19.11.12

Neue CDs

Diese Künstler liefern Musik für denkende Hörer

Brian Eno nähert sich wieder der Stille. Soundgarden sind wieder da. Macy Gray würdigt Stevie Wonder. Ecke Schönhauser nehmen den Diskurspop persönlich. Und die BBC erinnert an Amy Winehouse.

Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Waren lange vor Nirvana und Pearl Jam da: Soundgarden aus Seattle
Waren lange vor Nirvana und Pearl Jam da: Soundgarden aus Seattle

Brian Eno: Lux (Warp)

In ihrer Hymne "Brian Eno" singt die Hipsterband MGMT: "Er stellte hübschere Welten in Aussicht und die allumfassende Stille." Es klingt wie ein Nachruf. Brian Eno wird im kommenden Frühjahr 65 Jahre alt, vielleicht hat ihn das nett gemeinte Lied erschreckt. Sein Album "Lux" bringt ihn dorthin zurück, wo er als junger Mann die Popmusik verlassen und sich neue alte Quellen erschlossen hatte.

Wie die Weisheiten John Cages: "Was Stille und Lärm gemeinsam haben, das ist der Zustand der Absichtslosigkeit." Dem Lärm hatte er sich mit Roxy Music angenähert. Seine Ambient Music suchte nach dem Ideal der Stille. Eno komponierte sie damals für Flughäfen und Filme. "Lux" vertont ein Herbstgemälde, das an Malen-nach-Zahlen erinnert und in jedes Zimmer passen würde.

Darin liegt auch die Gefahr der Stücke von "Lux I" bis "Lux IV": Man muss sie vor den falschen Hörern schützen, vor Entschleunigungspredigern und Selbstfindungsspinnern. Es ist keine esoterische Musik, auch wenn die seltenen Klänge reichlich Raum für innere Notizen lassen und man sie nicht in der Wanne singen kann – ganz anders als das Zeug, dass Eno Bands wie Coldplay und U2 aufnehmen lässt. "Music For Thinking" nennt er sein Projekt seit 35 Jahren. Und das schlaueste ist: Auch "Lux" verrät dem Zuhörer nicht, was er dabei denken soll.

Soundgarden: King Animal (Vertigo)

Es sieht aus wie ein Weihnachtsalbum, es zeigt einen Winterwald mit aufgetürmten Tiergebeinen, und es klingt auch so: Keine der Bands aus Seattle zwischen den Achtziger- und Neunzigerjahren hörte sich so festlich an wie Soundgarden. Sie sollen damals die Flanellhemdenmusik, den sogenannten Grunge, erfunden haben.

Jedenfalls waren sie lange vor Nirvana und Pearl Jam da. Ihre Schule allerdings war nicht der Punk wie bei den anderen, der grundsätzliche Zorn auf alles und die Vorliebe für primitive Rockmusik. Bei Soundgarden war es der Heavy Metal, also eher das Gegenteil: Musik als Kunsthandwerk für eine bessere Welt. Als Chris Cornell die Band vor 16 aufgab, wurde auch der Grunge beerdigt. Kurt Cobain war tot, und Eddie Vedder sang in Fußballstadien.

Alle brauchten eine Pause von den weinerlichen Helden, auch die Helden selbst. Cornell nutzte die Zeit für Schweine- und Elektrorock, James-Bond-Songs und Akustikabende. Aber die Zeit scheint wieder reif zu sein für Soundgarden. Cornell klagt: "Niemand rettet, niemand liebt und hasst mich!" "Been Away Too Long", das Lied, handelt von seiner Heimkehr. Er war lange im Exil in Kalifornien und möchte in Seattle gefeiert werden, als verlorener Sohn. Es wird Advent.

Macy Gray: Talking Book (429 Rec)

Als das vergangene Jahrhundert ausklang, wurde auch der Plattenindustrie bewusst, das Musiker ihr Kapital sind. Nicht die Platten und nicht die Geschäftsmodelle. Macy Gray wurde zur Hoffnungsträgerin erklärt.

Sie konnte Songs schreiben, Songs singen, Songs verkaufen. Die Erwartungen der orientierungslosen Manager trafen auf eine kapriziöse Künstlerin. Die Firmen wechselten, die Alben hießen "The Trouble With Beeing Myself" oder "The Sellout", und sie ließen ahnen wie es stand um Macy Gray und ihre schwierige Beziehung zur Musikwirtschaft.

Zuletzt nahm sie beliebte Lieder anderer Leute auf, von Radiohead, Metallica und Arcade Fire. Jetzt veröffentlicht sie "Talking Book" von Stevie Wonder, das komplette Album. Sie möchte es als Geschenk verstanden wissen: "Talking Book" erschien vor 40 Jahren. Stevie Wonder hatte sich nach einer ruinösen Reise mit den Rolling Stones ins Studio zurückgezogen, mit den neuesten Synthesizern und E-Klavieren.

Mal klingen die Klassiker bei Macy Gray naturgemäß neumodischer und zickiger, mal altertümlicher und artiger: "You Are The Sunshine Of My Life" hört sich mit seiner Heimorgel wie eine Tanztee-Nummer an und "Superstition" wieder wie das Vorsingen bei einer Casting-Show. Daran kann nur wieder die Industrie schuld sein.

Ecke Schönhauser: Input (Tapete)

Berlin ist nicht Hamburg. Wo Diskursrocker wie Blumfeld in den späten Nullerjahren an der Alster aufgehört hatten, da scheint die Band Ecke Schönhauser wieder anzufangen: Zu geschliffenen Gesängen spielen schneidige Gitarren. Ihren Namen haben sie von der zentralen Straßenkreuzung in Prenzlauer Berg und aus dem gleichnamigen Film von 1957. Allerdings sollte man von den Liedern nicht zu viel erwarten.

Florian Pühs singt: "Wie fang ich das bitte an? Wie arbeite ich dich endlich auf?" Die Sprache hat sich kaum verändert seit der Hamburger Schule, es ist die Diktion der Seminarräume, Cafeterien und WGs. Aber es geht nicht mehr ums große Ganze. Das Private ist nicht mehr politisch, das Private ist privat. "Ich hatte meine Freundin echt ins Herz geschlossen, so über die letzten Jahre", jammert Pühs. Jetzt ist sie weg, und er hat eine Band gegründet.

So hört sich das also an, wenn "Neon"-Leser aus dem Münsterland und Kärnten in Berlin eine intelligente Platte aufnehmen, mit einem Eingeborenen an der Gitarre. Einerseits kann es erholsam sein, wenn Sänger einen nicht mit ihren Weltanschauungen behelligen. Andererseits: Was geht die Welt der Kummer eines heimatlosen Musikanten an der Schönhauser Allee an?

Amy Winehouse at the BBC (Universal)

Anders als der öffentlich-rechtliche Fernsehfunk in Deutschland fühlt sich die gebührenfinanzierte BBC noch für Musik zuständig. Vor zehn Jahren stand ein Mädchen vor der Kamera, es trug eine geschwärzte Mähne, Leopardenleggins und Gitarre. Amy Winehouse sang "Stronger Than Me".

Die Briten staunten, wie sie sich im Lied verwandelte. Vom scheuen Wesen von der Straße in die großartigste Sängerin im Königreich seit Dusty Springfield. Bei ihr saß Jools Holland am Klavier, ein Impresario, den die BBC dafür bezahlt, die britische Musik nicht aussterben zu lassen. Amy Winehouse ist für ihn, was Édith Piaf für Frankreich war und Bessie Smith für Amerika.

Das sagt er auf der ersten DVD von dreien (und einer CD) der Sammlung "Amy Winehouse at the BBC". Man sieht die tragischste Figur der jüngeren Musikgeschichte in den Fernsehstudios, in einer kleinen Kirche und in einer großen Halle.

Und es hört rechtzeitig auf, 2007, als die Arme bereits dünner und die Bilder darauf bunter werden, ihre Lidstriche dramatischer und der Gesang gebrochener. "Ich war nie Teil einer Szene", sagt sie einmal leise und weiß auch nicht, wer und was sie ist. Sie war ein Mädchen mit einer gewaltigen Stimme und einem Geheimnis, das sie mit ins Grab genommen hat. Die BBC ist auch nicht klüger, hat aber die Bilder zur Musik.

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