16.11.12

Geschichte

Neue Biografie reduziert Rathenau auf 250 Seiten

Der legendäre Industriekapitän und Außenminister Walther Rathenau war einer der bedeutendsten Köpfe Deutschlands. Jetzt gibt es eine unverschämt kurze aber gute Biografie zu seiner zerrissenen Person.

Von Jacques Schuster
Foto: picture-alliance / dpa

Der ehemalige deutsche Außenminister Walther Rathenau in einer undatierten Aufnahmen. Wahrscheinlich stammt sie aus den Zwanzigerjahren
Der ehemalige deutsche Außenminister Walther Rathenau in einer undatierten Aufnahmen. Wahrscheinlich stammt sie aus den Zwanzigerjahren

Walther Rathenau gehört zu den fünf, sechs Männern des zwanzigsten Jahrhunderts, welche die Fantasie der Deutschen bis heute anregt. Von kaum einem anderen Menschen seiner Zeit ging eine ähnlich geheimnisvolle und vergleichbar strahlende Faszination aus.

Diese Anziehungskraft mag freilich auch mit dem Mord an dem 54-jährigen Außenminister am 24. Juni 1922 zusammenhängen, der vielen seiner Zeitgenosse Jahre später zur Frage Anlass gab, ob die Weimarer Republik mit ihm an der Spitze dasselbe Ende genommen hätte, wäre er am Leben geblieben.

Den Nachhall seiner Person nur auf die Umstände seines frühen Todes zu beschränken, griffe indes zu kurz. Walther Rathenau besaß Charisma. Wer es schlichter mag, wird ihn als Persönlichkeit bezeichnen.

Persönlichkeiten sind Rangoberste ohne Rang, Befehlshaber ohne Amt und Exekutive. Sie kommen in den Raum und stehen im Mittelpunkt. Sie regen an und regen auf. Sie zwingen zur Parteinahme, werden geliebt oder gehasst – mit wenig Spielraum dazwischen. Walther Rathenau war eine solche Persönlichkeit, doch auch damit ist sein Wesen noch keineswegs annähernd erklärt.

Hochmut und Einsamkeit

Rathenau umgab eine besondere Distanz. Sie war mehr als die Mauer eines in kühler, gesellschaftlicher Würde verschanzten Menschen. Sie bestand aus Hochmut und Einsamkeit. Rathenau war ein Schiffbrüchiger auf kahlem Eiland, umtost vom Meer der Trostlosigkeit – gleichgültig wie viele Menschen um ihn waren.

Dem Alleinsein als einer Tatsache kann abgeholfen werden, als Geistesverfassung ist es unheilbar. Rathenau litt an dieser Verlassenheit sein Leben lang. Fast sichtbar umgab sie ihn. Sebastian Haffner spricht in der "Geschichte eines Deutschen" von dem "Jenseitigen", das Rathenau umkreiste. Viele Menschen spürten diese Aura. Er selbst auch: Sein Leben sei "ein Opfer", schrieb er 1906 an Lili Deutsch, der einzigen Frau, die ihm für einige Jahre nahe kam.

Von dunklen Mächten beherrscht

Er sei "wie ein nächtlicher Wanderer", dessen Dasein weder Hoffnung noch echte Belohnung biete. Und später, wahrscheinlich 1908: "Ich bin im Besitz von Mächten, die, gleichviel ob sie mich zum Guten oder zum Bösen führen, ob sie mich im Spiel oder Ernst beherrschen, mein Leben bestimmen. Es kommt mir so vor, als ob ich nichts aus mir selbst heraus willkürlich tun kann, als ob ich geführt werde, sanft, wenn ich mich füge, rau, wenn ich widerstrebe."

Es mag ein Hang zur Romantisierung in diesen Zeilen stecken, der Rathenau ein Leben lang eigen war. Die Einsamkeit und der Trübsinn aber waren real, genau wie das Beharren auf Abstand und Reserve. Hinzu kamen eine funkelnde Intelligenz, eine ungeheure Bildung, eine durch und durch gelebte Kultur und – das vor allem – eine fast unglaubliche Produktivität, vom Fleiß ganz zu schweigen.

Ein Hochbegabter

Rathenau, der Sohn des AEG-Gründers, hätte alle Möglichkeiten besessen, sich das Leben schmackhaft zu machen und zum Dandy der Berliner Gesellschaft zu werden. Doch der Mann vieler Begabungen war bestrebt, Bleibendes zu hinterlassen, sich nicht für eine seiner vielen Neigungen aufs Geratewohl zu entscheiden, sondern Industrieller, Schriftsteller, Publizist und Politiker zu sein und auf jedem dieser Felder zu brillieren.

So nahm ihn die Öffentlichkeit als einen wortgewandten Wirtschaftsmagnaten wahr, als einen scharfsinnigen Intellektuellen, im Weltkrieg und später dann als ein organisatorisches Großtalent und einen politischen Kopf. Keiner seiner Zeitgenossen verstand es, derart leichtfüßig auf den verschiedenen Bühnen zu wandeln wie es Rathenau tat.

Innere Zerrissenheit

Nie stand er dort allein. Seine Sinnkrisen folgten ihm wie die Wächter dem Gefangenen. Auch das gab seiner Aura eine besondere Kraft. Rathenau litt: Ihn quälte sein Judentum, ihn verzehrte das Unvermögen zu lieben und seine homophilen Neigungen auszuleben. Schließlich trug er schwer an dem Schatten seines übergroßen Vaters, dem er auch als Erwachsener nicht entkam. All diese Spannungen schufen ein Wesen höchster Reizbarkeit und nimmermüder Energie.

Die Menschen spürten das. Oft missverstanden sie ihn. "Das gesättigte Bürgertum verfolgt mich mit wütendem Hass, das Proletariat misstraut mir", schrieb Rathenau im Dezember 1918. An anderer Stelle: "Die Alten sahen in mir die Revolution, die Jungen in mir die Reaktion." Allesamt nahmen sie zudem das Gegensätzliche seines Charakters wahr. Zu Recht.

Die Liebe zum Germanentum

Wollte man Rathenau von seinen Widersprüchen befreien, so bliebe nichts von ihm übrig. Er war ein deutscher Jude und gleichzeitig ein Jünger der Volks- und Rassevergottung, den das Germanisch-Gespreizte eines Erich Ludendorffs auf seltsame Weise anzog. Er war ein großbürgerlicher Revolutionär und ein fast sozialistisch zu nennender Wirtschaftsführer.

Er war ein konservativer Liberaler und nach dem Weltkrieg ein auf Deutschland konzentrierter Europäer, der für die Partnerschaft mit Frankreich stritt. Kurzum, Walther Rathenau bleibt faszinierend und zugleich schwer zu fassen. Wahrscheinlich liegt darin der Grund, warum es bis heute keine Biografie gibt, die ihm gerecht wird, sieht man von Harry Graf Kesslers Erinnerungen an den Freund aus dem Jahr 1928 ab.

Schwache Biografien

Einige Historiker haben es im vergangenen Jahrzehnt versucht, sich seiner Person zu nähern. 2005 schrieb Wolfgang Brenner ein dickleibiges Buch, gefolgt von dem Historiker Christian Schölzel, dessen Studie noch umfangreicher ausfiel. Im Anschluss versuchte Lothar Gall sein Glück mit Rathenau, obgleich es ihm vor allem um ein Porträt der Generation ging. Allesamt scheiterten darin, den Charakter des Widersprüchlichen einzufangen.

Nun hat sich die israelische Historikerin Shulamit Volkov an Rathenau heran gewagt und im Vergleich zu ihren Vorgängern ein geradezu unverschämt kurzes Buch über den Industriellen und Politiker geschrieben. Auf wohltuend knappen 250 Seiten befasst sich Volkov mit "einem jüdischen Leben in Deutschland", so der Untertitel ihrer Arbeit. Keiner ist geeigneter für ein solches Werk als sie.

Ein Mensch aus Fleisch und Blut

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich die frühere Professorin für Geschichte an der Universität von Tel Aviv mit der Stellung und der Mentalität der Juden im Deutschen Reich bis zum Ende der Weimarer Republik. 1993 veröffentlichte Volkov einen vielschichtigen Aufsatz über Rathenaus Suche nach einer Identität zwischen Deutschtum und Judentum, der im Katalog zur Rathenau-Ausstellung des Deutschen Historischen Museums Berlin erschien.

Seither ist ihr Rathenau ein Thema beständigen Nachdenkens. Die Rathenau-Biografie ist das Ergebnis dieser Gedankenarbeit. Keinem Autor vor ihr ist es gelungen, eine derartig einfühlsame und scharfsichtige Charakterstudie des Außenministers vorzulegen.

Erstmals erscheint Rathenau als Mensch von Fleisch und Blut, als genialer, doch zerrissener Charakter, ohne dass Volkov vergessen hätte, die Leistungen des Industriekapitäns, seine Tätigkeit als Leiter der Kriegsrohstoffabteilung und sein Wirken als Politiker der Weimarer Republik bis zum Rapallo-Vertrag zu würdigen, den Rathenau eher widerwillig kurz vor seinem Tod 1922 schloss.

Lust auf Höheres

Kein Wort ist dabei zu viel. Jeder ihrer Sätze zeugt davon, wie viel Volkov vom Stoff versteht, ohne alles ausführen zu müssen, was sie weiß. Mit großer Souveränität beschränkt sie sich auf die wichtigen Linien und Wegmarken im Leben Rathenaus. Volkov ist mutig genug, Dinge nur anzudeuten, wenn sie nicht unmittelbar zu ihrer Charakterstudie gehören.

Im Mittelpunkt ihrer Darstellung steht der Widersprüchlich-Zerrissene, der sich auf allen Feldern einbringt, nach einer herausgehobenen Stellung in der Öffentlichkeit strebt und sich doch bis zum Ende der Kaiserzeit immer wieder seltsam zurücknimmt, gleichsam für Bedeutenderes aufspart, auch wenn er nicht voraussehen konnte, nach dem Untergang des Kaiserreiches doch noch eine besondere Stellung in der Politik zu übernehmen.

Der Schatten des Vaters

Volkov zitiert Emil Rathenau: Sein Sohn Walther sei ein "Baum, der mehr Blüten als Früchte trage". Zu Recht hinterlässt sie den Eindruck, dass Emil, der "Bismarck eines Industriereiches", nicht ganz falsch darin lag. Sieht man von den Antisemiten und einigen persönlichen Gegnern ab, beeindruckte Rathenau die meisten seiner Zeitgenossen durch Geist, Ideenreichtum und – hin und wieder – durch visionäre Kraft, immer wieder aber stand er sich auch selbst im Weg, fühlte sich missverstanden, nicht hinreichend geschätzt und unterließ es dann, für seine Sache zu kämpfen.

Die Ursache dieses Verhaltens wurzelt für Volkov im Hin- und Hergerrissensein zwischen deutscher und jüdischer Identität. Folgt man der Autorin, liegt in diesem Dualismus die Lösung für das Rätsel Rathenau. Er sei ein, wenn nicht das "bestimmende Element seines Lebens" gewesen.

Rathenaus Erfahrungen mit dem Judenhass ist ihr zahlreiche Sätze wert, doch im Kern geht es Volkov vor allem darum, wie der 1867 geborene Sohn eines Industriellen, der bis zu seinem Tod an der Spitze der Berliner Gesellschaft stand, mit seinem Judentum rang, sich stets danach sehnte, in der deutschen Gesellschaft aufzugehen, die äußere Erscheinung seiner Glaubensbrüder abstoßend fand und doch zeitlebens die Konversion ablehnte - durchaus im zutreffenden Bewusstsein, "dass ein getaufter Jude immer noch kein getaufter Christ ist".

Höre Israel

Volkov geht ausführlich auf Rathenaus frühen Essay "Höre Israel" ein, eine antisemitische Attacke auf alle deutschen Juden, die "in einem halbfreiwilligen unsichtbaren Ghetto" lebten, kein "lebendes Glied des Volkes, sondern ein fremder Organismus in seinem Leib sind" und sich in vollkommener Metamorphose zu verwandeln hätten. Viele Autoren sehen darin einen Beleg für den jüdischen Selbsthass und belassen es dabei. Volkov nicht. Sie geht weiteren Artikeln und Meinungsäußerungen Rathenaus nach. Anhand zahlreicher Zitate kann sie belegen, wie unangenehm Rathenau seine ungestümen Äußerungen mit zunehmendem Alter waren.

Leider vergisst auch sie zu erwähnen, dass viele bedeutende jüdische Köpfe der Zeit ähnlich dachten und trotzdem nicht als Musterbeispiele des Selbsthasses im Gedächtnis geblieben sind, sondern im Gegenteil noch heute als Juden gepriesen werden, die mit Stolz an ihrem Glauben festhielten: der Neukantianer Hermann Cohen etwa. Er wünschte sich, "wir hätten schlechtweg das germanische Aussehen, von dem wir jetzt nur die klimatischen Nebenwirkungen an uns tragen".

Der Mord

Ob Walther Rathenaus Selbsthass also außergewöhnlich war oder eher ein typischer Ausdruck jüdischen Empfindens zwischen 1870 und 1933, sei dahin gestellt. Jedenfalls hat Volkov Recht, wenn sie betont, dass Rathenau einerseits an seinem Jüdischsein litt, auch deshalb ein Germanentum idealisierte, das es gar nicht mehr gab (wenn es je existiert haben sollte), und andererseits stolz darauf war, Jude zu sein und sich auch aus diesem Grund von der Gesellschaft absonderte, ja manchmal die Zurückweisung geradezu suchte.

Als er schließlich so weit war, das innere Sowohl-als-auch anzunehmen und damit zu überwinden, da war es zu spät; da hatten sich schon Teile der Weimarer Gesellschaft so radikalisiert, dass sie in ihm nur noch den Juden sahen. "Die Geschichte dieses Lebens ist der Stoff, aus dem Tragödien gemacht werden", schreibt Shulamit Volkov. Wer wollte ihr darin widersprechen?

Foto: Getty Images

Der Kommunist Karl Liebknecht wurde am 15. Januar 1919 in Berlin von einer Gruppe von Marineoffizieren erschossen und in den Landwehrkanal geworfen. Das Foto zeigt seine Leiche.

5 Bilder
© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Umfrage Wer war der bedeutendste Politiker der Weimarer Republik

  • 11%

    Friedrich Ebert

  • 19%

    Walther Rathenau

  • 50%

    Gustav Stresemann

  • 20%

    Paul von Hindenburg

Abgegebene Stimmen: 135
Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Liebes-Nachhilfe Flirten wie ein Silberrücken
William und Kate Hip-Hop-Crashkurs für die Royals
Xbox-One vs PS4 Microsoft muss knappe Niederlage hinnehmen
Champions-League Guardiola will "überragende Leistung"
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Reisetipps

Zehn spannende Events weltweit im Mai

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote