11.11.12

Leben in der Ukraine

Und warum haust du nicht ab?

Serhij Zhadan ist neben Juri Andruchowytsch der bekannteste Schriftsteller der Ukraine. In seinem neuen Roman "Die Erfindung des Jazz im Donbass" wendet er die Waffen des Punk gegen einen Oligarchen.

Foto: picture alliance / Marko Lipus /

Serhij Zhadan (Jg. 1974), Schriftsteller, Performer, Fußballfan
Serhij Zhadan (Jg. 1974), Schriftsteller, Performer, Fußballfan

Immer fanden sich Gründe zu reisen. Immer wieder bestieg der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan den Zug und fuhr durch den Osten der Ukraine, von Charkiw, wo er heute lebt, nach Starobilsk an den Rand des Donbass, wo er aufwuchs. Er recherchierte, jagte den Dämonen der glücklichen Kindheit nach. 2005 veröffentlichte er "Anarchy in the UKR", Aufzeichnungen, in denen er das Land seiner Jugend so nostalgisch wie literarisch präzise einfing.

Nun hat Zhadan dem Donbass einen Roman gewidmet – und um es vorwegzunehmen: Seine Heimat sollte ihm dankbar sein, auch wenn ihr Eisenerz, ihre Kohleschächte und Abraumhalden in diesem Buch keine Rolle spielen. Der Autor will dem Entschwundenen kein weiteres Denkmal setzen. "Die Erfindung des Jazz im Donbass" ist gerade dadurch so großartig geworden, dass Zhadan sich hütet, den Schutz, welchen die Kindheit bot, billig auszuspielen gegen die Schutzlosigkeit der wuchernden Gegenwart.

Konkurrenz für den Maismogul

Im Mittelpunkt steht der Ich-Erzähler Herman, ein Geschichtsstudent, ein Fremdgewordener, der nie in den Donbass zurückgekehrt wäre, hätte sein Bruder Juri ihm nicht ein "Business" überschrieben und wäre nun spurlos verschwunden. Juri hat eine Tankstelle und Werkstatt geführt, zurückgelassen hat er darin die Buchhalterin Olga und zwei männliche Angestellte.

Das Trio hat allen Grund dazu, dem neuen Chef mit Misstrauen zu begegnen, versteht Herman doch weder etwas von Autos noch hat er die Mittel, gegen das eigentliche Problem vorzugehen – dies ist nämlich die einzige Tankstelle im Donbass, die noch nicht dem Oligarchen und Maismogul Patuschok gehört. Ein Kaufangebot ist gemacht, die Zukunft der Angestellten liegt in Hermans Händen. Alle erwarten, dass er verkauft; niemand erwartet, dass er bleibt.

Die Waffen des Punk

Zhadan hat für einen 1974 geborenen Schriftsteller schon ein beeindruckend umfangreiches Werk vorzuweisen. Weit über die Ukraine hinaus ist er als Lyriker und Performer bekannt, und auch wer seine Prosa kennt, weiß: Sie führt die Waffen des Punk, des Pop und der Poesie immer mit sich, sie kann hart zuschlagen, laut singen und das Leben in schillernden Farben malen.

Da ist es bewundernswert, wie dieser Autor sich auch zügeln kann. Er hat sein Pulver dabei, wird es aber im Roman nicht so bald verschießen. Fernab vom wilden osteuropäischen Treiben sind wir hier gelandet, auf der anderen Seite des Roadmovies, wo beinahe Stillstand herrscht, weshalb auch die Tankstelle eine wunderbare Basisstation abgibt.

Ein Schäferhund am Fahnenmast

Eine ganze Region drumherum scheint Herman verschlossen zu sein. Jede Frau, die er anbaggert, straft ihn mit Verachtung. Auf den Weizenfeldern der Kindheit wächst nur noch Mais. Wenn er an sein Aufwachsen denkt, erinnert er sich an Ansichtskarten von Denkmälern, an propagandistische Bilder, die sich nicht in Bewegung setzen lassen. Und auch die Wirklichkeit stellt bloß fertige Bilder her, setzt unanfechtbare Zeichen: Am Morgen hat die Ölmafia einige Tankwagen abgefackelt, wenig später hängt der Schäferhund am Fahnenmast.

Das Schöne an der Konstellation: Herman hat keine Angst vor seinen neuen Feinden. Schon der Sozialismus hat es ihm gründlich verleidet, nach fremden Regeln zu spielen. Mit jedem Rückschlag wächst Hermans Entschluss, um seine Tankstelle zu kämpfen. Dahinter steht nicht weniger als der erneuerte Kampf um die ukrainische Unabhängigkeit, doch der Autor Zhadan mischt sich nicht ein, es genügt ihm, seinen Herman sprechen und zuhören zu lassen.

Tschechows Olga

Überhaupt sollte Zhadan hierzulande mal eine Dialogwerkstatt anbieten, seine manchmal geradezu mürrischen Figuren üben sich in Zurückhaltung, die Gespräche wirken einfach und echt, doch in ihrer vermeintlichen Alltäglichkeit ist noch jedes Detail dramaturgisch bedeutsam. Juri Durkot und Sabine Stöhr haben das spannungsreich und schön ins Deutsche übersetzt.

Dass Hermans festgefahrene Situation in Fluss gerät, hat er schließlich einer Zigeunerfamilie zu danken. Auf ihre Trauerfeier gerät er eher zufällig, wird vom Pathos überrollt, wenig später ist er auch auf einer Zigeunerhochzeit zu Gast – schon nimmt die Großfamilie den jungen Mann auf wie einen Verwandten. Man verspricht Herman jede Hilfe, die er zukünftig brauche. Auch die Tankstellenbelegschaft gibt ihm Rückhalt, allen voran die Buchhalterin Olga Mihalovna. Sie entpuppt sich ganz als jene widerständische Frau, die unter demselben Namen bereits eine Erzählung von Anton Tschechow geprägt hat.

Hier die Neureichen, da der Fatalismus

Hermans Donbass-Panorama weitet sich so, wie sich im zweiten Teil des Romans die Szenen ausdehnen. Das ist klar und zwingend komponiert. Mit viel Humor und leuchtender Metaphorik erzählt Zhadan, wie sein Held bei Nacht und Nebel in die Schmugglerzüge an der russischen Grenze gerät oder unverhofft eintaucht in ein von der EU überwachtes Zeltlager mongolischer Nomaden.

Aber so bunt und wild es im Detail zugeht, im Roman wie in der gegenwärtigen Ukraine haben wir es weniger mit zahlreichen Parallelgesellschaften zu tun als mit den Blöcken zweier Parteien: Hier die Neureichen, die finden, "dass man nicht trotzig sein darf, wenn einem etwas zu günstigen Konditionen angeboten wird" – dort die fatalistischen Kleinstverdiener, denen das bloße Leben und Weitermachen zum Widerstandskampf werden muss.

"Diese ganze Saubande"

Herman ist unabhängig genug, um die Gewohnheiten seiner Landsleute zu hinterfragen, und er will gar nicht verheimlichen, wem seine Wut gilt: "Warum hinterlassen sie also nur verbrannte Erde? Diese ganze Saubande, die aus ihren Löchern kriecht, die jetzt ihren kleinen Aufstieg erlebt. Die Banker-Meute, Bullen, Businessmeny, junge Anwälte und aussichtsreiche Politiker, Analytiker, Eigentümer, fuck, Kapitalisten – warum benehmen sie sich alle so, als hätte man sie auf Ferien hierher geschickt?"

Doch inmitten der verbrannten Erde gibt es Hoffnung, zumindest für furchtlose Gestalten wie Herman und Olga. So brennt ihre Tankstelle am Ende gar nicht, obwohl der Leser von der ersten Seite an damit gerechnet hat. Der große Showdown scheint auszubleiben, bis im Affekt doch noch ein Mensch einen anderen tötet. Im Affekt?

Zhadans persönliches Business

Das mag der Autor nicht so stehen lassen. Er geht die ganze Lebensmisere eines ewigen Handlangers ab, er tut sein Möglichstes, die seelische Erniedrigung zu erklären, aus der sich dieser Schuss lösen konnte. Zhadan entwickelt einen Schlagabtausch zwischen den beiden Duellanten, von denen nur einer zum Täter wird – vielleicht die schönste Passage dieses grandiosen Buches.

Wann wird es dieses Land endgültig zerreißen, fragt sich der Leser, und: Ist das unser Kapitalismus, oder verstehen sie ihn bloß falsch? Zumindest wird es Opfer geben, solange die Einheimischen rücksichtslos die Grundregeln des menschlichen Zusammenlebens missachten. Serhij Zhadan hat diesbezüglich eine angenehm große Klappe. Er lebt Literatur, dieser Roman ist sein persönliches Business. Der Autor zeigt damit auch, wie in Krisenzeiten zumindest sein Business Verantwortung übernimmt.

Jan Böttcher ist Schriftsteller und Musiker. Zuletzt erschien bei Rowohlt sein Roman "Das Lied vom Tun und Lassen".

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