25.11.12

Rosa von Praunheim

"Ein Penis stirbt immer zuletzt"

Der Regisseur Rosa von Praunheim wird 70. Im Interview spricht der Pionier der Schwulenbewegung über häufigen Sex im Alter, Skat-Spielen mit Freunden und sein neues Gedicht über eine "Wundermöse".

Von Irene Bazinger
Foto: picture alliance / dpa

Der Filmemacher Rosa von Praunheim in seiner Ausstellung „Rosen haben Dornen“ neben seinem Selbstporträt
Der Filmemacher Rosa von Praunheim in seiner Ausstellung "Rosen haben Dornen" neben seinem Selbstporträt

Eine Trennung zwischen Privatem und Öffentlichem kennt Rosa von Praunheim nicht: In seiner großen Berliner Altbauwohnung im ruhigen Westteil arbeiten ein paar junge Männer noch an den siebzig Kurzfilmen, die unter dem Titel "Rosa Welt" zu seinem siebzigsten Geburtstag am 25. November entstanden, während wir an endlosen Regalen mit fein säuberlich einsortierten Videos und DVDs seiner Produktionen vorbei in die Küche gehen, die anheimelnd unaufgeräumt ist.

Die Welt: Herr von Praunheim, sagen Sie bitte …

Rosa von Praunheim: Moment, Moment, zuerst einmal gebe ich dir mein neues Buch. Es sind siebzig Gedichte und siebzig Zeichnungen von mir darin, und es heißt "Ein Penis stirbt immer zuletzt". Aber, das spricht dich als Frau vielleicht mehr an, es taucht da auch eine "Wander- oder Wundermöse" auf (er blättert und zitiert): "Sie war ihrer Besitzerin weggelaufen. / Und fragte mich, ob sie bei mir wohnen dürfte."

Die Welt: Es stimmt also, dass du alle Welt duzt und geduzt werden willst?

Rosa von Praunheim: Ja, klar, und wenn das den Leuten nicht passt, sage ich, dann sollen sie mich – als "Adeligen" – halt in der dritten Person ansprechen.

Die Welt: Ich wusste gar nicht, dass du nicht nur Filme und gelegentlich Theater machst, malst und biografische Bücher wie "Sex und Karriere" verfasst, sondern auch Gedichte schreibst?

Rosa von Praunheim: Ich halte mich für einen großen, genialen Dichter, werde als solcher aber nicht anerkannt. Ich kann darüber natürlich schmunzeln, obwohl es mich trifft. Denn wenn irgendjemand irgendwann eventuell den Wert dieser Gedichte erkennt, bin ich vielleicht schon tot.

Die Welt: Fühlst du dich denn für deine bislang über siebzig Filme anerkannt?

Rosa von Praunheim: Ja, sicher, und es ist schön, dass ich kontinuierlich das nötige Geld auftreiben konnte, um überhaupt künstlerisch arbeiten zu können! Und dass mir das auch weiterhin möglich ist! Man kann immer noch berühmter werden, aber viel verdienen kann man mit meinen Low-Budget-Produktionen nicht. Also kämpft man immer am Existenzminimum – und das ist vielleicht auch ganz gut so. Ich war sechs Jahre Professor an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg und kriege aus dieser Tätigkeit rund hundert Euro Rente. Deswegen muss ich weiterarbeiten. Das erhält mich auch vital und gesund. Diejenigen, die länger Professor waren und mehr Rente kriegen, haben indes meist aufgehört, kreativ tätig zu sein. Das finde ich traurig.

Die Welt: Deine Lebensweise scheint dir gut zu bekommen, du siehst blendend aus. Man kann sich kaum vorstellen, dass du bald siebzig Jahre alt wirst.

Rosa von Praunheim: Oh, danke, sehr lieb, aber so ein Kompliment erinnert mich auch daran, dass die Leute früher oft gesagt haben: "Sie sehen gar nicht schwul aus!" Das empfand ich als überhaupt nicht nett. Denn diejenigen, die schwul oder lesbisch aussahen und sich nicht hinter einer "normalen" Fassade versteckten, waren die Vorreiter der homosexuellen Emanzipation, weil sie sichtbar waren. Mich macht es eher stolz, älter zu werden und Falten zu kriegen – solange man geistig frisch ist und Lust am Denken und Arbeiten hat. Unangenehm sind natürlich Krankheiten. Davon bin ich bisher zum Glück verschont geblieben. Ich trinke nicht, und ich rauche nicht, aber ich habe viel Sex.

Die Welt: Sehr gut aufgenommen wurde dein Dokumentarfilm "Meine Mütter" (2007). Darin begibst du dich auf die Suche nach deiner biologischen Mutter, weil dir die Frau, die dich aufgezogen hat, mit 94 Jahren quasi auf dem Totenbett eröffnete, dass sie dich mit ihrem Mann adoptiert hatte. Du kamst 1942 während der deutschen Besatzung in Riga zur Welt. Beschäftigt dich diese Geschichte noch?

Rosa von Praunheim: Nein, nein. Bei der Recherche nach meiner leiblichen Mutter, von der ich nichts als drei Fotos kenne, habe ich damals herausgekriegt, dass sie Deutsche und als Sekretärin nach Riga gegangen war. Dort wurde ich geboren und zur Adoption freigegeben. Nach ihrer Rückkehr wurde sie in Berlin von denselben Ärzten behandelt, die vorher für die Euthanasie zuständig gewesen waren. Man hatte bei ihr Schizophrenie diagnostiziert – keiner weiß, ob das gestimmt hat. Sie starb 1946 in der Psychiatrie. Mit meinen überaus liebevollen Adoptiveltern habe ich jedenfalls größtes Glück gehabt! Das Adoptionsverhältnis war vielleicht einer der Gründe für ihre unglaubliche Toleranz. Na gut, mögen sie manchmal über mich gedacht haben, das ist zwar ein seltsamer Vogel, aber wer weiß, woher er kommt.

Die Welt: Auf den zwei Gemälden hier an der Wand erkenne ich die Tänzerin Lotti Huber, mit der du eng befreundet warst. Wer ist die andere Frau?

Rosa von Praunheim: Das ist meine (Adoptiv-)Mutter. Beide Bilder habe ich selbst gemalt. Ich habe an der Kunstschule in Offenbach angefangen, dann bin ich an die Hochschule für Bildende Künste nach Berlin gegangen und habe bis 1967 freie Malerei studiert.

Die Welt: Deine Lieblingsfarbe Rosa verhalf dir, den rosa Winkel zitierend, den Homosexuelle in den KZs tragen mussten, zu deinem Künstlernamen. Zeigt die rosa Farbe auf dem Bildnis deiner Mutter, eure enge Verbindung an?

Rosa von Praunheim: Zum einen dies, ja, und zum anderen habe ich sie in Rosa gemalt, weil ich sie als sehr sanft, sehr liebevoll erlebt habe. Sie war eine der Mütter, die bedingungslos lieben.

Die Welt: Dein Vater starb 1973, Deine Mutter lebte bis 2003. Konnte sie denn mit deinem Œuvre etwas anfangen?

Rosa von Praunheim: Ich weiß es nicht. Sie hat's versucht, aber vieles war ihr doch fremd geblieben. Es war natürlich nicht ihre Sache, nicht ihre Ästhetik. Meine Mutter hat mich geliebt, ohne mich zu verstehen. Ich weiß nicht, ob ich das könnte, jemanden zu lieben, ohne ihn zu verstehen.

Die Welt: Müsste man dich nicht nur als Enfant terrible und Schwulenpapst, sondern vor allem als einen politischen Künstler bezeichnen?

Rosa von Praunheim: Es stimmt schon, wir 68er haben geglaubt, dass man die Gesellschaft durch Kunst verändern kann – doch das hat sich nicht bestätigt. Mein 1971 uraufgeführter Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" hatte glücklicherweise eine so enorme gesellschaftspolitische Dimension, dass sich danach über fünfzig Schwulengruppen gründeten. Aber das war eine einmalige Sache. Mit Kunst kann man politisch nur sehr wenig erreichen. Mein Interesse gilt allerdings weiterhin sozialen Themen und deren Vermittlung. Ansonsten habe ich inzwischen Angst vor Ideologien und Weltverbesserungskonzepten, weil sie in der Geschichte zu oft schiefgegangen sind. Auch Massenbewegungen fürchte ich und bleibe lieber individualistisch. Als kleiner Mann kann man nur in kleinen Bereichen etwas ändern.

Rosas Freund Oliver kommt herein und erinnert an den abendlichen Skat-Termin.

Die Welt: Wie bitte, Rosa von Praunheim kloppt Skat?

Rosa von Praunheim: Ja, unter anderem mit Hans Helmut Prinzler, lange Leiter der Deutschen Kinemathek, und Enrique Sánchez Lansch, Co-Regisseur des wunderbaren Films "Rhythm is it". Unsere Gewinne fließen in einen Studentenpreis der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin.

Die Welt: Wie gut spielst du?

Rosa von Praunheim: Weiß nicht, aber ich spiele gern. Ich verliere sehr hoch, und ich gewinne sehr hoch. Es gibt nichts dazwischen. Ein Abbild meines Lebens. Ich bin kein ausgeglichener Mensch, sondern einer für Extreme. Einerseits kann ich mir zum Beispiel viele Feinde machen, andererseits sehr viele Freunde. Meine Schwächen sind gleichzeitig auch meine Stärken.

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