26.11.12

Bibliothek

Der wahre Konservative ist für den Fortschritt offen

In Berlin wurde jetzt die erste Bibliothek des Konservatismus eröffnet. Sie repräsentiert einen Querschnitt durch das konservative Denken in Deutschland, Europa und der Welt und wird 60.000 Bände umfassen.

Von Heimo Schwilk
Foto: FKBF

Ein besonderer Schwerpunkt der „Bibliothek des Konservatismus“ ist die sogenannte „Konservative Revolution“, zu der auch die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger und der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler gezählt werden
Ein besonderer Schwerpunkt der "Bibliothek des Konservatismus" ist die sogenannte "Konservative Revolution", zu der auch die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger und der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler gezählt werden

Es war ein kluger Schachzug der Organisatoren, als Festredner zur Eröffnung der "Bibliothek des Konservatismus" den Althistoriker Alexander Demandt zu gewinnen. Demandt beherrscht nämlich auch das Spiel mit den Virtualitäten, hat sich als Meister einer "Historia eventualis" erwiesen.

So sinnt er in seinem vor zwei Jahren bei Propyläen erschienenen Band "Es hätte auch anders kommen können" unter anderem darüber nach, was geschehen wäre, wenn der Erste Weltkrieg verhindert oder Hitler einem Attentat zum Opfer gefallen wäre. Hätte das vielleicht sogar zu einem "Nationalismus ohne Hitler" (Demandt) geführt?

Von der Kollaboration mit Hitler nie erholt

Das Denken im Konjunktiv ist in gewisser Weise auch eine Domäne der Konservativen, speziell des deutschen Konservatismus. Aus seiner Sicht stellt sich die Geschichte seit der Französischen Revolution als eine Kette von verpassten Gelegenheiten, schlimmer noch: des Versagens der konservativen Eliten dar. Von der Kollaboration mit Hitler haben sich die Konservativen bis heute nicht erholt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und infolge des wachsenden Wohlstands gerieten die in der christlichen Union organisierten Konservativen in den Sog eines Umverteilungssozialismus, der die Restbestände konservativer Werte weiter minimierte.

Der emanzipatorische Impuls erfasste alle Bereiche der Gesellschaft, definierte auch Ehe und Familie neu, um sie für Wachstum und Wohlstand, Gewinn und Genuss kompatibel zu machen.

Der Machttaktiker Strauß

Es blieb dem Machttaktiker Franz Josef Strauß vorbehalten, Wertorientierung und industrielle Dynamik in einer paradoxen Formulierung zusammenzuzwingen: Konservativ sei, wer an der Spitze des Fortschritts marschiere.

Wer sich einen Überblick über die vielfältigen, oft widersprüchlichen Strömungen des Konservatismus machen möchte, kann jetzt aus einem reichen Fundus schöpfen: Die am Wochenende in der Berliner Fasanenstraße eröffnete Spezialbibliothek, geleitet von Wolfgang Fenske, beschränkt sich nicht nur auf Deutschland, sondern repräsentiert vor allem auch die konservative Theoriedebatte in Frankreich, England und Italien, hält historische und aktuelle Periodika zum Thema bereit.

Kenner der britischen Geschichte

Studierende und Forscher können auch die im Magazin gelagerten Plakate, Fotografien und diversen Nachlässe für ihre Arbeit nutzen.

Kern der Bestände ist die Sammlung von Caspar Freiherr von Schrenck-Notzing, der 1996 die Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung (FKBF) ins Leben rief, die auch Trägerin der Bibliothek ist.

Schrenck-Notzing, der 2009 verstarb, langjähriger Herausgeber des konservativen Theorieorgans "Criticon", orientierte sich als exzellenter Kenner der britischen Geschichte an Denkern wie Hobbes und Burke; in Deutschland waren für ihn Arnold Gehlen und Armin Mohler wichtige Bezugsgrößen.

Das Idol der Revolutionäre

So wundert es nicht, dass die "Konservative Revolution" in der Bibliothek einen deutlichen Schwerpunkt markiert, mit den Werken von Hans Blüher über Ernst Jünger und Thomas Mann bis zu Carl Schmitt. Von 60.000 Bänden sind inzwischen rund 20.000 verfügbar, immer neue Bücherspenden und Nachlässe müssen integriert werden.

Alexander Demandt, der in seinem Vortrag das Idol der konservativen Revolutionäre, den Untergangsapostel Oswald Spengler, virtuos dekonstruierte, dessen Konservatismus infrage stellte, verabschiedete zugleich auch den Anspruch, das Konservative ein für allemal definieren, in einen operativen Politikbegriff ummünzen zu können.

War Oswald Spengler ein Konservativer?

Konservatismus und Progressismus seien dialektisch aufeinander bezogen, auch der Konservative sei dem Fortschritt offen, ja müsse in das Gewachsene integrieren, was sich zu erhalten lohne. Nicht ideologisches, sondern situationsbedingtes, pragmatisches Handeln kennzeichne den wahren Konservativen.

So gesehen sei Oswald Spenglers Traum von einem deutschen Cäsarismus, von der Machbarkeit eines imperialen, sozialistisch ausgerichteten Reiches eher links als konservativ. Dass diese Pointe bei den meisten Gästen der Eröffnungsveranstaltung eine gewisse Irritation hervorrief, verwundert nicht. Solche Paradoxien gehören zum Potenzial, aber auch zu den Aporien des Konservatismus.

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