11.11.12

Philip Roth

"Ich will nicht mehr schreiben"

Der Romancier Philip Roth kündigt an, künftig keine Bücher mehr zu verfassen. Er könne dem Geschriebenen nichts Besseres mehr hinzufügen – ein Trick, um das Nobelpreis-Komitee zu beeindrucken?

Von Matthias Heine
Foto: dapd
Der 79 Jahre alte amerikanische Schriftsteller Philip Roth schrieb in einem halben Jahrhundert 20 Romane, als seine Hauptwerke gelten die Romane "Portnoys Beschwerden", „Der menschliche Makel“ und „Nemesis“. Seit Jahren wird er als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.
Der 79 Jahre alte amerikanische Schriftsteller Philip Roth schrieb in einem halben Jahrhundert 20 Romane, als seine Hauptwerke gelten die Romane "Portnoys Beschwerden", "Der menschliche Makel" und "Nemesis". Seit Jahren wird er als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.

Das Pariser Magazin "Les Inrockutibles" ist nicht gerade eine obskure Quelle. Immerhin hat dort Michel Houllebecq geschrieben, bevor er allein von der Schriftstellerei leben konnte. Nicht nur deshalb gilt "Les Inrocks", wie es fast immer der Einfachheit halber genannt wird (der richtige Name ist auch für Franzosen schwer auszusprechen), längst als eines der bedeutendsten Kulturmagazine Europas.

Trotzdem hat es eine Weile gedauert, bis die wichtigste Nachricht, die das Heft im vergangenen Monat produziert hat, sich über die Sprachgrenze der Frankofonie hinaus verbreitet hat.

Erst als salon.com jetzt eine Übersetzung des Interviews mit Philip Roth, das Les Inrocks am 7. Oktober veröffentlicht hatte, publizierte, nahm die Welt zur Kenntnis, dass der wichtigste lebende Schriftsteller der USA nie mehr ein Buch schreiben will.

Roth las alle seine Romane noch einmal

"Um die Wahrheit zu sagen: Ich bin fertig", verriet der Roth seiner Gesprächspartnerin Nelly Kapriélan. Er habe seit drei Jahren kein Buch mehr geschrieben. "Nemesis", das bereits 2010 auf Englisch erschienen ist, werde sein letztes Werk bleiben. Rots amerikanischer Herausgeber Hougthon Mifflin bestätigte gegenüber salon.com, dass die Ankündigung des Autors nicht einer Augenblickslaune folge, sondern der Wahrheit entspreche.

In dem Interview sagte Roth, er habe im Alter von 74 angefangen, alle seine Bücher in chronologischer Reihenfolge noch einmal zu lesen, um zu überprüfen, ob er seine Zeit mit dem Schreiben verschwendet habe. Dabei sei er zu dem Schluss gekommen, dass Besseres nun nicht mehr kommen werde. Er zitiert den Boxer Joe Louis, der am Ende seines Leben gesagt habe: "Ich habe aus dem, was mir gegeben war, das Beste gemacht." Genau das könne er auch von seinem Werk sagen, so Roth.

Danach habe er beschlossen, mit der Literatur aufzuhören. "Ich will nicht mehr schreiben und nicht mehr lesen." Er habe sein ganzes Leben dem Roman gewidmet: "Ich studierte, ich lehrte, ich schrieb und ich las. Fast alles andere kam dabei zu kurz. Genug ist genug. Ich spüre nicht länger den Fanatismus, den ich mein Leben lang gekannt habe."

Jahr um Jahr veröffentlichte er ein Buch

Von Erschlaffung war im Werk von Philip Roth bisher nichts zu bemerken. In der vergangen Dekade hatte er jährlich ein neues Buch vorgelegt. Allerdings waren diese meist recht kurz, sein letzter großer Roman "Der menschliche Makel" erschien bereits im Jahre 2000.

Künstlerisch waren einige der jüngeren Werke umstritten, weil Roth auch im hohen Alter nicht aufhörte, die tragikomischen Elemente der männlichen Sexualität auszuloten – so wie er es bereits 1969 mit "Portnoys Beschwerden" getan hatte, dem Buch, das ihn weltberühmt machte.

Das brachte ihm den Vorwurf ein, Altherrenfantasien zu pflegen – vor allem von Leuten, die diese Bücher nicht gelesen hatten und nicht merkten, dass Roths erotisch aktive oder auch zwangsinaktive Greise ziemlich bedauernswerte und komische Würstchen sind.

Sein allerletztes Buch "Nemesis" war allerdings nicht nur nahezu sexfrei, es gehört auch zum besten, was Roth in den letzten Jahrzehnten geschaffen hat. Mit dieser Geschichte eines jungen jüdischen Sportlehrers, der in den Vierzigerjahren vergeblich versucht, seine Schützlinge vor einer Polioepidemie zu schützen, kehrte der 79-Jährige literarisch in seine Geburtsstadt Newark in New Jersey zurück.

Mit dem Schweigen wachsen die Chancen in Stockholm

Die wahrhaft niederschmetternde Gnadenlosigkeit von "Nemesis" erinnerte an den Fluch eines alten glaubenslosen Propheten. Im Angesicht des Todes – und dort befindet man sich ja wohl Mitte der Siebzigerjahre – verkneift sich Roth jede Sentimentalität und jede Hoffnung, dass irgendein Gott es gut mit uns meinen könnte.

Nun will er es also machen wie Wilhelm Raabe, der elf Jahre vor seinem Tode beschloss, es sei nun genug. Da hatte er 44 Jahre lang Romane veröffentlich, noch nicht annähernd so lange wie Roth, dessen erstes Buch "Goodbye Columbus" 1959 erschien.

Vielleicht ist das ganze allerdings auch nur ein Versuch, das Nobelpreiskomitee auszutricksen. Dort gilt Roth ja seit Jahrzehnten als ein Kandidat – und jedes Jahr zieht man ihm wieder einen anderen vor. Die schwedischen Juroren setzen gerne auf Schriftsteller, die seit Jahrzehnten nichts von Belang mehr geschaffen haben – wie Harold Pinter oder Dario Fo. Mit jedem Jahr des Schweigens wachsen nun also Roths Chancen in Stockholm.

Welche Schlüsse Günter Grass und Martin Walser (beide 85) aus der Weisheit ihres amerikanischen Kollegen ziehen werden, bleibt offen.

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