeles eine neue "humanistische Religiosität" anstrebte, während Mann einen neuen "christlichen Humanismus" vertrat. Der Autor betonte die Christlichkeit seines Humanismus und stand damit der älteren Richtung des Unitarismus näher als der neueren.

Hexenjagd

Das gilt für die theologische Position. Was die Praxis eines gelebten Unitarismus betrifft, war er Anhänger beider Richtungen, die im Krieg an publizistischen Aktionen gegen den Nationalsozialismus teilnahmen und während der McCarthy-Ära die Übergriffe des House Committee on Un-American Activities bloßstellten.

Ein Mitstreiter Manns war dabei Stephen Fritchman, der Nachfolger Caldecotts im Amt des Pfarrers an der First Unitarian Church of Los Angeles. Er wurde zu einem Freund des Autors im Exil. Gemeinsam protestierten beide 1947 öffentlich gegen die Verhaftung der "Hollywood Ten". Die Filmstudios entließen Hunderte von Schauspielern und Regisseuren, die des "Kommunismus" verdächtigt wurden, und diese Hexenjagd zwang auch so berühmte Stars wie Charlie Chaplin zur Remigration nach Europa.

Manns Ringparabel

Als 1950 der Abgeordnete Harold Levering in Kalifornien ein Gesetz durchbrachte, das den religiösen Einrichtungen einen anti-kommunistischen Loyalitätseid abverlangte, nahm Stephen Fritchman den Kampf gegen diese Vorschrift auf. Er konnte sich dabei auf das in der amerikanischen Konstitution verbriefte Recht der Gewissensfreiheit und auf die dort ebenfalls verankerte Trennung von Kirche und Staat berufen. Damit hatte er Erfolg, wenn es auch acht Jahre dauerte bis der "Levering Act" vom Supreme Court der Vereinigten Staaten als verfassungswidrig aufgehoben wurde.

Als Leitmotiv taucht in Deterings Darstellung Lessings "Ringparabel" aus dem "Nathan" auf. Religiöse Toleranz und die Überzeugung, dass sich der Wert einer Religion primär an den Taten ihrer Anhänger ablesen lasse, war der eigentliche Grund für Manns Mitgliedschaft in der unitarischen Kirche. 1951 wurde Mann als "Trittbrettfahrer" des Kommunismus in den USA diffamiert. In Fritchman fand er einen Verteidiger, der ihm im März jenes Jahres die Kanzel der First Unitarian Church of Los Angeles zur Verfügung stellte, damit er dort seine politisch-ethischen und religiös-humanistischen Überzeugungen darlegen könne.

Unitarier bis zum Tod

Der Autor nahm das Angebot an und bekannte vor über achthundert Zuhörern, dass er zwar seiner Herkunft nach Lutheraner sei, dass er aber noch nie ein so kämpferisches Interesse an einer religiösen Gruppe entwickelt habe wie an der unitarischen. Als Thomas Mann ein Jahr später die USA verließ, um in die Schweiz zurückzukehren, riss der Kontakt zu den kalifornischen Unitariern nicht ab, denn er verstand sich weiterhin als Mitglied ihrer Kirche und unterstützte sie finanziell. Im August 1955 starb der Autor in Zürich.

Fritchman hielt in Los Angeles eine Trauerrede, in der er den Literatur-Nobelpreisträger mit den Propheten des Alten Testaments verglich. Die aufgeklärte Toleranz und die umgesetzte christliche Ethik der Unitarier waren für Mann Ausdruck einer amerikanischen Demokratie, der er eine internationale Ausstrahlung zutraute.

Heinrich Detering legt mehr vor als eine eingängig geschriebene und vorzüglich recherchierte germanistische Studie: "Thomas Manns amerikanische Religion" ist eine neuartige kulturgeschichtliche Arbeit, die einen Einblick in die Rolle der Unitarier im Jahrhundert Amerikas bietet und auch die Gründe dafür erhellt, warum der Repräsentant des literarischen Deutschlands im Exil sich dem Unitarismus so eng verbunden fühlte.

Foto: picture-alliance / dpa

Das Grab des deutschen Schriftstellers Thomas Mann (1875 - 1955), aufgenommen am 31. Mai 2000 in Kilchberg bei Zürich.
Das Grab des deutschen Schriftstellers Thomas Mann (1875 - 1955), aufgenommen am 31. Mai 2000 in Kilchberg bei Zürich.
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