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03.04.09

Interview

"Das Gegenmodell zum Materialismus fehlt"

Er ist ein bekennender christlicher Sozialist: Ein Gespräch mit dem deutschen Film- und Bühnenregisseur Werner Schroeter

Morgenpost Online:

Herr Schroeter, Sie leiden seit Jahren an Krebs. Wie geht es Ihnen zurzeit?

Werner Schroeter:

Besser. Der Krebs scheint zum Stillstand gekommen zu sein. Aber man weiß nie. Das schlummert dann irgendwo. Ich arbeite nun einmal dauernd, und das ist ein bisserl viel. Anstrengend. Aber mir macht Arbeit sehr viel Freude, meine jedenfalls.

War die Krankheit schuld, dass man so lange keinen Film von Ihnen gesehen hat?

Schroeter:

Auch. Ich war praktisch drei Jahre im Krankenhaus. Aber nicht zu vergessen: Wer finanziert solche Filme? Niemand. Ich habe einfach keine Lust, durch diese Gremien-Vorzimmer zu gehen. Mein letzter Film "Deux", ein in der Form sehr extremer Film mit einer großartigen Isabelle Huppert, ist in Deutschland gar nicht gelaufen. Die Produktionslage für Filme wie meine ist sehr schwer. Aber der portugiesische Produzent Paulo Branco, einer der wenigen, die wirklich immer nur das machen, was sie künstlerisch wichtig finden, und der immer am Grabesrand mit seinen Produktionen schwebt, hat mir noch während der Krankheit angeboten, wieder einen Film zu machen. So entstand mein neuer Film.

Sie haben Opern und Theaterstücke inszeniert, eine Menge Filme gemacht. Begreifen Sie diese Arbeit überhaupt als einen kontinuierlichen Zusammenhang, ein Werk?

Schroeter:

Ja. Völlig organisch hat sich das entwickelt, eines aus dem anderen, aufeinander aufbauend. Und das Theater hatte zeitweise enorm Übermacht, da bin ich bei 76 Inszenierungen angekommen. Filme habe ich nur 35 gemacht.

Bei welcher Inszenierung haben Sie im Rückblick das Gefühl: Das ist mir am allermeisten geglückt?

Schroeter:

Beim Film "Rosenkönig". Ein Film, den ich auch sehr gern mag, ist "Der lachende Stern". Im Theater: "Medea" von Jahnn, von Labiche "Petit Matin" und von Mishima "Der tropische Baum". Ich kann Ihnen auch sagen, was ich am furchtbarsten fand: Im Film ist das "Der schwarze Engel" und im Theater "Die Perser" im Köln am Schauspiel. Puh! Das sind die Tiefpunkte.

Können Sie erklären, was Sie im Kino lieben?

Schroeter:

Es darf kein Gebrauchskino sein. Naturalistische Versuche liegen fernab von der Wirklichkeit der Kunst. Man braucht Mut, Freiheit, Herzensbildung, einen gesellschaftlichen Erkenntnisprozess. Angst dagegen kann nie produktiv sein. Aber ich glaube, die Angst vorm Tod, überhaupt Angst ist das größte Machtmittel. Die Leute haben ja heute schon beim Anblick einer Zigarette Angst vorm Tod. Aber Angst kann bestenfalls zu sinnvollen Paniktaten führen. Wie dazu, einen Diktator zu erschießen. Davon handelt ja auch mein neuer Film.

Dessen Hauptfigur ist ein Freiheitsheld ...

Schroeter:

Ja, eine Mischung aus Candide, dem Mann ohne Eigenschaften und Che Guevara. Die Vorlage von Juan Carlos Onetti ist ja inspiriert worden durch den Besuch von zwei spanischen Exilanten, Republikanern aus dem Bürgerkrieg, die Onetti 1942 in Montevideo besuchten. Er hat das dann zu einer Metapher universalisiert.

Einer Ihrer schönsten Filme ist "Die Königin" über Marianne Hoppe ...

Schroeter:

Die mochte ich so! Sie lebte auch im Alter noch gerne, wenn man sich um sie kümmerte. Ich habe mit ihr in Berlin viel Zeit verbracht. Im schwulen Strichlokal mit einer 90-jährigen! Für den Film habe ich viele Interviews mit ihr gedreht, es gibt noch viel mehr Material. Aber das werde ich nicht veröffentlichen. Mir gefällt nicht, wie das Publikum mit ihr umgegangen ist. Sie wurde aus dem Publikum als "Nazisau" beschimpft, weil sie nach Hitlers Machtantritt nicht ins Exil gegangen war. Dabei liegen die Dinge komplizierter. Und Marianne Hoppe selbst sagt in meinem Film auf die Frage, warum sie blieb: Es sei "unverzeihlich", dass sie dageblieben ist. Das ist eh eine drollige Geschichte: Denn Marianne hat ja eigentlich mehr die Frauen geliebt. Aber es gab drei oder vier große Männerlieben in ihrem Leben. Einer davon war Ödon von Horvath. Als der nach Paris ins Exil gegangen ist, hat er Marianne beschworen, mitzukommen. Sie wollte, aber konnte nicht - wegen der Sprache, ihrem Instrument. Wie dem auch sei... Es gab vielleicht viele andere Gründe, wer weiß.

Auch Feigheit?

Schroeter:

Die war nicht feige. Eine weniger feige Person kenne ich nicht. Feige war Marianne nie.

Wie haben Sie sie kennengelernt?

Schroeter:

Als ich 13 war. Indem ich sie auf der Bühne gesehen habe und fasziniert war. Bei einer schrecklichen Theateraufführung, einem Gastspiel des Burgtheaters in Bielefeld. Da spielten solche furchtbaren Damen wie Paula Wessely und ihr Mann, der Hörbiger. Auf einmal trat von rechts hinten Frau Hoppe auf - und damit wurde das Kunst. Dann habe ich mir hinter der Bühne ein Autogramm geholt. Wir waren sehr gut befreundet. Am meisten liebte ich ihren beinharten Humor.

Ihre eigene Karriere hat im Umfeld des kulturellen Aufbruchs von 1968 begonnen. Wie würden Sie diese Zeit im Rückblick charakterisieren?

Schroeter:

Es gab nach 1968 ein anderes Gefühl in der Gesellschaft: Man fühlte sich freier, dazu aufgerufen, offener zu sein. Es war ein gesellschaftliches Verhalten mit weniger Lügen, führte zu einem anderen Lebensgefühl. Aber schon 1975/76, als ich Professor in Berkeley war, einem Ursprungsort der 68er-Bewegung, habe ich am eigenen Leib erlebt, wie der Wind durchgehuscht war, ohne Spuren zu hinterlassen. Warum Freiheit so schnell wieder weggeworfen wird, kann ich nicht erklären. Ein Phänomen: Das kostbarste Gut außer der Liebe, die Freiheit, wird über Bord geworfen, sobald es eben geht. Das zeigt auch die Geschichte in unserem Land.

Was vermissen Sie neben der Freiheit am meisten?

Schroeter:

Mir fällt auf, dass viele junge Leute viel schüchterner sind. Wenn die kommen und um Autogramme bitten. Als hätten sie kein Selbstwertgefühl. Umgekehrt gibt es die Übersteigerung von Tölpeln.

Wie hat sich aus Ihrer Sicht die Bedeutung und Rolle von Politik in den letzten Jahrzehnten verändert?

Schroeter:

Es herrscht ein extremer Materialismus. Ein Faktum, das nicht verwundern kann nach 1989. Aber ein Gegenbild zum Bestehenden fehlt enorm. Ich bin der Fall eines christlichen Sozialisten. Wir wissen ja, dass es scheitern musste. Aber indem es da war, war es ein denkbarer Kontrast. Dieses Gegenmodell, wie es sich grandios äußert in Büchern wie Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung", fehlt enorm. Damit ist eine Verkarstung eingetreten. Das ist natürlich eine Katastrophe, das materielle Denken. Als ob die Materie, wenn ich sie bloß festhalte, mir ein ewiges Leben garantierte. Das ist eine Wahnidee, der reichen Schickeria zumal. Aber auch bei kleinen Leuten hat sich dieser Gedanke festgefressen.

Können Sie erklären, was das für Sie heißt, wenn Sie sich als christlichen Sozialisten bezeichnen?

Schroeter:

Für mich ist das kein Widerspruch, weil ich kein Materialist bin. Ich trage zwar den Schmuck der Eltern, weil ich der letzte Überlebende bin; die Sachen sind alle alt. Und ziehe mich gern elegant an. Aber ich bin nicht angewiesen auf Besitztümer. Ich brauche kein Auto und kein Haus. Eleganz steht zu Anti-Materialismus nicht im Widerspruch. Und als Christ wird man, glaube ich, geboren. Das sozial gelebte Leben und der christliche Gedanke ergänzen sich. Auf jeden Fall ist es eine Frage des Glaubens.

Der Sozialismus ist keineswegs eine Glaubensfrage, sondern eine Sache des Verstandes. Er scheitert an der Psychologie des Menschen. Er ist leider Gottes nicht so haltbar gewesen wie das Christentum, das ja die Verbrechen der Kirche überlebt hat. Mir als Christ ist bewusst, dass da die Schwäche des Menschen auch viele Schweinereien angerichtet hat. Aber deswegen ist es trotzdem enorm wertvoll. Das Christentum hat überdauert.

Wenn Sie diese beiden Pole Verstand und Glauben nehmen, wo steht da die Kunst?

Schroeter:

Kunst und Kultur sind die einzigen Waffen gegen die Barbarei. Gegen das Brutale steht die Verfeinerung, die Fantasie des Menschen. Kunst ist gleichzeitig die schutzlose Behauptung eines Anderen. Man kann das kreative Moment gar nicht genug fördern. Sie ist das einzige, was die Seele und das Herz, den Geist und den Körper in Bewegung hält. Für mich war es immer innere Notwendigkeit, mich künstlerisch auszudrücken. Das war da, und ich habe es gemacht.

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