17.11.12

"Entweder Broder"

Auf Jagd nach Europas Seele im Dixi-Klo des BER

Lichtblick im Programm-Einerlei der ARD: Die neue Satireserie "Entweder Broder – Die Europa-Safari!" macht gute Laune. Sie hat nicht nur Witz und Tempo, sondern sie geht dahin, wo es richtig wehtut.

Foto: picture alliance / dpa

Zwei Männer und ihr Hund: Henryk M. Broder (rechts), Hamed Abdel-Samad und Foxterrierin Wilma gehen dorthin, wo es wirklich weh tut – zum Berliner Pannenflughafen BER und ins Europaparlament beispielsweise

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In diesen trüben Novembertagen weiß man kaum, was der schlimmere Krisenherd ist: Europa und der Euro – oder das deutsche Fernsehprogramm. Vor allem der ARD ist es gelungen, das Erste zu einer quälenden Endlosstrecke öder Talkshows zu machen, in denen sich vornehmlich alte Männer gegenseitig anschreien.

Umso erstaunlicher, dass dort nun, wenn auch nur in der äußersten Programmecke am späten Sonntagabend, eine kleine, aber feine vierteilige Serie startet, die keinem bekannten Genre zuzurechnen ist und schon nach wenigen Sekunden gute Laune verbreitet: "Entweder Broder – Die Europa-Safari!" Ein Roadmovie der anderen Art, irgendwo zwischen investigativer Recherche, subversiver Aktion und philosophischem Quartett auf Rädern – nur ohne Richard David Precht und Roger Willemsen. Dafür mit Witz und Tempo.

Hatten die "jüdische Nervensäge" Henryk M. Broder und der "moslemische Besserwisser" Hamed Abdel-Samad mit ihren überfallartigen Spontan-Aktionen vor zwei Jahren noch Deutschland unsicher gemacht, so reisten sie im Sommer 2012 aus aktuellem Anlass quer durch Europa, um die "Seele" dieses geschundenen Kontinents ausfindig zu machen.

Wovon leben eigentlich die Berliner?

Rund 30.000 Kilometer – von Italien bis Island – legten sie und Hündin Wilma mit ihrem alten Volvo zurück, dessen Karosserie und Ausstattung derart psychedelisch bunt, schrill und multikulturell wirkt, als hätte sich Claudia Roth zur Musik von "Ton Steine Scherben" einen Tag lang kreativ austoben dürfen. Selbstverständlich fehlt auch der obligatorische Fuchsschwanz an der Antenne nicht, und auf dem Heckfenster prangt in Fraktur-Lettern "Nette Onkels".

Die Reise, die nebenher zeigt, dass man auch beim Autofahren auf merkwürdige Gedanken kommen kann, beginnt in der deutschen Hauptstadt – und mit einer Irritation: "Wovon leben eigentlich die Berliner, die Griechen Deutschlands?" fragt Abdel-Samad und gibt die Antwort gleich selbst. "Sie haben eine große Klappe und geben Geld aus, das sie nicht haben".

Kurz: Es handelt sich hier um ein Mittelding zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Die beliebteste Antwort auf die Frage, was man beruflich "so macht", ist in Berlin immer noch die ponaderhaft hingeworfene Bemerkung "Ich hab da ein Projekt".

Im Dixi-Klo des Berliner Flughafens

Ein Grund mehr, schnurstracks zu Berlins derzeit größtem Projekt zu fahren, dem seit Jahrzehnten geplanten Flughafen Berlin-Brandenburg BER. Dort, wo eigentlich sechstausend Arbeiter rund um die Uhr fieberhaft schuften müssten, um den allerneuesten und allerletzten Eröffnungstermin einzuhalten, herrscht gähnende Leere. Ein Dixi-Klo, von Broder im Handumdrehen eingeweiht, und ein einsamer Pförtner am Zaun, das ist alles. "Wo sind die Arbeiter?" "Welche Arbeiter?!" fragt der brave Mann völlig verstört zurück.

Soweit kommt's noch. "In Berlin hat noch nie jemand fieberhaft gearbeitet", brummt die jüdische Nervensäge, und der moslemische Besserwisser resümiert: "Das ist das Neue Europa. Man gibt Geld aus, das man nicht hat, und schmeißt immer mehr Geld hinterher." Das Ganze natürlich "alternativlos".

Also auf nach Straßburg. Nach einem Kontrollgang durchs gigantische Labyrinth des Europaparlaments, untermalt von der kapriziös-ironischen Titelmelodie des legendären Abenteuerfilms "Hatari" mit John Wayne und Hardy Krüger, treffen die beiden Safaristas auch den Parlamentspräsidenten Martin Schulz.

Jäger des verlorenen Schatzes

Seine Antwort auf die selbstkritische Feststellung "mangelnder demokratischer Substanz" lautet "mehr Rechte!" Motto: "In Vielfalt geeint!" Ein Slogan, so aussagekräftig wie die legendäre sozialdemokratische Wahlkampflosung "Wir in NRW". Versöhnen statt spalten. Da Broder lieber spaltet, hat er noch eine letzte Frage: "Warum hat sich eigentlich die EU an der Finanzierung des Mausoleums von Jassir Arafat beteiligt?" Schulz weiß nichts davon, glaubt aber auch nicht, dass das Geld zurückkommt.

Der ostdeutsche FDP-Europaabgeordnete Holger Krahmer hat eine einfache Erklärung dafür. "Eigentlich sind wir nur ein Protokoll-Parlament. Die Entscheidungen fallen ganz woanders." So würden "Gesetze verabschiedet, von denen wir im Augenblick der Abstimmung wissen, dass sie nicht funktionieren". Dazu gehöre auch das ausufernde "Produktdesign", das die Europäische Kommission im Namen des weltweiten Umweltschutzes vorantreibe. Die famose Glühbirnenverordnung war erst der Anfang. Über 800 Produkte sollen dem Regulierungswahn folgen.

Es ist fünf vor eins, high noon, und die beiden Jäger des verlorenen Schatzes beobachten die Stampede der Rollkofferbrigaden, die nach getaner Arbeit aus dem Europaparlament strömen. "Last call, the bar is closing!" ruft Broder ihnen zu. "Have a nice Weekend! It was a tough week, was'nt it?!"

Ambulante Selbstaufklärung

Plötzlich taucht Lothar Bisky auf, jahrelang Vorsitzender der SED/PDS, und sagt auf die Frage, wie es so ist in Europa: "Ich brauchte einen vernünftigen Abschied aus der Politik, ohne Krach und Blessuren. Ist ja nicht so langweilig hier. Ein bisschen habe ich ja schon Interesse daran." So viel ungeschminkte Wahrheit auf einmal verträgt man kaum.

Für Liebhaber des offenen Wortes jedoch dürfte dies einer der Höhepunkte jener diskreten Subversion sein, die das polnisch-deutsch-ägyptische Auto-Pärchen mit Lust und Wonne betreibt. Ihre unterhaltsame Form der ambulanten Selbstaufklärung beruht auf einem Prinzip, das in der skandalwütigen Mediengesellschaft selten geworden ist: Einfach mal hingehen und nachschauen.

Und die Seele Europas? Steckt sie etwa im Rollkoffer zwischen Straßburg und Brüssel? Im unermüdlichen Kampf für die Demokratie?"Wir sind unerträglich konstruktiv", findet Broder am Ende. "Können wir nicht ein bisschen destruktiver sein?"

Die nächste Folge der TV-Satire "Entweder Broder – Die Europa-Safari!" läuft am Sonntag, 18. November, um 23.50 Uhr in der ARD

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