27.11.12

"Sechzehneichen"

Der optisch faszinierendste TV-Film des Jahres

Aus Hessen kommen finstere Fernsehalpträume. In "Sechzehneichen" mit Heike Makatsch erzählt Regisseur Hendrik Handloegten von einer Familie, die in eine groteske Gemeinschaft von Neureichen gerät.

Von Elmar Krekeler
Foto: © HR/Thomas Rusch

Was sind denn das für Leute? Fragt sich Laura Eichhorn (Heike Makatsch, l.) bei der ersten Party im Kreise ihrer neuen Nachbarn der bewachten Wohnanlage „Sechzehneichen“. Marlene (Lavinia Wilson) kann ihr da nicht helfen. Sie besteht nur aus medikamentös unterstützter Oberfläche.

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Wenn es ein Bundesland gibt, in dem man im Traum lieber nicht sein möchte, dann ist es Hessen. Bevor jetzt alle Anwohner des Main-Taunus-Umkreises fiese Kommentare schreiben, sei angemerkt, dass diese Erkenntnis nicht Folge einer der beliebten Umfragen ist, sondern sich der Empirie verdankt. Der Empirie des Fernsehens. Des hessischen Fernsehens genauer gesagt.

Das hat nämlich die fatale Neigung entwickelt, ganz fiese Alpträume Fernsehspiel werden zu lassen. Seit Jahren geht das so. Es gibt Menschen, in denen gehen heute noch die abgedrehten "Tatorte" mit Andrea Sawatzki im Kopf herum. Von den geradezu seelenschädigenden Sonntagabendalpträumen, in denen der Wiesbadener "Tatort"-Ermittler Ulrich Tukur mit seinem Tumor tanzte, gar nicht zu reden.

Sie nehmen sich gern, wie das Träume eben tun, ein Stück Realität und vergrößern es solange, bis es komisch und schräg und bedrohlich aussieht und die Risse, die Ängste und Gefährdungen sichtbar werden, die in der wahren Wirklichkeit so perfekt glatt- und überspachtelt wirken. Die filmischen Vergrößerungsinstrumente stammen nicht selten aus der verstaubt geglaubten Filmgeschichte, den Sechzigern, den frühen Siebziger.

Der Wahnsinn aus Hessen bleibt im Kopf

Und sie funktionieren, wenn man sie so liebevoll und zielgerichtet und ästhetisch gewieft einsetzt, wie es Justus von Dohnanyi im Tukur-Tatort "Das Dorf" einsetzte, so lustig, so böse, so erschütternd, dass sie noch lange umgehen im Kopf.

Deswegen gleich hier schon die Warnung: "Sechzehneichen", das neue Produkt aus der hessischen Alptraumfabrik, könnte Ihre seelische Gesundheit gefährden. Hendrik Handloegtens Psychothriller ist ein Nachtmahr für Neureiche und solche, die es werden wollen.

Handloegten und sein Ko-Autor Achim von Borries haben sich in ein Reservat der Schönen und Glatten gestellt, eine "Gated Community", bewaffnet mit dem irritierenden Blick, den Kameras und Beleuchtungseinrichtungen von Michelangelo Antonioni aus dem Museum und dem Grusel von Nicolas Roeg, und inszenieren die zeitgenössische Version von Ira Levins 1972 erschienenem ehemaligem Zukunftsthriller "Die Frauen von Stepford".

Eine Familie flieht in die bewachte Wohnanlage

Die Welt hier draußen bei uns, so geht's los in "Sechzehneichen", ist kompliziert, gesundheitsgefährdend und gefährlich. Frauen vor allem entwickeln Allergien und fürchten sich, auf die Straße zu gehen. Männer, die es sich leisten können, ziehen deswegen mit ihnen weit raus aufs Land.

Nach Sechzehneichen zum Beispiel, einem bewachten Wohnpark. Umgeben von Sozialbauten, geschützt vor der Welt von uns durch Zäune und Sicherheitspersonal und Schranke liegen da zwanzig Villen hingewürfelt in eine idyllische Gartenlandschaft. Ein Paradies, in dem aber nur der Himmel frei ist.

Was Laura (Heike Makatsch) relativ schnell mitbekommt. Nils (Mark Waschke) eher weniger. Aber der ist ja auch ein Mann. Nils, Laura und Töchterchen Fanny sind der Allergie wegen nach Sechzehneichen gezogen. Und finden sich in einer Gemeinschaft wieder, die eben fatal an Stepford erinnert.

Das Beste aus der Filmästhetik der späten Sechziger

Protofaschistische Männer, die nicht mehr richtig arbeiten müssen, weil sie ihr Geld mit irgendwas Rätselhaftem verdient oder vielleicht von den Eltern in Süddeutschland geerbt haben, gleichgeschaltete Frauen, die nur noch aus Sex und Oberfläche zu bestehen scheinen, gestörte, gehörlose Kinder. Wobei die Geburtenrate (da unterscheidet sich Sechzehneichen stark von Gated Communities in Osten) eher überschaubar ist.

Laura, die Fotografin, die natürlich nicht zufällig den selben Beruf hat wie Michelangelo Antonionis Hauptfigur in "Blow up" und den selben Vornamen wie die Mutter aus Nicolas Roegs "Wenn die Gondeln Trauer tragen", fremdelt schnell unter den seltsam bornierten, distanzlosen, seltsam voremanzipiert wirkenden Gattinnen von Sechzehneichen. "Was sind denn das für Leute", fragt sie Nils nach dem ersten Abend im Kreise von Ansgar, Konstantin, Valerie und Marlene.

Die Männer haben sich nach dem Essen in den Raucherraum zurückgezogen und fabulieren von ihrer Schwäche für Dokumentarfilme auf Arte, vor allem einer neuen Serie über die Sechziger (das ist einer der wenigen untersubtilen Ausreißer des Drehbuchs). Die Frauen erzählen von Nichts und von Ludwig, dem Sechzehneichendoktor, dem Heiler, der alle Frauen mit Globuli glücklich macht. Und gefügig, aber das erzählen sie natürlich nicht.

Eine sexualisierte Männergesellschaft richtet Frauen ab

Je seltsamer Handloegten mit seinem Kameramann Philipp Haberlandt die Szenerie ausleuchtet, je irritierender alles aussieht, je mehr der Erzählfluss verrätselt wird und je grotesker, gefährlicher die Gemeinschaft der Gierigen wirkt, desto brüchiger erscheint die schon von Anfang an angemüdete Ehe von Laura und Nils.

Laura wird zunehmend mulmig, in der Ehe und in der Gemeinschaft, sie will raus. Nils wird die Ehe immer egaler, er will tiefer rein, in jeder Beziehung, mitmachen im Männerbund. Dass es einen gibt, weiß er, seit er einmal da saß spät in der Nacht vor dem Fernseher. Er wollte Arte gucken, die empfohlene Sechziger-Doku.

Über das Sechzehneichenkabel wurde aber eine Art Gated-Community-Porno eingespielt mit der Nachbarin im Kreise der fünf jetzt nackten Zigarrenraucher von nebenan. Später gibt's im Sechzehneichensonderprogramm sogar noch einen Splatterfilm mit offensichtlicher Nachbarinnenbeteiligung. Nils muss draußen bleiben vor dem Großbildschirm, weil seine Mitmänner den Eindruck haben, er hätte Laura nicht im Griff.

Heike Makatsch als Alien unter Retro-Hausfrauen

Man schaut dem gruselnd und fasziniert zu. Wie Heike Makatsch, trotz ihres Twiggy-Charmes ein Alien aus emanzipierten Zeiten unter den spießbürgerlich auftoupierten Retro-Hausfrauen, zunehmend aus der Fassung gerät, immer mehr Narben im Gesicht und auf der Seele trägt. Wie der eigentlich glatte Mark Waschke zerknirscht wird vom Sog des Sechziger-Sexus, in Verzweiflung zu vergehen scheint.

Und wie Hendrik Handloegten mit den Mitteln einer Zeit des Aufbruchs in die filmische Moderne die Geschichte einer Gesellschaft erzählt, in der die gesellschaftlichen Errungenschaften eben dieser Moderne ausgelöscht werden.

Wenn das Schule macht. Ästhetisch hätte man ja gar nichts dagegen. "Sechzehneichen" ist optisch vielleicht der faszinierendste, weil am konsequentesten durchdesignte, ausgestattete Fernsehfilm des Jahres. Es gibt Bilder, Szenen, die möchte man anhalten und in ihnen baden. Bilder, die aussehen wie von Gerhard Richter an einem guten Tage fotografiert. Leben möchte man natürlich nicht in diesen Bildern, nicht in Sechzehneichen. Nicht im Traum.

Sechzehneichen, ARD, 28. November. 20.15 Uhr.

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