13.11.12

150. Todestag

Was für ein Dickschädel, dieser Uhland!

Intellektuell, redlich – und ziemlich eigenbrötlerisch: Zu Lebzeiten war Ludwig Uhland neben Goethe und Schiller der Dritte im Bunde der Großschriftsteller. Heute ist er fast vergessen – zu Unrecht.

Von Tilman Krause
Foto: picture alliance

Zeitgenössisches Porträt des damals viel bewunderten und heute fast vergessenen Dichters, Politikers und Gelehrten Ludwig Uhland (1787 bis 1862)
Zeitgenössisches Porträt des damals viel bewunderten und heute fast vergessenen Dichters, Politikers und Gelehrten Ludwig Uhland (1787 bis 1862)

Kaum zu glauben, aber wahr: Als Ludwig Uhland am 13. November 1863 mit 75 Jahren starb, galt er den Deutschen als gleichrangig mit Goethe und Schiller. Da waren seine erstmals 1815 erschienenen Gedichte der meistverkaufte Lyrikband des Jahrhunderts. Da wurden Uhland-Eichen und Uhland-Linden gepflanzt, was das Zeug hielt.

Mit Uhland verehrte das deutsche Bürgertum, mehr als selbst mit Goethe und Schiller, die ja noch sehr von Fürstengunst abhängig gewesen waren, seinen Dichter schlechthin: einen Demokraten, der sein Leben lang in Opposition zu den Herrschenden gestanden hatte, einen Mann, der als Schriftsteller, Politiker und Gelehrter unabhängig – will sagen ohne Protektion von oben – seinen Weg zu Ruhm und Ansehen gegangen war. Und heute? Ist er im Grunde vergessen.

Uhland wird nicht mehr gelesen. Er gehört nicht mal mehr zum literarischen Kanon. Man kann von Glück sagen, dass der Buchmarkt wenigstens noch eine Auswahl seiner Gedichte vorrätig hält. Wie konnte es zu einem solchen Absturz kommen? Das 19. Jahrhundert, das ja in den vergangenen Jahren eine so gigantische Aufwertung erfahren hat, ist es uns vielleicht doch noch immer fremd? Oder hat die Vernachlässigung dieses Autors damit zu tun, dass es bei uns, wenn wir in die Vergangenheit blicken, nur zur Wahrnehmung des Blendenden, Glanzvollen reicht, sozial unauffälligere Naturen hingegen weiterhin im Schatten bleiben?

Denn sozial unauffällig war dieser Mann, von dem schon seine Jugendfreunde sagten, er sei alles andere als gewinnend oder attraktiv gewesen. Und schon gar nicht war er das, was heute immer alle sein wollen: weltgewandt. Er wurde vielmehr in Tübingen geboren, das auch damals, 1787, alles andere als ein hot spot war. Er verbrachte die meiste Zeit seines Lebens dort und starb schließlich in der alten Universitätsstadt Württembergs; gemessen in Zahlen zog er vom Geburtshaus an der Neckarhalde bis zum Sterbebett in der vorderen Gartenstraße eine Lebensbahn von circa einem Kilometer.

Schweigsamer Zeitgenosse, genialer Dichter

Ein kurzer Pariser Studienaufenthalt 1810, den er hauptsächlich in Bibliotheken über mittelalterlichen Handschriften zubrachte, hatte keine besonderen Auswirkungen auf seinen Habitus. Und seine Zeit als linker Paulskirchen-Abgeordneter im Jahre 1848 konnte den Sechzigjährigen auch nicht mehr verändern. Man muss ihn sich im gesellschaftlichen Verkehr als reichlich unergiebig vorstellen.

Den Mund machte er nur auf, wenn er wirklich was zu sagen hatte. Im Parlament der Nationalversammlung geschah das ganze fünf Mal. Der spätere republikanische Vorzeige-Politiker Schwabens, Karl Mayer, eines von 93 Patenkindern, welche die Uhlands zu betreuen hatten, saß als Student dreimal die Woche mit ihnen am Mittagstisch; nie habe er sich beim Essen so irrsinnig gelangweilt wie bei diesen Mahlzeiten, denen "Ludwig der Schweiger" präsidierte, hat er später gern erzählt.

Jedoch das Erstaunliche war: Weder Karl Mayer noch irgendjemand sonst aus Uhlands Umkreis nahm ihm das übel. Für sie war und blieb Uhland der Mensch, zu dem sie aufblickten. Was konnte er vorweisen, welches war seine Lebensbilanz, die offenkundig so viel stärker ins Gewicht fiel als Charme, Witz, Eloquenz, gesellschaftliche Umgänglichkeit, worüber dieser Mann nachweislich nicht verfügte?

Nun, da wird man als erstes die Gedichte in Anschlag bringen müssen, die übrigens überwiegend im Lauf nur eines Jahrzehnts, zwischen 1805 und 1815, entstanden sind. Stücke wie "Die linden Lüfte sind erwacht", "Ich hatt' einen Kameraden", "Droben stehet die Kapelle" – sie trafen absolut den Nerv der Zeit. Sie standen in ihrer volksliedhaften Eingängigkeit gut neben "Des Knaben Wunderhorn", an dem sich der Autor stark orientiert hatte. Es war auch viel deutscher Sehnsuchtston, viel Zaudern und Trost, in diesen Versen, viel gebremster Aufbruchswille des halbherzigen "Ich möchte so gern in die Welt hinaus", den Christoph Marthaler in seiner Adaption der "Schönen Müllerin" seinerzeit so kongenial auf die Bühne gebracht hat.

Der strenge Herr Professor

Anders verhielt es sich mit den Balladen. Sie hatten oft eine politische Botschaft. Das im 19. Jahrhundert ungemein beliebte "Des Sängers Fluch" riskierte beispielsweise einen vernichtenden Bannstrahl gegen Herrscherwillkür; am Schluss überantwortet der "Sänger" einen "König" der damnatio memoriae. Sprachlich schepperte allerdings das Blech, das auch Uhlands andere Balladen heute manchmal schwer genießbar macht. Trotzdem: Hätten Uhlands Zeitgenossen gesprochen wie wir – zu "Des Sängers Fluch" hätten sie sie "echt cool" gesagt.

Noch viel cooler war allerdings, zumindest von heute betrachtet, dass Uhland auf Politik umsattelte, als er ausgeschrieben war. Anders als seine Kollegen in späteren Zeiten, nervte er nicht mit immer dünneren Aufgüssen seiner frühen Erfolge. Was er als Lyriker zu geben hatte, hatte er im Grunde bis 1819 gegeben.

Dann kam etwas Neues. Er setzte sich, nunmehr Landtagsabgeordneter, für die Pressefreiheit und für die Einschränkung des Militärs ein. Er hielt Reden gegen den Verfassungsbruch des Königs von Hannover von 1837 und gegen die Todesstrafe. Er polemisierte gegen die Denunziationspflicht und plädierte für das Recht auf Parteibildung.

Und er trieb seine Karriere als Wissenschaftler voran. Obwohl von Haus aus Jurist, galt seine Leidenschaft der mittelalterlichen Literatur. Die erste Monografie über einen Dichter aus dieser Zeit verdanken wir ihm; 1822 erschien seine Studie zu Walter von der Vogelweide. In seiner kurzen Zeit als Professor der damals erst im Entstehen begriffenen Germanistik las er fünf Semester lang (von 1829 bis 1832) vor allem über das Nibelungenlied. Gleichzeitig erfand er Seminare für creative writing, von ihm "Stylisticum" ernannt. Im Sinne eines "romantischen Symphilosophierens" ließ er seinen Studenten völlige Freiheit, in welcher Textgattung sie schreiben wollten. Klischees, abgegriffene Formulierungen, schiefe Metaphern ließ der Herr Professor ihnen allerdings nicht durchgehen.

Kein Orden aus der Hand eines Monarchen

1848, als "das Vaterland rief", ließ er die alten Handschriften liegen und stieg erneut in die Arena. Auf der Seite der Linken sitzend, machte er sich für eine "großdeutsche Lösung" unter Einschluss Habsburgs stark – immerhin gehörte jene Wurmlinger Kapelle bei Tübingen, die er im Gedicht unsterblich gemacht hatte, in seiner Kindheit noch zu Vorderösterreich. Nach der Niederschlagung der Revolution marschierte Uhland tapfer weiterhin ins "Rumpfparlament", das 1849 noch kurze Zeit in Stuttgart tagte.

Auch als ihm 1853 vom preußischen König der "Pour le Mérite" angeboten wurde, blieb er fest: Er nehme keinen Orden aus der Hand eines Monarchen, der seinen Parteifreund Jacobi in den Tod geschickt habe, schrieb er in seinem Absagebrief an Alexander von Humboldt, der daraufhin die Welt nicht mehr verstand, die er doch so genau vermessen hatte: aber so viel schwäbische Dickschädeligkeit war ihm einfach noch nicht vorgekommen.

Eine ausgesprochen reizvolle Ausstellung im Tübinger Stadtmuseum zeigt jetzt noch bis in den Januar das Manuskript, auf dem sich Uhland abquält, um Humboldt seine abschlägige Botschaft in gebührender sprachliche Form zu übermitteln. Von Handschriften wimmelt es hier ohnedies; aber anders als bei vielen Literatur-Ausstellungen sind sie überaus aufschlussreich. Nicht nur weil sie (im Fall von Gedicht-Abschriften etwa) Datum und Uhrzeit verzeichnen. Nein, sie dokumentieren auch die absolute Unspontaneität dieses Mannes, der sich selbst dann an den Schreibtisch setzte, wenn er seinem Dienstmädchen eine Gardinenpredigt halten wollte: Alles musste er schriftlich vorformulieren.

Was zählt, ist die Substanz

Auch über den Uhland-Kult des ausgehenden 19. Jahrhunderts erfährt man so manches in dieser Schau, die ganz kolossal von den üppigen Uhland-Beständen im Marbacher Nationalarchiv profitiert: Als Uhland in der Paulskirche einmal einen Antrag stellt, sammelt der Parlamentsdiener sorgfältig die abgegebenen Stimmzettel (überwiegend rote mit einem "Nein") und klebt sie säuberlich in ein eigens dafür angelegtes Buch.

Damit wären wir wieder bei Uhland, der Kultfigur des bürgerlichen Zeitalters. Er wirkte offenbar allein durch das Sachliche. Er lebte – und dies unterscheidet zumindest das 19. Jahrhundert fundamental von uns – in einer Zeit, der es auch nur darauf ankam. Mehr Sein als Schein: auch das war ja seine Parole. Was zählte, war die Substanz, nicht das, was wir heute "die Verkaufe" nennen. Wenn es an Äußerlichkeiten haperte, dann registrierte man das durchaus; allein, es war für die Beurteilung eines Menschen nicht das Ausschlaggebende. Vernachlässigung der Form wurde nicht geahndet.

Davon profitierte dieser ursolide, ehrliche und redliche Intellektuelle. Und eben dies macht ihn uns heute auch suspekt. Die Geschichte ist über seine politischen Forderungen hinweggegangen, denn sie haben sich erfüllt. Die Wissenschaft hat seine mediävistischen Arbeiten überholt. Und seine Lyrik überlebt nur noch in den großartigen Vertonungen von Schubert oder Brahms. Jedoch der intellektuelle Typus, den Uhland verkörperte und dem er wohl vor allem anderen seinen Nimbus verdankte – der gehört am meisten der Vergangenheit an. Mann kann sich drüber streiten: Spricht das nun für oder gegen unsere Zeit?

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