23.11.12

Sensationeller Fund

Als Thomas Mann noch Frauen liebte

Schatz für Germanisten: Postkarten von Thomas Mann an den Bruder Heinrich sind aufgetaucht. Die Brüder empfanden sich als sehr gegensätzlich, die Karten zeigen die freundschaftliche Seite der beiden.

Von Tilman Krause
Foto: picture-alliance/ dpa

Die Schriftsteller Thomas (l.) und Heinrich Mann (r.) 1940 in New York. Nicht immer war das Verhältnis der beiden so brüderlich wie in ihren letzten Lebensjahren
Die Schriftsteller Thomas (l.) und Heinrich Mann (r.) 1940 in New York. Nicht immer war das Verhältnis der beiden so brüderlich wie in ihren letzten Lebensjahren

Wer dachte, Thomas Mann sei ausgeforscht, wird sich wundern. Selbst in einem bestens dokumentierten Schriftstellerleben können neue Quellen auftauchen. Und das Bild von den teuren Toten ändern. 84 Post- und Briefkarten sind bei den Erben von Heinrich Mann entdeckt worden – sämtlich Schreiben von dessen jüngerem Bruder Thomas.

Über einen Zeitraum von fast 30 Jahren erstreckt sich der Bestand, der ab heute im Lübecker Buddenbrookhaus bis zum 6. Januar zu sehen ist. Die Stücke stammen aus den Jahren 1900 bis 1928, mit der bekannten Lücke zwischen 1914 bis 1922, als zwischen den Dichtern Funkstille herrschte.

Bruderzwist im Hause Mann

Was hat man nicht alles aus diesem "Bruderzwist im Hause Mann" abgeleitet! Den Gegensatz zwischen einem rückwärtsgewandten, kaisertreuen Deutschland, das natürlich Thomas verkörpert, und einem fortschrittlich-republikanischen, für das Heinrich steht. Die "Ideen von 1914" gegen das Gedankengut der Französischen Revolution. Nichts Geringeres als den Kampf um eine neue politische Verfasstheit Deutschlands sollen die Lübecker Senatoren-Söhnes während des Ersten Weltkriegs ausgefochten haben.

So wollte es lange Zeit die Forschung sehen. So empfanden es auch die Protagonisten selbst. Früh überzeugt, eine für die Nation repräsentative Stellung innezuhaben ("Wo ich ich bin, ist deutsche Kultur"), inszenierten sich die Rivalen als Sprachrohre zweier Weltanschauungen.

Hatte sich Heinrich Mann mit seinem "Zola"-Essay von 1915 klar und deutlich für ein Deutschland ausgesprochen, das sich vom "Sonderweg" befreit und zur westlichen Wertegesellschaft bekennt, kämpfte Thomas in den darauf antwortenden "Betrachtungen eines Unpolitischen", die in der letzten Minute der Monarchie, im Herbst 1918, erschienen, für das wilhelminische Modell. Nicht ohne den "Zivilisationsliteraten" als den großen inneren Feind zu brandmarken. Und der "Zivilisationsliterat" schlechthin, das war natürlich Heinrich.

Renaissance-Plafonds und fette Weiber

"Das schwärmt für Renaissance-Plafonds und fette Weiber" lautet der Bannstrahl, mit dem der preußisch-asketisch und männerbündlerisch gezügelte Thomas seinen so ostentativ den Frauen zugeneigten, einem schwelgerischen Vitalismus huldigenden Bruder zu treffen suchte. "Das", will sagen durch Primitivität zum Neutrum herabgesunken ("das Mensch" ist Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts und bezeichnet Domestiken): geringschätziger konnte man nicht über den eigenen Bruder sprechen. Und der so Bezeichnete verstand's. Aus war's mit der brüderlichen Familiarität, bis Thomas schließlich, im Jahre der Ermordung Rathenaus, auf die demokratische Linie einschwenkte.

Und hatte man sich nicht davor auch schon gekabbelt? Die seit langem publizierten Briefe belegen, dass das Verhältnis der beiden Schriftsteller von Anfang an von starken ästhetischen Differenzen getragen war, die auch immer wieder deutlich zum Ausdruck gebracht wurden.

Heinrich, der 1871 Erstgeborene, war naturgemäß eher an die Öffentlichkeit getreten als sein 1875 zur Welt gekommener Bruder Thomas. Und spätestens Heinrichs etwas plakativer Sozialroman "Die Jagd nach Liebe", 1903 erschienen, bildete einen Stein des Anstoßes für den Autor der "Buddenbrooks", der mehr von den Skandinaviern herkam und sich bei den Décadents des fin de siècle verortete, während Heinrich sich zur französisch naturalistischen Schule bekannte.

Thomas Mann empfahl Joghurt als Abführmittel

Doch nun die Karten! Mitteilungen privatester Natur und für den schnellen Austausch. Wie anders bietet sich jetzt das Verhältnis dar. Wie deutlich weniger pompös und theoretisch. Vielmehr wie freundschaftlich und anhänglich. Und wie besorgt auch, Thomas um Heinrich wenigstens. Wobei es wieder mal der Décadent ist, der sich als der Stärkere erweist: Während nämlich der Renaissance-Potenz-Protz Heinrich von einem Sanatorium zum anderen reist, um seine diversen Krankheiten via Kur zu besiegen, lebt der angeblich so zarte und traurige Thomas, seit 1905 verheiratet und bald auch schon Familienvater, munter in der stabilen Mittellage seiner bürgerlichen Gesundheit.

Und gibt Ratschläge: Wolle der liebe Heinrich (L.H. lautet meist die Anrede) es nicht auch mal mit diesem neuen Nahrungsmittel Yoghurt probieren? Er sei ausgesprochen "wohlschmeckend", vor allem aber (bei den Manns ein Dauerbrenner-Thema) "leicht abführend".

Sehr bewährt habe sich auch der entcoffeinierte Kaffee, dem man neuerdings in Münchens besseren Kreisen kräftig zuspreche. Doch sicherheitshalber solle Heinrich mal in Riva den Sanatoriumsdirektor Hartungen fragen, was denn davon zu halten sei, dass nach Genuss die "unmittelbaren Erscheinungen ausbleiben" und man das angenehme Gefühl von flatterhafter Nervenreizung gar nicht mehr verspüre.

Natürlich wird auch prompt an den Gardasee gemeldet, dass Katia kürzlich für Thomas wunderbare Pantoffeln zu erwerben wusste. Doch bitte, der Bruder möge sich nicht inkommodieren! "Die Pantoffeln besorge ich", beeilt sich, der gefällige Thomas zu versichern.

Ein geheimnisvoller Frauenkopf

Ja, überhaupt die Frauen! Mit Katia hatte Thomas schließlich auch in dieser Hinsicht das Rennen gemacht und 1905 ein Millionärstöchterlein aus bester Münchner Familie heimgeholt, während Heinrich von einer Soubrette zur anderen flatterte und schließlich bei dem, nun ja, Naturkind Nelly hängen blieb.

Doch schon vor Katia konnte der Jüngere mit Damenbekanntschaften renommieren, was er denn vor dem Womanizer Heinrich auch weidlich tat. Die frühen Karten erwähnen mehrfach eine Mary Smith, der Thomas dann 1902 die berühmte Erzählung "Gladius Dei" widmete. Einmal zeichnet et auch für den Bruder ein Frauengesicht.

In Lübeck, wo man bereits 14 Fundstücke transkribiert, ja sogar kommentiert hat und nun präsentiert, rätselt man einstweilen noch, ob es wohl besagte Mary darstellt. Wir sind gespannt und bleiben dran.

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