20.11.12

Tagebuchauszüge

Das Berliner Fräuleinwunder auf Tournee mit Sir Elton John

Die Berliner Sängerin Elisa Schmidt ist mit Elton John durch Australien getourt. Für Morgenpost Online hat sie dabei Tagebuch geführt.

Foto: Thomas Uhlemann

Hinter der Bühne – Elton John mit der jungen Schmidt. Für die Berliner Newcomerin gleicht der Auftritt einem Ritterschlag
Hinter der Bühne – Elton John mit der jungen Schmidt. Für die Berliner Newcomerin gleicht der Auftritt einem Ritterschlag

Was für eine Karriere. Elisa Schmidt, in Koblenz geboren, ist gerade mal 22. Sie wohnt Mitte und hat unter den Namen "Schmidt" das Album "Femme Schmidt" – mit Guy Chambers, dem ehemaligen Songschreiber von Robbie Williams – aufgenommen. Jetzt ist sie im Vorprogramm von Elton John durch Australien getourt. Sie mixt Jazz mit Pop, ist ein bisschen lasziv und doch mädchenhaft. Klar, dass Elton John sie mag.

14. November, Canberra Stadium

Die erste Show in Canberra. Open-Air. Wow, das Stadion ist groß. Die Sonne geht unter, als wir auftreten. Am ersten Tag kann ich das alles noch gar nicht fassen, nicht wirklich begreifen. Den Tag zuvor haben wir das Stadion schon leer gesehen. Man muss ja wissen, was auf einen zukommt. Aber die Erlebnisse lähmen einen fast, man kann eigentlich nur beobachten und versuchen, das Gesehene zu verarbeiten. Ich bin auch nicht wahnsinnig aufgeregt. Eine einzige Zigarette vor dem Auftritt muss reichen, die Stimme muss ja ein paar Tage halten. Mein Saxophonist meinte noch: "Stell Dir einfach vor, Du bist jetzt hier gerade in irgendeinem kleinen Kulturzentrum." Und dann ging es los. Auf einmal schaust Du in die Gesichter von zehntausend Menschen, und sie schauen Dir ins Gesicht.

15. November, Sydney Entertainment Centre

Ich bin gut in Sydney gelandet. Elton Johns gesamte Crew hat uns sehr herzlich aufgenommen, es war sofort eine vertraute Atmosphäre. Mit meiner Band aus Deutschland läuft ebenfalls alles glatt, die Jungs sind wirklich gut. Es sind insgesamt zehn, mit denen ich regelmäßig Shows spiele, die aber immer rotieren, weil sie noch mit anderen Acts und Bands spielen. Aber es sind trotzdem meine Jungs. Proben konnten wir in Australien nicht mehr. Wir haben nur einen Soundcheck.

Aber wir sind auch abseits des Trosses unterwegs: Am Vormittag singe ich "In The Photo Booth" live im Radio, meine erste Single, inspiriert von einem nächtlichen Berliner Fotoautomaten. Fast immer an meiner Seite: Mein australischer Make-Up-Artist Hillary, der sich gern nach der Tour in einen meiner großen Koffer schleichen und mit mir nach Deutschland fliegen würde.

Die Hardcore-Fans in der ersten Reihe sind mir mittlerweile bekannt. Es gibt Leute, die überall mit hinreisen. Eine amüsante Schar: Eigentlich sind das normale Typen. Aber total upgedressed. Pailletten über Pailletten, sehr Elton-John-Like eben. Sie sehen aus wie richtige Dandys. Mich kennt hier natürlich noch keiner, aber unsere Show kommt trotzdem an. Bei den Soli wird applaudiert, das Publikum geht mit. Überwältigend.

16. November, Sydney Entertainment Centre

Morgens ganz früh um 6 Uhr aufstehen, um zu dieser Morningshow auf Channel 7 zu kommen. Wir spielen "Boom Boom". Zum Ausspannen bleibt keine Zeit. Gleich ist wieder Soundcheck, obwohl wir gestern schon im gleichen Stadion gespielt haben. Da Elton natürlich nach uns auf der Bühne steht, mussten die Techniker unser Equipment abräumen und am nächsten Tag erneut aufbauen. Übrigens: Auf Eltons Flügel steht tatsächlich "Elton John's piano". Er selbst macht keinen Soundcheck. 2 Stunden 40 spielt er, jeden Abend - ich habe noch nie einen Künstler gesehen, der so viel gibt. Das ist unglaublich. Und vor den letzten beiden Songs unterbricht er seine Show und schreibt Autogramme. Von wem könnte man mehr lernen als von ihm?

17. November, mein freier Tag in Sydney, abends Coldplay-Konzert

Heute ist ein Day-Off. Manly Beach steht auf dem Reiseplan und eine Stadtrundfahrt mit dem Boot. Wir passieren die Harbour Bridge, eine Bogenbrücke, die bei Nacht wunderschön leuchtet. Dann kommt die berühmte Oper, die Auster. Am Abend gehe ich gemeinsam mit Elton John auf das Coldplay-Konzert. Wir sitzen dort nebeneinander in einer VIP-Lounge. Ich wollte eigentlich die ganze Zeit schon ein Foto mit ihm machen, aber irgendwie wäre das blöd gewesen, ihn zu fragen - hinter der Bühne will man ja nicht stören. Aber jetzt meint Elton selbst zu seinem Begleiter: "Hey, mach doch ein Foto von mir und Schmidt." Und das schickt er mir dann auch gleich. Er ist absolut natürlich, freundlich. Und wahrscheinlich riecht er nach Blumen - sein ganzer Backstageraum ist voll mit Rosen und Lilien. Aber an ihm gerochen habe ich nicht, das wäre wohl etwas unhöflich gewesen. Das Foto ist auf meiner Facebook-Seite zu sehen. Coldplay sind großartig. Chris Martin, der Sänger von Coldplay, und ich sind uns schon in London begegnet – wir haben die gleiche Gesangslehrerin. Und eines Tages stand er dort plötzlich in der Tür. Er war auch am 16.11. beim Konzert von Elton John. Nach dem Coldplay-Konzert sehen wir uns wieder auf der Aftershow-Party. Die ist im "Loft" am Hafen von Sydney, mit großartigen Cocktails. Eigentlich bin ich zu müde, aber auf das lasse ich mir nicht entgehen. Chris Martin meint nur: "Schmidt ich bin beeindruckt. Meine Lieblingssongs sind 'Boom Boom', 'Alain Delon' und 'Under My Heart'." Was für ein Kompliment. Elton John ist nicht auf der Party. Aber seine Bodyguards, der Fahrer, der Assistent. Er kann wahrscheinlich nur noch verkleidet hinaus. Sonst wird er sofort erkannt.

Davon bin ich ja noch weit entfernt. Aber wenn man sich für diesen Weg entscheidet, sollte man auch damit rechnen.

18. November, Melbourne Rod Laver Arena

Die Tour geht in Richtung Ende. Um zwanzig vor acht spiele ich mein letztes Konzert mit Sir Elton John. Ich habe noch nie so viel Applaus bekommen, von zehntausenden Menschen. Das ist eine ganz neue Erfahrung. Für mich als Musikerin ist es unglaublich, meine Stimme so projiziert zu hören, in einer großen Arena. Ich kann nur staunen.

Die Tour war eine unglaubliche Erfahrung, aber auch eine Riesen-Freude. Anstrengung habe ich nicht gespürt, obwohl die Tage voll waren. Die Müdigkeit bemerke ich nur abends im Hotel - tatsächlich, schon wieder 24 Stunden wach! Wirklich anstrengend war es allerdings, nach meinem gestrigen Konzert auf meinen 16-Zentimeter-High-Heels ein Taxi zu bekommen, weil ich dafür weit laufen musste.

Jetzt ist alles vorbei. Eine grandiose Woche, und ich bin ein wenig wehmütig, dass alles zu Ende ist. Aber es geht weiter, am 28.11. eröffne ich für Lionel Richie. In Paris. Aber das hat jetzt noch keinen Platz in meinem Kopf. Danke Elton!

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