18.11.12

Bestseller

Zu Füßen von Hollywood brennt die Luft

Los Angeles ist nicht bloß Hollywood, sondern auch kriselnder Mittelstand und illegale Mexikaner. Pulitzerpreisträger Hector Tobar, einer der bedeutendsten Hispanics in den USA, erklärt seine Stadt.

Von Elmar Krekeler
Foto: Getty Images

Für seine Reportagen von den Rodney-King-Unruhen von 1992 hat Hector Tobar (Jg. 1963) den Pulitzerpreis bekommen. In seinem Roman „In den Häusern der Barbaren“ erzählt er eine andere Geschichte von Los Angeles, der Stadt der tausend Welten
Für seine Reportagen von den Rodney-King-Unruhen von 1992 hat Hector Tobar (Jg. 1963) den Pulitzerpreis bekommen. In seinem Roman "In den Häusern der Barbaren" erzählt er eine andere Geschichte von Los Angeles, der Stadt der tausend Welten

Heute ist alles klar. Es ist heiß und Wochenende. Und keine braune Smogsuppe hängt wie sonst gern über der Stadt ohne Grenzen. Nichts verschwimmt im Dunst. Man hat einen brillanten Blick hinauf in die Berge, nach Beverly Hills, Pasadena – Brangelina County, da, wo an den Straßenrändern Menschen stehen und "Star Maps" verkaufen oder "Super Star Maps", Karten, auf denen die kameragesicherten Wohnsitze der Reichen und Berühmten verzeichnet sind.

Wir sind unten. Mitten im Meer der ganz anderen Geschichten von Los Angeles, der Geschichten, die keiner kennt, selbst die meisten Angelinos nicht. Der Geschichten jener, die Mitt Romney gerade leichtfertig als "Opfer" titulierte.

Wir fahren die Stationen einer ganz besonderen Odyssee ab. In einem blauen Hybrid-Japaner, der Schrammen hat vorne und hinten. Steve Reichs unendlich sich verknäulende Heißluftmusik flirrt in den Lautsprechern. Draußen flirrt der Beton der Straßen. Hector Tobar erzählt und fährt.

Unterwegs durch eine missverstandene Metropole

Fährt durch seine Stadt, der, sagt er, am meisten abgefilmten und am meisten missverstandenen Metropole der Welt. Durch Downtown und Huntington Park, von der Wiege, von den Überresten des 1781 gegründeten Pueblo de la Reina de Los Ángeles, bis hinauf zu den Häusern seiner Kindheit in South Hollywood, das jetzt "Little Armenia" heißt.

Tobar fährt und erzählt von Steve Reich und der Politik und der Literatur und seinem Leben und den Hispanics, den illegalen und den legalen, von seinem Roman "In den Häusern der Barbaren".

Den haben sie mal "Fegefeuer der Eitelkeiten für das 21. Jahrhundert" genannt und der sehr viel mehr ist als ein kalifornischer Nachklapp von Tom Wolfe, und zwischendurch tippt er in sein Blackberry und telefoniert, zwischendurch muss er mal gerade eine Ehe retten. Die Ehe eines Freundes.

Vor allem ist dies aber eine andere Geschichte von Los Angeles. Und sie beginnt mit einer Zahl. Der 187 genauer. Proposition 187 war der Entwurf eines Gesetzes, nach dem illegalen Einwanderern – gemeint waren natürlich vor allem die aus Mexiko und Mittelamerika – in Kalifornien der Zugang zu öffentlich finanzierten Einrichtungen und Maßnahmen unmöglich gemacht werden sollte.

Als die illegalen Einwanderer ausgeschlossen wurden

Ein Entwurf, der Kalifornien tatsächlich in Amerikaner und Opfer geteilt hätte. 59 Prozent der Kalifornier sprachen sich 1994 in einem Referendum für 187 aus. 1998 wurde das Gesetz für verfassungswidrig erklärt.

187, diese Zahl hat sich Tobar dennoch eingebrannt. 187 war ein Zeichen dafür, dass Amerika, das Land der vorgeblich unbegrenzten Möglichkeiten, dem er alles verdankt, doch nicht die Meritokratie war, an die er immer geglaubt hatte, als erfolgreicher, amerikanischer Sohn guatemaltekischer Eltern.

Seine Eltern kamen 1962 aus Guatemala

Die waren 1962 mit beinahe nichts an Papieren, Wissen, Können und Sprachkenntnis, aber mit dem ungeborenen Hector und dem Ziel und dem Willen, amerikanischer Bürger zu werden Anfang der Sechziger in Los Angeles angekommen. Sein Vater hatte sich durchgeboxt, war Amerikaner geworden, kein Opfer, Vater Tobar war und ist stolzer Landsmann von Mitt Romney.

Dem Land, das sich nun mit Prop. 187 abschottete, und damit beginnt die Geschichte der "Barbarian Nurserys", wollte Tobar – "ein Intellektueller, gefangen in den braunhäutigen Körper eines Guatemalteken" –, einfach mal erzählen, wie es ist als Schatten zu leben.

Denn als solche fühlen sie sich, die Hispanics, die knapp die Hälfte der Stadtbevölkerung von Los Angeles ausmachen (eine Million dieser Bevölkerung hat keine Papiere). Tobar, Pulitzerpreisträger, erst Reporter, dann Büroleiter in Mexiko und Buenos Aires, jahrelang Kolumnist der Los Angeles Times, zählt zu ihren prominentesten Stimmen.

"Legalize LA" steht an der Mauer einer Textilfabrik

Einen ersten kompletten Entwurf schrieb Tobar Mitte der Neunziger hin. Und verwarf ihn wieder. Ein Roman in Camus'scher Manier war das geworden. Überambitioniert, eindimensional, bitter, Secondhand-Existenzialismus. Und doch das Fundament für die "Häuser der Barbaren".

"Legalize LA" steht rechts an der Mauer einer Textilfabrik, an der wir vorbeifahren Richtung Süden, ins von Eisenbahnschienen zerschnittene Niemandsland der aufgelassenen oder noch halbwegs funktionierenden Industriegebiete der Stadt, die jetzt tot und staubig in der Sonne liegen. Links ist noch ein Brachfeld übrig, eine Freifläche, die der Krieg übrig gelassen hat, der 1992 hier losbrach.

Einer der vielen Aufstände im immer wieder aus der Balance geratenen Multi-Ethnien-Metropolis, der schlimmste vielleicht, der Rodney-King-Aufstand, als Los Angeles hier im zersiedelten, flirrenden Niemandsland explodierte, nachdem ein Gericht vier Polizisten, die verdächtig waren, den Afroamerikaner Rodney King zu Tode geprügelt zu haben, freisprach.

Pulitzerpreis für Reportagen über Rodney-King-Unruhen

Tobar war damals Tag und Nacht auf der Straße, hat den Leuten zugehört, sämtliche Aggregatzustände, sämtliche Schichten dessen erlebt, was es heißt, ein Angelino, ein Amerikaner zu sein oder werden zu wollen und es nicht werden zu dürfen, Reportagen hat er geschrieben und dafür den Pulitzerpreis bekommen.

In den "Häusern der Barbaren" hat er diese Schichten nun ein virtuoser Weise freigelegt – nach einem Roman über den Vorabend der Rodney-King-Unruhen und einem Sachbuch, in dem er den Weg der Hispanics vom Westen in den Osten und ins Herz der amerikanischen Gesellschaft in brillanten Reportagen nachfuhr.

Ganz allmählich. In einer epischen Bewegung. In einem bemerkenswert geschichtenträchtigen und dennoch extrem beherrschten Stationendrama. Von ganz oben, von den bewachten Wohnanlagen der Weißen in den Bergen bis hinunter in die Zentren der Schattenwesen, da wo wir gerade herumfahren.

Ein missgelauner Erzengel rettet zwei Jungs

Dazu brauchte er aber, sagt er, erstmal die Erfahrung einer eigenen Familie (inzwischen hat Tobar wie Scott Torres-Thompson, sein Nebenheld im Roman, drei Kinder), und er musste warten, bis ihm Araceli begegnete.

Araceli Noemi Rodriguez genauer gesagt. Ein missgelaunter Erzengel, eine junge Frau, für die wohl das unübersetzbare englische Wort "grumpy" erfunden wurde. Eine aus dem Schatten. Die alles sieht, alles erlebt. Und von der Hector Tobars Geschichte einer Dienerin handelt. Er lässt sie beinahe überall da vorbei kommen, wo wir heute langfahren.

Araceli, 26, schlank, stolz, groß, strenge Haare, sieht zwar nicht aus wie Hector, 49, kompakt, mittelgroß, stolz, Oberlippenbart, ist aber sein Alter ego. Araceli, die mal Kunst studiert hat in Mexiko City, lebt jetzt im Schatten der Torres-Thompsons, ist die Seele des Haushaltes von Scott und Maureen samt deren drei Kindern Baby-Samantha, Keenan und Brendan.

Vertrieben aus dem "Zimmer der tausend Wunder"

In einem feinen Haus am Ende einer Sackgasse mit einem fantasierten spanischen Namen hoch über Los Angeles lebt sie mit Blick aufs ferne Meer. Die Torres-Thompsons haben ein Vermögen mit einem Computer-Startup gemacht. Sie versuchen die perfekten Eltern zu sein, durchreflektiert, lernzielorientiert.

Die Kinder haben alles. Ihr Zimmer voller Bücher und Videospiele ist das "Zimmer der tausend Wunder". Jetzt aber – Tobars Roman ist auch ein Roman über die erodierende amerikanische Mittelschicht – wird das Geld aber knapp. Nicht weil das System schlecht ist, sondern weil sie sich schuldig gemacht haben, sagen sie, weil sie ihr Geld falsch anlegten.

Und sie geraten sich gewaltig in die Haare darüber, dass Maureen für teuer Geld den kleinen Regenwald – gewissermaßen Tobars Variation des Tschechowschen Kirschgartens – hat abholzen lassen, weil sie ihn nicht mehr unterhalten konnten, nachdem sie den mexikanischen Gartenangestellten feuern mussten.

Wo die Mittelschicht erodiert, zerfallen die Ehen

Sie prügeln sich, sie trennen sich, sie lassen Araceli mit den Jungs allein.

Und Araceli, nicht gerade kinderfreundlich und des Englischen nur gebrochen mächtig, macht sich, nachdem sie zwei Tage auf ein Lebenszeichen der Eltern wartete, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (eine ganz neue Erfahrung für die Torres-Thompson-Kinder) auf den Weg, den einzigen Verwandten der Jungs zu finden – ihren Großvater, den alte Torres.

In den Köpfen der Jungs prallen unterwegs literarische Fiktion auf Realität, sie erleben eine Stadt der tausend Welten. Machen an der Seite ihres weiblichen Sancho Pansa ein geradezu don-quichoteskes Abenteuer durch, erfahren, dass die wirkliche Welt viel wilder und aufregender und ungerechter ist, als die in den Büchern und Videospielen daheim im Zimmer der tausend Wunder.

Wo die Schwarzen waren, leben die Hispanics

Tobar fährt durch Neighbourhoods, in denen früher die Schwarzen wohnten, Straßen, in denen erst die Osteuropäer ankamen, die jetzt nach Martin Luther King heißen, in denen aber jetzt die Hispanics wohnen. Sie machen die Straßenzüge hübsch.

Tobar ist glücklich darüber, wie es jetzt aussieht, stolz auf jedes funktionierende Viertel. Mit der Videokamera ist er damals, als er noch in Buenos Aires gearbeitet hat und schon am Roman schrieb, hier durchgefahren. Normalerweise kommt hier kein Tourist vorbei.

Dabei leben hier alle, die da oben die Star-Karten verkaufen oder im Beverly Hills Hotel die Zimmer machen. Einmal ist er für eine Reportage mit den Zimmermädchen mitgefahren im Bus. War spannender als beinahe alles, was sich in den Hotelfluren und an der Bar abgespielt hat.

In Huntington Park ist das Englische in der Minderheit

Flache Wohnviertel fliegen vorbei, im Wechsel mit verstaubten Fabriken für alles Mögliche. Steve Reichs Wüstenmusik flirrt in die dritte Schleife. Wir könnten noch anderthalb Stunden weiter geradeaus fahren, sagt er, ohne dass sich irgendwas ändern würde draußen.

In Huntington Park steigen wir aus. Hier ist Araceli gestrandet. Mariachi-Läden, Mariachi-Musik überall. Kubische Häuser, große Autos. Merkwürdige Hüte kann man kaufen. Und sehr spitze Schuhe. Dass Spanisch als Sprache in Los Angeles an Bedeutung verliert, wie Tobar erzählt hat, lässt sich an dieser Straße nicht wirklich beweisen.

In Huntington Park inszeniert Tobar im Roman seine Peripetie, eine herrliche Ballszene, in der er am 4. Juli, am Nationalfeiertag, beinahe sämtliche Stufen der hispanischen Integrationsskala auf einem Fest mit anschließendem Feuerwerk zusammenbringt und in einem Lynchmobaufstand explodieren lässt.

Am Ende ein Justizthriller und eine Mediensatire

Hier wird Araceli verhaftet, weil sie illegal ist und weil sie die Jungs angeblich entführt hat. Hier startet der dritte Teil von Tobars Roman – eine gewaltige Medien- und Gerichtssatire vom verderbten Zustand des kalifornischen Justizwesen und der Verselbständigung der Nachrichtenmaschine zum Schaden aller Beteiligter.

An den Betonflüssen vorbei, den beinahe leeren Kanälen von Los Angeles, fahren wir zurück nach Downtown. Wie bestellt und im Roman von Brendan bestaunt, liegen Obdachlose im Schatten der Eisenbahntrassen im Staub.

Wir sitzen unter der Pergola von Pelanconi House, dem ältesten Backsteinhaus von Los Angeles, errichtet 1857, seit 1930 Sitz des mexikanischen Restaurants La Golondrina. Tobar ist froh, dass da wieder Menschen sind. Als die Krise kam, waren sie alle erstmal vorsichtig geworden. Waren nicht mehr ausgegangen.

Eine Mariachi-Band spielt das Lied vom traurigen König

Jetzt scheint es sich zu entspannen. Es ist brechend voll. Es gibt Guacamole, Tortillas mit Mole, einer dunkelbraunen Creme, in der zu baden man sich durchaus entschließen könnte. Und Bier im geeisten Glas mit Salzrand (wozu man sich besser nicht entschlossen hätte). Eine Mariachi-Band spielt markerschütternd das traurige Lied vom traurigen König. Tobar schwört, dass er sie nicht bestellt hat.

Wie er Reporter wurde, erzählt er – ausgerechnet in San Francisco, wo er bei einer Kleinstzeitung anheuerte, die er am Ende nahezu allein geschmissen hat. Wie er zur LA Times kam – 1989, mit 26 als Lokalreporter. Warum er seine Kolumne aufgegeben hat im Juni mit einer hinreißenden Liebeserklärung an Los Angeles – weil er Zeit braucht fürs Romaneschreiben und für seine Sachbücher – Tobar ist der offizielle Biograf der vor zwei Jahren verschütteten chilenischen Minenarbeiter.

Wie er sich alles mühevoll und spät erlesen hat, was unsereins (so seine Theorie) quasi mit der Muttermilch eingetrichtert bekommt, die ganze vor allem europäische literarische Tradition, in die sich Tobar stellt und vor der er sich deutlich lesbar verneigt – Camus und Calvino, Shakespeare und Tschechow und Asterix.

Heute wäre Tobars Karriere einfach unmöglich

Dass sein Leben, seine Karriere und die seiner Eltern heute einfach unmöglich wären. Dass sich die Lage in der bisherigen Obama-Ära nur gewissermaßen minimal invasiv geändert hat. Dass er andererseits aber auch nicht sicher ist, ob Araceli wirklich recht hat, die ziemlich genau in der Mitte des Romans, zu ahnen meint, dass nach der Krise, durch die Krise ein neues Zeitalter ausbricht, in dem "die Bleichen und Behüteten anfingen, unter den Dunklen und Bedrängten zu leben, den zornigen Massen aus dem Süden".

Natürlich wäre es ein leichtes gewesen, das ganze System von Los Angeles "In den Häusern der Barbaren" explodieren zu lassen. Die Ehe der Torres-Thompsons zum Beispiel. Oder das Leben der Araceli Noemi Ramirez. Oder die ganze brüchige Gesellschaft der Stadt der Engel und der tausend Welten.

Kein Ostküstenliterat hätte sich die Chance entgehen lassen. Tobar ist da anders. Seine Version der "Great american novel" ist von lateinamerikanischer Menschenfreundlichkeit durchwärmt. Schlecht ausgehen lassen, geht nicht. So sind wir nicht, sagt Hector Tobar.

In der Literatur nicht. Und nicht im Leben. Hector Tobar fährt zurück, hinauf nach Mount Washington. Die Ehe seines Freundes retten. Vielleicht. Wird sicher gut gehen.

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