14.11.12

Zeitschrift

Die "Bunte" und ich mit Gunter Sachs im Flieger

Im Peoplemagazin "Bunte" gaben sich die globalen Gesellschaften schon immer ein Stelldichein. Die einstige Chefredakteurin Beate Wedekind erinnert sich an ihr glamouröses Jetset-Leben.

Von Beate Wedekind
Foto: Archiv Burda Medien
Reagan und Burda und die "Bunte"
Reagan und Burda und die "Bunte"

Auf dem Balkon des auf charmante Art heruntergekommenen Hotels "Taitu" sitzend, meinem Refugium hoch über Addis Ababa, der Hauptstadt Äthiopiens, sehe ich die flackernden Lichter dieses Vier-Millionen-Molochs nicht, die meiner Fantasie an anderen Abenden so zuverlässig Flügel verleihen.

Ich bin hier – und doch nicht da, denn ich lese auf meinem Laptop die Druckfahnen von Hubert Burdas neuem Buch "Die Bunte Story", in dem er seine Zeit als "Bunte"-Chefredakteur von 1976 bis 1986 zu einem Aufsatz über die Veränderung der Gesellschaft verdichtet hat.

Ich habe dreizehn Jahre mit Burda zusammengearbeitet. Er war mein Chefredakteur, als ich 1981 als Reporterin bei der "Bunten" anfing, und mein Verleger, als ich 1988 für viele glückliche Jahre die Chefredaktion von "Elle" übernahm und 1993 für eine kurze, aufregende Zeit Chefredakteurin von "Bunte" wurde.

Rendezvous der globalen Gesellschaften

Von der Terrasse dringen Wortfetzen herauf. Tamirat Mekonnen, ein junger äthiopischer Filmregisseur aus New York, Diego Malara, ein Soziologe aus Kalabrien, der über Exorzismus forscht, und Itsushi Kawase, ein Anthropologe aus Osaka, der sich mit Tattoos beschäftigt, reden über Rita Marley, die Witwe von Bob, die am Tag zuvor aus Ghana in die Stadt gekommen ist. Auf dem Dach gegenüber machen der britische DJ André Marmot, der Geigenvirtuose Max Baillie und der äthiopische Derwisch Melaku Belay gemeinsam Musik.

Der Ort, die Zeit, die Menschen – ein Rendezvous der jungen globalen Gesellschaften. "Mein Rendezvous" hatte Hubert Burda die Kolumne in der "Bunten" genannt, für die ich von 1983 bis 1988 wöchentlich der Karawane des Jetsets nach Marbella und Palm Beach, nach Bel Air und Biarritz, St. Moritz und Aspen, Rio und Regensburg, Düsseldorf und Dallas, Monte Carlo und Marrakesch, Hongkong und den Hamptons folgte, wo auch immer ihre Protagonisten gerade ihren Eigenheiten und Eitelkeiten frönten.

Burda, der promovierte Kunsthistoriker, hatte früh erkannt, wie wichtig die Vernetzung vermeintlich fremder Welten ist, er machte die "Bunte" zum Global Village, lange bevor der Begriff geprägt und das Internet erfunden wurde. Er hatte eine Redaktion von fünfzig bis sechzig Männern und Frauen, eine geniale Mischung aus Extravaganten und Introvertierten, um sich versammelt, die wie er, der junge Chefredakteur, heiß waren auf Geschichten über Menschen, wie sie damals keiner erzählte: "Die Welt ist 'Bunte'", hieß der Slogan.

Ohnmächtig vor Aufregung

Und ich? Ich war dabei und am Ziel meines Kindheitstraums angekommen. Ich bin nämlich ein "Bunte"-Kind. Keine sechs Jahre alt, kaum dass ich lesen konnte, schlich ich mich, wenn meine Eltern sich zur sonntäglichen Mittagsruhe in ihr Schlafzimmer zurückgezogen hatten, in unser Wohnzimmer, wo auf der Ablage des Couchtischs die "Bunte" lag, die meine Mutter jede Woche von einer befreundeten Arzthelferin weitergereicht bekam.

Andächtig schlug ich, das neugierige Mädchen, mit meinen dicken Fingerchen Seite für Seite um, konnte mich nicht sattsehen an den Bildern der kunstvoll frisierten weiblichen Wesen, die nicht einfach nur Frauen waren wie meine Mutter, sondern Damen wie die Schauspielerin Ruth Leuwerik oder sogar Königinnen. Die von England mochte ich besonders. Dreißig Jahre später, als ich zum Dinner im Buckingham Palace eingeladen war, bin ich vor Aufregung beinahe ohnmächtig geworden.

Mit zwölf, dreizehn schwärmten meine Freundinnen von den Stars in der "Bravo", von Gitte und Rex Gildo ("Vom Stadtpark die Laterne"). Ich dagegen schmachtete Paul Hubschmid ("My Fair Lady") an, der auf dem Titel der "Bunte" prangte. Mit 17 war ich Lehrling bei der Deutschen Bank und kaufte meine erste eigene "Bunte"; das Heft mit Peter Alexander auf dem Titel habe ich noch heute.

"Bunte"-Lektüre – Eskapismus pur

Mit 21 war mir die Welt in Duisburg zu klein. Ich heuerte als Stewardess bei der Condor an. In Martin G., einen blonden Kapitän, verliebte ich mich unsterblich. Er sah aus wie Curd Jürgens, der "Bunte"-Held meiner Kindheit. Was folgte, war meine wilde Zeit, immer auf dem Sprung ins nächste Abenteuer, ich lebte mit einem älteren Mann zusammen, der eine Villa an der Côte d'Azur besaß. Nun las ich auch "Paris Match" und die amerikanische Zeitschrift "Life".

Mit 25 wollte ich weit weg von dem Mann, der leider Alkoholiker war, und ging zum ersten Mal nach Äthiopien, erlebte als Logistikerin einer deutschen Regierungsorganisation die blutige Revolution vom Feudalismus zu Kommunismus. Einmal brachte mir jemand eine "Bunte" mit, die ich, auch damals auf einem Balkon in Addis Ababa sitzend, gierig konsumierte, diesmal Eskapismus pur.

Hubert Burda hatte gerade die Chefredaktion von seinem Vater übernommen, und ich stellte erste Veränderungen fest, mochte die kurzen geschliffenen Texte. Zurück in Deutschland, ging ich, wieder der Liebe wegen, nach Berlin und arbeitete als Sekretärin an der Freien Universität. Zu meinem Bekanntenkreis gehörten zum ersten Mal Leute, die in der Öffentlichkeit standen, der Politiker Peter Glotz zum Beispiel.

Knicks vor Königin Silvia

Mit 29 wechselte ich auf sein Anraten hin noch einmal radikal mein Metier, volontierte bei der Berliner Boulevardzeitung "Der Abend", die damals Hossein Sabet, ein persischer Unternehmer, vor dem Ruin gerettet hatte. Mein erstes Interview machte ich mit Björn Borg, dem Tennisstar aus Schweden. Nun war ich leibhaftig in der "Bunte"-Welt angekommen. Zwei Jahre nachdem ich meine erste Zeile gedruckt worden war, ich war mittlerweile Reporterin bei "Bild", fragte mich der Kollege Stefan Donat, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm zur "Bunte" zu wechseln.

Ich bewarb mich mit einer Reportage über mein Treffen mit Joseph Beuys, Robert Rauschenberg, Cy Twombly und Andy Warhol, deren Werke aus dem Besitz des Berliner Sammlers Erich Marx in der Neuen Nationalgalerie ausgestellt waren. Auf meine Frage "Lässt sich Berlin mit New York vergleichen?" antwortete nur Warhol mit Ja. Er war danach auf dem Weg nach Offenburg, wo er den Senator Burda für ein Porträt zu dessen Siebzigstem fotografierte.

Sechs Wochen später war ich Mitglied der "Bunte"-Redaktion, war ohne auch nur einen Moment zu zögern von Berlin nach Offenburg gezogen. Und immer schnellte mein Finger hoch, wenn Hubert Burda, der Chefredakteur, in der Konferenz die Themen vergab. Eines Tages durfte ich ihn zum ersten "Bunte"-Interview mit Königin Silvia nach Stockholm begleiten.

Im Juli 1983 brach ich mit dem Fotografen Roger Fritz, der seit seiner Zeit an der Seite von Visconti im Rom des Dolce Vita ein Star war, nach Saint-Tropez auf, nun von München aus, wohin die "Bunte" umgezogen war. Die erste Kolumne "Mein Rendezvous" hatten wir nach ein paar Tagen im Kasten.

Auf Diät mit Herrn Kashoggi

Ich freute mich, wenn Gunter Sachs mich im Privatflugzeug mitnahm, staunte über die goldenen Wasserhähne von Donald Trump, fuhr mit Malcolm Forbes im Heißluftballon, machte Diät mit Adnan Kashoggi, tanzte auf der Hochzeit von Heini Baron Thyssen mit Tita Cervera, wurde von Arthur Cohn zu den Oscars eingeladen, traf die Agnellis bei der Eröffnung des Palazzo Grassi in Venedig und den Aga Khan bei den Salzburger Festspielen. Unerreichter Höhepunkt, als Aenne Burda mich 1986 mit zu Raissa Gorbatschowa nach Moskau nahm.

1990 kam Hubert Burda von einer seiner ersten Reisen mit seiner späteren Frau Maria Furtwängler beseelt aus New York zurück. Er hatte im Museum of Modern Art die Ausstellung "High and Low" gesehen, die ihn in seiner Vision der notwendigen Erhebung des Trivialen zur Kultur bestätigte. Konsequent baute er sein Unternehmen mit Beginn der medialen Revolution in den frühen Neunzigerjahren in der Welt des Internet aus.

Natürlich bin ich eine begeisterte "Bunte"-Leserin geblieben. Die Orte, die Zeiten, die Menschen haben sich verändert. Seit 16 Jahren ist Patricia Riekel nun schon die Oberbürgermeisterin des von Hubert Burda gegründeten Global Village. Dass sie auch eine hervorragende Astrologin ist, wissen wenige. Ich kann es nur bestätigen, sie hat mir bei "Elle" einmal die Zukunft vorausgesagt.

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