12.11.12

"Absolute Mehrheit"

An Raabs neuer Talkshow scheiden sich die Geister

Brauchen wir noch einen Polittalk im deutschen Fernsehen? Ja und Nein. Morgenpost Online mit einem Pro und Contra zur neuen Raab-Show.

Foto: obs

1,28 Millionen Zuschauer schalteten Raabs erste Sendung am Sonntagabend ein
1,28 Millionen Zuschauer schalteten Raabs erste Sendung am Sonntagabend ein

Die Quote stimmt. In der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen kam Stefan Raabs erste Sendung seiner neuer Polit-Talkshow "Absolute Mehrheit" am Sonntagabend auf 1,28 Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 18,3 Prozent. Bei den 14- bis 29-Jährigen waren es gar 0,5 Millionen und 24,7 Prozent. Das ist mehr, als alle sechs Talkrunden der ARD zusammen vergangene Woche in dieser Zielgruppe bekamen.

Zuvor hatte es heftige Aufregung um die Sendung gegeben: Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) hatte seine Teilnahme kurzfristig abgesagt, Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hatte das Konzept als "absoluten Unfug" bezeichnet und FDP-Generalsekretär Patrick Döring hatte gewarnt, Politiker sollten darauf achten, dass sie nicht wie Tanzbären durch die Zirkusmanege gezogen werden. Bei Raab diskutieren Politiker über aktuelle Themen und können dabei 100.000 Euro gewinnen. Sie müssen dafür die absolute Mehrheit der abstimmenden Zuschauer hinter sich bringen.

In der ersten Folge gewann Wolfgang Kubicki, FDP-Fraktionschef in Schleswig-Holstein, mit 42,6 Prozent – verfehlte aber die absolute Mehrheit. Das Preisgeld wandert in den Jackpot. In der nächsten Sendung im Februar geht es dann um 200.000 Euro.

Sein Klassenziel hat Raab damit erreicht: Jüngere Zuschauer für politische Themen zu gewinnen. Aber wie kam die Sendung in der Kritik weg? Zwei Kollegen kommen zu völlig unterschiedlichen Urteilen.

Pro: Besser als die Jauchs und Wills

Andreas Rosenfelder fand Stefan Raab noch nie so erwachsen

Was wussten wir am Sonntag kurz nach Mitternacht, das wir zuvor noch nicht gewusst haben? Was hatten wir dazugelernt, als Stefan Raabs neue Show "Absolute Mehrheit" gelaufen war und der Abspann uns darüber informierte, dass Melanie Eckes aus Offenbach den unter allen Anrufern verlosten Peugeot 3008 gewonnen hatte?

Hatten wir verstanden, wo der Fehler im Erneuerbare-Energien-Gesetz liegt, warum Substanzbesteuerungen keine Lösung für unsere Haushaltsprobleme sind, was der Gesetzgeber gegen Facebook-Partys unternehmen sollte?

Nein, nichts von alldem. Die mit Volksvertretern besetzte Runde hatte keine brauchbaren Ergebnisse verabschiedet, die Zuschauer hatten, auch wenn sie den FDP-Mann Wolfgang Kubicki mit 42,6 Prozent zum Gewinner wählten, kein Parteiprogramm ratifiziert, und wäre unser Gehirn eine Tortengrafik, dann wären die bunten Proporze darin auch nicht zur absoluten Mehrheit zusammengeschmolzen.

Und doch transportierte Raabs "Absolute Mehrheit" in einer guten Stunde Sendezeit mehr Politik als alle kritisch nachfragenden Günther Jauchs, Anne Wills' und Frank Plasbergs in einer ganzen Woche zusammen. Denn in der Politik geht es nicht darum, die Wahrheit herauszufinden, aus der sich dann das Handeln wie von selbst ergibt. Im Gegenteil: Könnte irgendjemand die Energieproblematik, die Steuergesetzgebung und das Internet endgültig verstehen, dann wäre jede Verhandlung überflüssig. Echte Politik ist immer nur ein Wettkampf der Meinungen – und dass man in diesem Kampf alles sagen darf, wenn man es nur gut sagt, das gehört zu den Spielregeln der Demokratie, seit die ersten Politiker des Abendlands, die Sophisten, auf griechischen Marktplätzen den Beweis führten, dass Schnee schwarz ist.

Sollte Bundestagspräsident Norbert Lammert die Show verfolgt haben, so erteilte Stefan Raab wahrscheinlich innerlich einen Verweis, als dieser dem CDU-Abgeordneten Michael Fuchs zur Eröffnung die Dada-Frage "Herr Fuchs, wer hat die Gans gestohlen?" stellte. Aber genau diese Momente der rhetorischen Verunsicherung, wie sie in den ungelesenen Plenarprotokollen des Bundestags viel häufiger vorkommen als in Talkshows, gehörten zu den besten der Sendung. Von Anfang an herrschte in "Absolute Mehrheit" eine Stimmung der Unberechenbarkeit, nie war klar, ob als nächstes ein Argument oder eine Pointe kam.

Das Abitur am Bonner Aloisiuskolleg gehört zur Legende des Stefan Raab, einer Kunstfigur, die scheinbar seit den frühen Neunzigerjahren in einem Fernsehapparat wohnt und über deren Leben so gut wie nichts bekannt ist. In seinen Shows, von der in der Werbepause beworbenen "TV Total Pokernacht" bis zum "TV Total Turmspringen", kultiviert er die Hobbys eines Sechzehnjährigen, und auch in "Absolute Mehrheit" wirkte er ungelenk und nervös wie ein in den Anzug gesteckter Halbstarker, der gerade noch hinter der Sporthalle gekifft hat.

Doch nie war Stefan Raab so sehr der aufmüpfige Jesuitenschüler wie hier, wo er die rhetorische Bosheit und Schärfe seiner Lehrmeister gegen die protestantische Routine des ewigen Bohrens dicker Bretter richten konnte. Um die hohen Beliebtheitswerte des Linksparteipolitikers Jan van Aken und seines liberalen Gegenparts zu erklären, nahm Raab, ein reichgewordener Held des Unterschichtenfernsehens, eine Doppelrolle ein: "Jetzt bin ich arm, da hilft mir der van Aken, aber ich will ja reich werden, und dann nimmt er mir alles wieder weg. Ich will ja eine Achtzig-Meter-Yacht haben, und die kostet pro laufendem Meter acht Millionen Euro, Herr Kubicki weiß, wovon ich spreche."

Das war eine Aufhebung politischer Widersprüche, von der geübte Dialektiker nur träumen können.

Contra: Galeerensklaven im Trommeltakt

Richard Herzinger glaubt nicht, dass die Sendung Zukunft hat

Dafür, dass das Niveau in den folgenden eineinhalb Stunden der Sendung nicht mehr unterboten werden konnte, sorgte Stefan Raab gleich zu Anfang. Nachdem er Wolfgang Kubicki, Fraktionschef der FDP in Schleswig-Holstein, eine allzu vage Antwort auf die Frage entlockt hatte, ob er denn Philipp Rösler zum FDP-Chef wiederwählen werde, schob Raab ein dummes rassistisches Witzchen hinterher. Er hoffe, dass Rösler, falls er dies beim Essen sehe, "nicht die Stäbchen aus der Hand fallen".

Aus dem Publikum vernahm man zwar ein kurzes Aufstöhnen über diese widerwärtige Anspielung auf die vietnamesische Herkunft Röslers. In der Runde der Diskutanten hatte jedoch keiner entweder das Sensorium oder den Mut, Raab wegen dieser Zote zur Rede zu stellen. Kubicki kicherte in sich hinein, und selbst Linke-Fraktionsvize Jan van Aken, dessen Partei in Sachen Antirassismus sonst immer vorn dabei ist, behielt sein Dauergrinsen im Gesicht.

Denn betont heiter und locker soll es in Stefan Raabs neuem Format "Absolute Mehrheit" auf ProSieben zugehen, in dem der erfolgsverwöhnte Showmoderator auf neue Weise politischen Ernst und flockige Unterhaltung kombinieren und dadurch junge Leute für die Politik begeistern will. Die Diskutanten – in dieser ersten Sendung neben Kubicki und van Aken noch SPD-Innenexperte Thomas Oppermann, CDU-MdB und Mittelständler Michael Fuchs sowie die Jungunternehmerin Verena Delius – sind hier zugleich Kandidaten, deren Debattenleistung per Publikumsvoting bewertet wird. Drei aktuelle Themen werden angesetzt, und im Rundentakt fliegt der Letztplatzierte raus beziehungsweise nein, er darf außer Konkurrenz weiter mitdiskutieren und den Betrieb aufhalten.

Und das war nicht der einzige Ballast, den Raab aus standardmäßigen Polit-Talkshows in sein neues Format hinüberzuschleppen hatte. Die zur Erstsendung geladenen Politprofis spulten ihre Routinenummer ab, so lange unverdrossen vor sich hin zu reden, wie man sie lässt. Weil es bei Raab betont unterhaltsam zugehen soll, täuschten die entlang sattsam bekannter Positionen argumentierenden Diskutantenkandidaten mühsam eine Dauergutelaune vor, als ob es ihnen tatsächlich um Entertainment zu tun gewesen wäre. Ein wenig wirkten sie wie Galeerensträflinge, die wie gewohnt im Takt der Trommel ihre Fronarbeit verrichten, denen man aus Anlass des Karnevals aber ein lustiges Hütchen aufgesetzt und barsch befohlen hat, zum Ruderschlag aus heiterer Seele "Heidewitzka, Herr Kapitän" zu singen.

War Raab anfangs bemüht, seine 08/15-Fragen zu den drei Themenkomplexen Einkommensgerechtigkeit, Energiewende und Anonymität im Internet in pseudofreche Witzigkeit zu verpacken, wurden die Themen bald standardisiert abgearbeitet. Sieger des Abends wurde Kubicki vor van Aken. Beide hatten am flüssigsten, vor allem aber am hastigsten ohne Punkt und Komma geredet. Eine absolute Mehrheit im Voting erreichte der Sieger des Abends jedoch nicht. Nur in diesem Fall aber bekommt der siegreiche Diskutant bei Raab 100.000 Euro Preisgeld. Und so blieb die spannendste Frage des Abends unbeantwortet, nämlich, ob der Gewinner die Penunze beherzt in die eigene Tasche gestopft oder sie – wie eher anzunehmen ist – moralisch korrekt einem wohltätigen Zweck gespendet hätte.

Eine Gefahr für den Fortbestand der Kultur des Abendlandes ging von der Show, die in dieser insgesamt zu schwerfälligen Form kaum eine Zukunft haben dürfte, freilich ganz und gar nicht aus. Sie hat sich eines viel schlimmeren Vergehens schuldig gemacht: der Produktion von noch mehr Langeweile im deutschen Fernsehen.

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