13.11.12

Deutsche TV-Serien

Der Landarzt müsste nur ein Drogendealer sein

Was macht die großen amerikanischen Fernsehserien Mad Men & Co. so gut? Und warum geht so etwas nicht auch hierzulande? Das fragten sich Deutschlands Fernseh-Macher auf einem Treffen.

Foto: REUTERS

„Mad Men“: Die Geschichte von ein paar Werbeleuten an New Yorks Madison Avenue im New York der Sechziger ist jetzt schon ein stilbildender Klassiker. Der eigentliche Hauptdarsteller ist die Ausstattung, während sich die Hauptfiguren mit Rauchen und Verführen oder Verführtwerden die Zeit vertreiben. Auf ZDFneo endet im November 2012 die dritte Staffel

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Es gibt ein schönes Zitat der Kinolegende Martin Scorsese, die viel über die derzeit so bestaunte Qualität amerikanischer Fernsehserien sagt: "Endlich kann ich mal sehen, was mit den Figuren geschieht, nachdem der Film zu Ende ist", soll der Regisseur gesagt haben, als er die Pilotfolge für "Boardwalk Empire" abgedreht hatte - eben eine jener gerühmten Serien, die regelmäßig angeführt werden, um zu demonstrieren, dass die großen Geschichten inzwischen im Fernsehen erzählt werden, und nicht mehr unbedingt im Kino.

"Mad Men" gehört dazu, und "Breaking Bad" natürlich, und wer sich innerhalb des Mainstreams ein bisschen vom Mainstream abheben will, der sagt noch "Homeland". Die Serie, die anhand eines zwielichtigen Kriegshelden und einer fanatischen CIA-Agentin die amerikanischen Traumata im "Krieg gegen den Terror" durchdekliniert, ist Barack Obamas Lieblingsserie, diesjähriger Emmy- und Golden-Globe-Gewinner - und läuft in Deutschland nicht. Noch nicht, die Rechte hat sich ProSiebenSat1 natürlich längst gesichert.

Mindestens ein gebrochener Charakter muss sein

Denn wenn es um das neue Genre der Superserie geht, nennen wir sie "Broken Man Drama", weil mindestens ein gebrochener Charakter unbedingt dazugehört, muss hierzulande eingekauft werden. In den USA natürlich, oder Skandinavien ("Kommissarin Lund", "Borgen"), oder bei der BBC ("Luther").

Kein Wunder also, dass sich ein Schwerpunkt beim diesjährigen Treffen des Verbandes Deutscher Film- und Fernsehdramaturgen (VeDRA) am Wochenende in Berlin um die Frage drehte: Was macht das Broken Man Drama so gut, und wie kriegen wir das auch hin?

Die Dramaturgen sind so etwas wie die Underdogs beim Fernsehen. Im Theater wundert sich seit Lessing und seiner "Hamburgischen Dramaturgie" wenigstens niemand über ihre Anwesenheit und Aufgabe, die Linie des Hauses mitzubestimmen und den Regisseur bei der Inszenierung intellektuell zu begleiten.

Die guten alten Zeiten von "Dallas"

Beim Fernsehen erledigt ersteres die Quote, und der Regisseur hat schon genug Leute, die ihm reinreden. Fest angestellte Dramaturgen gibt es selten, und die dramaturgische Beratung und Betreuung, also die Entwicklung eines Stoffes, der Blick von oben auf ein Drehbuch und die Analyse möglicher Schwächen in Plot und Charakteren, wird "zu häufig lediglich als Kostenfaktor gesehen, der im Zuge von Sparmaßnahmen am einfachsten gekürzt werden kann", klagt denn auch Rüdiger Hillmer, Vorstandsvorsitzender des VeDRA.

Entsprechend jung ist auch der Verein, mit zehn Jahren nicht einmal halb so alt wie sein großer Bruder, der Verband Deutscher Drehbuchautoren. Aber zum Jubiläumstreff platzte man aus allen Nähten, und überfüllt waren alle Diskussionen, bei denen es ums innovative Erzählen im Fernsehen ging. Hinter dessen Geheimnis wollen offenbar viele Dramaturgen kommen - zumal sie häufig heimliche Autoren sind.

Und der Vorteil der analytischen Herangehensweise ist ja, dass man durchaus ein paar konkrete Aussagen treffen kann. Oliver Schütte etwa, mit seinem Standardwerk "Die Kunst des Drehbuchlesens" Autor eines der ersten Bücher zur Dramaturgie, liefert gleich eine ganze Liste von Merkmalen des "New Quality TV". Sie ist seine Weiterentwicklung der Thesen, mit denen der amerikanische Medienwissenschaftler Robert Thompson 1996 Aufsehen erregte, als er für sein Buch "Television's Second Golden Age" die Geburt von Meilensteinen wie "Hill Street Blues" aus dem Geiste von Massenware wie "Dallas" erklärte.

Die beliebte Rolle der psychopathischen Powerfrau

Schütte zufolge zeichnet das Qualitätsfernsehen im 21. Jahrhundert sich zum Beispiel dadurch aus, dass nicht nur horizontal statt vertikal erzählt wird (also fortlaufend statt mit in sich abgeschlossenen Folgen), sondern dass die Serie mit kleinen Querverweisen und ironischen Anspielungen auf sich selbst verweist und aus der passiven Couch Potato einen aktiven Zuschauer macht.

Typisch sei auch neben der unkonventionellen Hauptfigur der Mut zum "unkonventionellen Twist": Hauptfiguren, die dem Zuschauer ans Herz gewachsen sind, werden zum Beispiel um der Story willen umgebracht, und nicht, weil der dazugehörige Darsteller aussteigen will. Neu sei zudem, dass die Macher aus dem Kino kommen - siehe Scorsese, oder auch Glenn Close, die ihre klassische Figur der leicht psychopathischen Powerfrau inzwischen hochgelobt in der TV-Serie "Damages" spielt.

Aber ob so was in Deutschland möglich ist? "Hmm", lässt sich die Aussage von Bernhard Gleim zusammenfassen, Redaktionsleiter beim NDR und damit mitverantwortlich für den unkonventionellen "Tatortreiniger": Traditionell beruhe die deutsche Serie auf einer Mittlerfigur, einem Arzt oder Lehrer zum Beispiel, die ins Geschehen eingreift, alle Probleme löst und zur starken Identifikation einlädt. Das gilt es erst einmal zu überwinden.

"Breaking Bad" ist eine uralte Männerphantasie

Aber Produzent Marc Müller-Kaldenberg ist optimistisch: Tatsächlich seien Formate früher meistens mit der Begründung abgelehnt worden, die Hauptfigur sei "nicht sympathisch genug", inzwischen seien sie wenigstens "nicht empathisch genug". Sprich: Solange man mit ihm mitfühlen kann, darf es auch ein Ekel sein.

Und Autor Ron Markus machte die schöne Bemerkung, dass die viel zitierten US-Serien das Rad ja auch nicht neu erfinden würden: "Breaking Bad" etwa sei doch extrem eskapistisch: "Das ist eine ganz klassische Männerfantasie – ein Waschlappen, der als Drogenkoch zum supercoolen Helden wird."

Dass man ein urdeutsches Serienthema – nämlich die von der Geschichte gebeutelte Familie – auch gut verkaufen können muss, wusste Annette Hess, Autorin des preisgekrönten Mehrteilers "Weissensee", zu berichten: Das sei, habe sie erklärt "so was wie ,Dallas' in Brandenburg". Und siehe da: Die zweite Staffel ist bereits gedreht.

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