Volksbühne Berlin
Werner Schroeter sucht Trost im hohen Ton
Die neueste Aufführung im Antiken-Zyklus der Berliner Volksbühne überrascht: Ganz anders als sonst üblich, wird der hohe Ton der Tragödien "Antigone" und "Elektra" von Hölderlin und Hofmannsthal ganz ernst genommen. Der schwer kranke Regisseur Werner Schroeter stemmt sich gegen den Geist des Hauses.
Von Reinhard Wengierek
"Doch ihn begrab ich. Schön ist es hernach, zu sterben. Lieb wird ich bei ihm liegen, bei dem Lieben, wenn Heiliges ich vollbracht. Und dann ist's mehr Zeit, dass denen drunten ich gefall, als hier ..." So schön spricht Antigone vom selbst bestimmten Tod - Sophokles mit den Worten Friedrich Hölderlins.
"Orest! Hehres, unbegreifliches, erhabenes Gesicht, o bleib bei mir! Vergeh mir nicht, es sei denn, dass ich jetzt gleich sterben muss und du mich holen kommst, dann sterbe ich seliger, als ich gelebt!" So schön schreit Sophokles' Elektra mit den Worten Hugo von Hofmannsthals.
Zwei edelste Produkte deutscher Dichtung in der für Derartiges sonst wenig zuständigen Berliner Volksbühne. Die ist zwar wegen Renovierung geschlossen, weshalb man vor ihrer elegant geschwungene Fassade mit den fünf Stufen Sand aufgeschüttet und ein Amphitheater gebaut hat: Für ein Fest antiker Dramatik unter freiem Himmel. Bislang ging es da auch volksbühnengemäß säuisch-plebejisch und deppert-chaotisch hoch her. Doch jetzt, nach viel im dreckigen Sand sich suhlendem Klamauk, ein frecher Stilbruch: Werner Schroeter, die legendäre Extravaganz des deutschen Autorenkinos, zelebriert mit heiligem Ernst das Hohelied vornehmster Dichtkunst.
Dafür kombiniert er Bruchstücke der Sophokles-Tragödien "Antigone" und "Elektra" in den Fassungen von Hölderlin bzw. Hofmannsthal; Motto: "Alles ist tot - Formen der Einsamkeit". Und arrangiert den Zwitter als Wortoper für vier Schauspielerinnen auf diesmal akkurat geharktem und gesäubertem Sand vor den monumentalen Säulen der Volksbühnen-Front.
Freilich, gelegentlich werfen sich die bravourösen Damen Anne Ratte-Polle, Dörte Lyssewski, Almut Zilcher und Pascale Schiller ungeachtete ihrer aristokratischen Roben vehement ins irdische Element, zuweilen wühlen sie auch erregt oder depressiv im selbigen. Ansonsten lässt das fein choreographierte Quartett der verzweifelt todes- und doch liebessüchtigen Einsamkeiten die Texte leuchten, die Verse klingen.
Für das Castorfsche Trümmer-Theater ist schon das überwältigend viel. Dennoch wird das Ganze trotz rhetorischer Präsenz nicht ergreifend, nicht wirklich wuchtig.
Weil: Die zwar dramaturgisch durchaus geschickte Verschachtelung ausgewählter Szenen zweier Großtragödien macht die Veranstaltung nicht auch dramatisch doppelt stark. So gerät der 90-Minuten-Abend, um im Opernbild zu bleiben, zur kunstvoll künstlichen, großen aber eben nicht großartigen Best-of-Arien-Show.
Dabei wäre Werner Schroeter, von Fassbinder als Filmemacher verehrt ("Tag der Idioten", "Palermo oder Wolfsburg", das Hoppe-Porträt "Die Königin") und von ihm verglichen mit Novalis, Lautréamont, Céline, dabei wäre dieser aparte Meister des Apokalyptisch-Sarkastischen, dieser schwelgerische und obendrein ironische Pathetiker der pässlich spannungsgeladene Regisseur für die eine große Tragödie: etwa "Antigone" oder "Elektra".
"Von allen Wundern, die ich je gehört, scheint mir das größte, dass sich Menschen fürchten; da sie doch sehen, der Tod, das Schicksal aller, kommt, wann er kommen soll." Dieses Shakespeare-Zitat gab Werner Schroeter seinem Film "Diese Nacht" als Motto, einem Politmelodram, das er vergangenes Jahr auch aus Abwehr auf den Angriff eines Karzinoms drehte. Wir denken da an Schlingensief, der seine Krebs-Wunde vehement künstlerisch offenbart. Oder an den kürzlich verstorbenen Gosch, der in ähnlicher Lage sich so diskret wie intensiv mit Tschechow befasste. Schroeters sonderbar zarter Griff nach letztem Sinn und klarstem Ton mag seine Art sein, vom "Schicksal aller" zu singen; schön auch, tröstlich und grausam.
Termine: 30. Juni, 3. Juli; Karten: (030) 240 65 777
Im Internet: www.volksbuehne-berlin.de
Werner Schroeters Homepage: www.werner-schroeter.com
Werner Schroeter im Filmportal: www.filmportal.de
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