28.11.12

Religion

Wie Regisseur Syberberg einen Kirchturm rettete

In jahrelanger Arbeit baute der Filmemacher Hans Jürgen Syberberg sein Gut in Nossendorf gegen den Widerstand der "Roten" im Dorf wieder auf. Doch er kümmerte sich auch um eine Glaubensstätte.

Von Ingo Langner
Foto: picture alliance / dpa

Der Regisseur Hans-Jürgen Syberberg vor einem Modell der Spitze der Kirche von Nossendorf. Der Filmemacher arbeitete mehr als ein Jahrzehnt lang am Wiederaufbau seines Gutshauses in Nossendorf, zu dem auch die Dorfkirche gehört. Jetzt wurde der Turm feierlich eingeweiht.
Der Regisseur Hans-Jürgen Syberberg vor einem Modell der Spitze der Kirche von Nossendorf. Der Filmemacher arbeitete mehr als ein Jahrzehnt lang am Wiederaufbau seines Gutshauses in Nossendorf, zu dem auch die Dorfkirche gehört. Jetzt wurde der Turm feierlich eingeweiht.

"Das Wunder von Nossendorf" nannte Hans-Jürgen Abromeit von der barocken Kanzel herab, was sich jetzt mit der feierlichen Einweihung des wiederaufgebauten Kirchturmes vollendete. Und obwohl die überwiegende Mehrheit jener, die in der bis über den letzten Platz hinaus gefüllten vorpommerschen Dorfkirche südwestlich von Stralsund der Predigt des Bischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland lauschten, mit Sicherheit keine Christen sind, verzog niemand von ihnen die Miene, oder erhob gar die Stimme zum Protest. Im Gegenteil. Auch weit über das bei Demmin gelegene Nossendorf hinaus ist man jetzt stolz darauf, dass die von der SED böswillig geschlagene Wunde wieder verheilt ist und der ursprünglich um 1300 errichtete Feld- und Backsteinbau nicht mehr als Krüppel dasteht.

Doch dass der Kirchturm im auch nach 1989 noch "roten Nossendorf" verkrüppelt war, hatte allerdings noch bis zum Sommer dieses Jahres kaum einen Dörfler nachhaltig gestört und allein Hans Jürgen Syberberg den Nachtschlaf geraubt. Syberberg, der vor allem mit seinem 1977 entstandenen monumentalen Cinemascope-Ereignis "Hitler, ein Film aus Deutschland" zu Weltruhm gelangte Regisseur, ist vor mehr als einem Jahrzehnt an seinen Geburtsort Nossendorf zurückgekehrt, hat dort das Gutshaus seines Vaters vor dem Ruin bewahrt und müht sich seitdem mit wechselndem Erfolg, das Gutshaus wieder zu einem vor allem künstlerisch-geistigen Zentrum zu machen.

Bauliche Wunden müssen geheilt werden

Syberbergs Ausdrucksmittel ist heute nicht mehr der Film, sondern das Internet. Sein digitales Tagebuch wird auch in Japan gelesen. Collageartig und im Rhythmus der Jahreszeiten wachsen dort virtuell Heimat und Erdkreis zu einer sinnstiftenden Einheit zusammen. Jedenfalls so, wie Hans Jürgen Syberberg sie sieht. Und was er sieht, sind vor allem bauliche oder landschaftliche Wunden. Die deshalb wieder geheilt müssen, weil sonst auch die Seelen der Menschen imperfekt bleiben.

Doch was so formuliert abstrakt klingen mag, ist bei genauerem Hinsehen ganz konkret. Ja, handfest sogar. Dafür hatte Syberberg in Dorf und Kreis jahrelang zunächst vergeblich geworben. "Den Turm brauchen wir nicht!", hieß es überall. "Wozu soll der gut sein?" "Selbst für die Aufbahrung der Särge der Toten reicht eigentlich eine Garage!" So dachten die Leute von Nossendorf im Gleichklang mit einem auch im wiedervereinten Deutschland materialistisch getönten Geist der Zeit.

Auch als Regisseur kämpfte er auf verlorenem Posten

Doch Syberberg, der das Kämpfen auf scheinbar verlorenem Posten als Regisseur gelernt hat, ließ nicht locker. Als ihm im Herbst 2010 Rainer Rother, der Direktor des Deutschen Kinemathek, mit einer Ausstellung im Filmmuseum am Potsdamer Platz zum 75. Geburtstag gratulierte, nutzte der Geehrte dies, um auf sein Nossendorfer Kirchturmprojekt aufmerksam zu machen. Der Berliner Unternehmer und Mäzen Hans Wall entschloss sich nach der Lektüre eines Berichts in der "Welt" spontan, 40.000 Euro zu spenden, die er später um 20.000 Euro vermehrte.

Damit war der Grundstock gelegt, und Kirche und Land sorgten mit weiteren 80.000 Euro dafür, dass zum guten Ende auch wieder ein Kreuz die Turmspitze krönt. Syberberg gibt sich jedoch mit einem Wunder nicht zufrieden, bald soll ein zweites folgen: eine neue Orgel, ebenfalls aus Spenden finanziert.

Als Bischof Abromeit das gelungene Werk mit dem Freiheitswillen der Kinder Gottes verband, war nicht nur der neue Turm gemeint. Denn mit der neu-alten weit im Land sichtbaren Silhouette hat sich auch die Gemütslage im Dorf selbst völlig verändert. Wo Syberberg beim Rückkauf und der Restitution seines Gutshauses noch offene Feindschaft entgegenschlug ("Der Junker kehrt zurück!"), wo man auf seinen Einsatz nicht nur für die Restaurierung der auch im Innern maroden Kirche, sondern auch für die Wiederherstellung alter Dorfwege mit Ablehnung reagierte, da ist jetzt alles anders geworden. Aus alten Feinden sind neue Freunde geworden.

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