23.11.12

"Maybrit Illner"

"Betreuung von Horst Seehofer kostet Milliarden"

Katrin Göring-Eckardt und Heinz Buschkowsky bildeten das schlagfertige Spitzenduo bei Illners Debatte zu Betreuungsgeld und Kita-Plätzen. Doch junge Väter reden nicht mehr – sie handeln.

Foto: screenshot ZDF
"Kinder in die Krippe - Mütter in die Produktion?", lautete das Thema bei Maybrit Illner
"Kinder in die Krippe - Mütter in die Produktion?", lautete das Thema bei Maybrit Illner

Das Betreuungsgeld ist seit 9. November 2012 beschlossene Sache. Zwar sind 70 Prozent der Bevölkerung gegen die Einführung, doch im Bundestag erreichte das umstrittene Gesetz eine Mehrheit. Jetzt braucht man eigentlich nicht mehr darüber zu reden, sondern muss handeln, um die von der Koalition angestrebte Wahlfreiheit für Eltern auch gewährleisten zu können.

Denn wenn die Wahl von Eltern ab 1. August 2013 auf einen Kita-Platz fällt, zum Beispiel aus beruflichen Gründen, wird es eng in Deutschland. Rund 220.000 Plätze fehlen noch, vom Fachpersonal ganz zu schweigen.

"Der Markt ist leergefegt", monierte die Journalistin Barbara Hahlweg, Mutter dreier Kinder, in Maybrit Illners Talkshow mit dem tristen Titel "Kinder in die Krippe - Mütter in die Produktion?" Hahlweg hat jedoch das Glück, sich eine private Kinderfrau leisten zu können.

Zu Hause bleiben war für die ZDF-Moderatorin nie eine Option, denn "nur eine glückliche Mutter kann eine gute Mutter sein – und ich bin glücklich, wenn ich arbeiten kann", so Hahlweg.

Sie kritisierte das Betreuungsgeld: "Wer arbeiten will, für den spielen die 100-150 Euro keine Rolle. Für die, die arbeiten müssen, ist es zu wenig. Junge Familien brauchen Unterstützung." Dann verabreichte sie Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) einen Seitenhieb: "Aber doch nicht in dieser Trinkgeldhöhe!"

"Betreuung von Horst Seehofer"

Schröder, selbst Mutter eines Kleinkindes – weswegen die Talkshow schon früher am Tag aufgezeichnet worden war –, musste mehrfach in der Runde den Sinn des Betreuungsgeldes erklären, hatte aber außer der im Koalitionsvertrag festgehaltenen Wahlfreiheit für Eltern keine Argumente parat.

Die frisch gekürte Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt unterstellte nämlich der Regierung, sie würde sich mit dem Betreuungsgeld vom Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz, der ebenso ab 1. August 2013 in Kraft tritt, freikaufen.

Statt Wahlfreiheit habe Göring-Eckardt eher "das Gefühl, es geht um die Betreuung von Horst Seehofer, und die lassen wir uns jetzt mehrere Milliarden kosten." In der monatlichen Geldleistung könne sie jedenfalls keine Anerkennung für Eltern sehen.

Mit dem von der CSU ins Leben gerufenen Betreuungsgeld gehe die Regierung daher in eine "komplett falsche Richtung", denn diese Milliarden bräuchte man eher für die Fachkräfteausbildung.

Um den akuten Mangel an Fachpersonal schneller zu bekämpfen, müsse der Job jedoch unbedingt höher bezahlt werden, forderte Göring-Eckardt weiter. Zusammen mit Berlin-Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky bildete sie das argumentative Spitzenduo bei Illners Debatte.

Bindung statt Bildung

Buschkowsky hielt es mit Kristina Schröders Vorgängerin Ursula von der Leyen, die 2007 das Betreuungsgeld als "bildungspolitische Katastrophe" bezeichnet hatte. Mittlerweile hat auch sie dem Gesetz zugestimmt – immerhin, es wurde in einigen Punkten verändert. Dies nur am Rande.

Buschkowsky bemerkte, dass zwei Drittel der Deutschen auf einen Kita-Platz angewiesen seien, nicht nur 40 Prozent, wie die Sprecherin der Initiative Familienschutz, Hedwig von Beverfoerde, zuvor behauptet hatte.

Ihr Argument, "Kinder bis zu zwei Jahren brauchen keine Bildung, sie brauchen Bindung", das sie mit der Wichtigkeit einer empathischen Bezugsperson und deren Schoß, auf dem das Kind tagsüber sitzen könne, unterstrich, hebelte Buschkowsky wie eine kleine Lächerlichkeit aus: "Den ganzen Tag auf dem Schoß – das arme Kind!"

Außerdem machte er sie darauf aufmerksam, dass für die Zahlung des Betreuungsgeldes ja schon ein Nachbar genüge, der auf das Kind aufpasse. Ob da die Empathie immer gegeben sei, fragte er rhetorisch.

"Kitas sind mehr als Kindergaragen"

Dann wurde er wissenschaftlich. Die Anlage zu kognitiven Fähigkeiten würde schon ab dem 12. Lebensmonat ausgebildet, nicht erst ab dem 37., wie von Beverfoerde vorher angebracht hatte. "Kindertagesstätten sind Bildungseinrichtungen", behartte Buschkowsky weiter, als ginge es um sein persönliches Manifest.

Nach eigenen Angaben hat Hedwig von Beverfoerde mit ihrer Initiative "wahnsinnig für das Betreuungsgeld gekämpft". Es sei eine erkämpfte Wahlfreiheit, und die würden sie sich nun nicht mehr nehmen lassen.

In einer Kita würde ein Kind auch in den Arm genommen werden, schob Buschkowsky zum Thema Empathie noch einmal hinterher und machte deutlich: "Kindertagesstätten sind mehr als Kindergaragen." Sie haben vielerlei Funktionen, unter anderem Integration und Erwerbsfähigkeit.

Irgendwann im Laufe der Talkshow fand sogar Kristina Schröder positive Worte für die staatliche Betreuung von Kindern: "Wenn wir uns darauf einigen könnten, dass, wer sein Kind in die Kita gibt, nicht herzlos ist, und wer es zu Hause betreut, nicht hirnlos, dann hätten wir doch schon einiges gewonnen." Da wurde es Buschkowsky "warm ums Herz".

Münchner Wirtschaftsingenieur im blauen Strampler

Aber was hat diese Sendung gebracht, außer, dass noch ein weiteres Mal über jenes Dauerstreitthema der letzten Monate diskutiert wurde? Vielleicht das Erreichen einer neuen sprachlichen Ebene – weg von negativ bestetzten Einzelbegriffen wie "Herdprämie" als Ausdruck für Betreuungsgeld, hin zu metaphernreichen und positiv aufgeladenen Werbeslogans für Kitas.

Und sonst? Nichts. Und was bei diesem Nichts wirklich störte, war das Studio-Publikum, das nach jedem Redebeitrag klatschte, egal was gesagt wurde und von wem.

Doch während bei Illner noch wirkungslos debattiert wurde, haben in München bereits junge verzweifelte Väter gehandelt und den Mangel an staatlicher Kinderbetreuung hierzulande gleichzeitig ad absurdum geführt.

Im Strampler für den Kita-Platz

Illners Redaktion zeigte einen Film über den Münchner Wirtschaftsingenieur David Gall. Darin krabbelte er für einen Kita-Platz im blauen Strampler um die Wette. Ja, richtig gelesen: ein gestandener Mann im Strampler auf den Knien. Am Ende setzte Gall sich gegen 700 Konkurrenten durch. Als Belohnung gab es für seinen Sohn ein Jahr private Krippe gratis. Kostenpunkt normalerweise: 1000 Euro pro Monat.

Doch was possierlich klingen mag, hat Gall aus purer Not getan. Denn seine Familie stand nach 18 Monaten immer noch auf acht verschiedenen Wartelisten – ohne Aussicht, einen Kita-Platz für den Sohn zu ergattern. Und Frau Gall musste inzwischen wieder arbeiten gehen. So viel zum Thema Wahlfreiheit der Eltern.

Das sagten die Gäste bei Maybrit Illner

 

Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/ Die Grünen),

Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2013:

 

"Man hat das Gefühl,

es geht um die Betreuung von Horst Seehofer,

und die lassen wir uns jetzt mehrere Milliarden kosten."

 

Heinz Buschkowsky,

Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln:

 

"Kindertagesstätten sind Bildungseinrichtungen."

 

Barbara Hahlweg,

ZDF-Moderatorin ("ML Mona Lisa"):

 

"Der Markt ist leergefegt.

Wo sollen Fachkräfte herkommen?"

 

Hedwig von Beverfoerde,

Sprecherin der Initiative Familienschutz:

 

"Kinder bis zu zwei Jahren brauchen keine Bildung,

sie brauchen Bindung."

 

Kristina Schröder (CDU),

Bundesministerin für Familie,

Senioren, Frauen und Jugend:

 

"Wenn wir uns darauf einigen könnten,

dass, wer sein Kind in die Kita gibt, nicht herzlos ist,

und wer es zu Hause betreut, nicht hirnlos,

dann hätten wir doch schon einiges gewonnen."

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