11.11.12

Buch

Sempé erfand uns die Kindheit, die er selbst nie hatte

Farbe im grauen Menschenmeer: Die Träume des großen Zeichners Sempé sind jetzt in einem prachtvollen Bildband versammelt.

Von Peter Zander
Foto: Verlag

Auf der Suche nach der verlorenen Schulzeit: Eine der vielen Zeichnungen aus dem Sempé-Bildband „Kindheiten“
Auf der Suche nach der verlorenen Schulzeit: Eine der vielen Zeichnungen aus dem Sempé-Bildband "Kindheiten"

Für manchen ist die Kindheit ein Pippi-Langstrumpf-Film. Rote Sommerholzhäuser mit Seen und pausbäckige, sommersprossige Kinder. Für andere ist die Kindheit eine Augsburger Puppenkiste. Mit Plastikfolienmeereswellen und Menschen, die an Rouladenwickelfäden hampeln. Ein Sehnsuchtsort, der uns eine heile Welt vorgaukelt, die es vermutlich schon zur Zeit ihrer Entstehung nie gegeben hat - und die wir doch, als wir noch Kinder waren, für real hielten. Wann immer die alten Sachen im Fernsehen wiederholt werden, werden wir in diese ferne Welt zurückgeworfen.

Für mich ist die Kindheit eine Sempé-Zeichnung. Ein paar Striche, scheinbar schnell hingetuscht, c-förmige Nasen, Knopfaugen, oft ganz schlichte, manchmal aber auch nachkolorierte Bilder. Wenn man zufällig auf eine Illustration stößt, erkennt man sofort, dass es sich um einen Sempé handelt. Auch wenn der Meister nicht zu signieren pflegt.

Es ist dieser feine, scheinbar leichte, niemals böse Humor, der seine Bilder als Sempé-Werke ausweist. Eine Zeit, in der man lachen konnte, Streiche spielen, aber kaum je etwas Böseres wollte. Auch das also ein Sehnsuchtsort, den es vermutlich nie gegeben hat. Und in den wir uns allzu gern zurückwünschen.

Das waren unsere Streiche, waren unsere Lehrer

Das erste Mal mit Sempé, das war, natürlich, "Der kleine Nick". Diese wunderbaren Geschichten um einen kleinen Schüler und seine Klassenkameraden, um die Eltern, die sich immer stritten, ob sie in die Berge oder ans Meer reisen sollten. Der Nick, das war irgendwie auch mein Kamerad, ich drückte mit ihm die Schulbank. Auch wenn ich komischerweise nie in den Geschichten vorkam (oder doch, dann aber als Adalbert, die undankbare Figur mit der Brille). Das waren unsere Streiche, die da gemacht wurden, das waren unsere Lehrer, die sich so albern verhielten. Die Lindgren-Pippi musste weichen, "Der kleine Nick" hatte eine Sonderstellung im Kinderbücherregal.

Das zweite Mal mit Sempé, das war im Französisch-Leistungskurs. Lehrer Schmeja fand das pädagogisch pfiffig, nicht nur den "Nouvel Observateur" auf Französisch zu lesen, sondern auch den "Nick". Jetzt erst lernte ich, dass der kleine Nick eigentlich Nicolas hieß und Franz, der Klassenstärkste, Eudes. Dass die Geschichten gar nicht in Deutschland spielten, sondern in dem Land, das ich als Austauschschüler besuchen sollte. Und vor allem lernte ich jetzt, dass der Mann, der das zeichnete, gar nicht der Mann war, der das schrieb. Aber das alles war hinnehmbar. Denn in einer Zeit, da man längst von alten Kinderbüchern Abstand nahm, immerhin machte man ja Abitur, wurde also erwachsen und gab sich nicht mehr mit Kinderkram ab, wurde petit Nicolas neu entdeckt.

Vergessene und also brandneue Geschichten

Und dann, nachdem Nicks unmittelbare Schulwelt endgültig hinter mir lag, sah ich sie immer wieder, diese Zeichnungen, die mich sofort ins Nick-Universum zurückkatalputierten. Diese Nasen. Diese Augen. Dieser Humor. Und all bekamen denselben verklärten Blick, wenn sie diese Bilder sahen. Sempé war also nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Ja, mehr noch: Dieser Mann beherrschte die Kunst, uns wieder zu Kindern zu machen. Mit wenigen Federstrichen. Dass dann vor sieben Jahren eine wahre Sensation passierte, als auf einem Speicher eine unglaubliche Fülle alter, vergessener und also brandneuer Nick-Geschichten gefunden wurde, das zeigte mir: Die Kindheit ist nicht vorbei. Sie kommt, das ist der Trost, immer zurück.

Jetzt schon wieder. Der Diogenes-Verlag nämlich hat einen riesenformatigen Bildband herausgebracht: "Sempé: Kindheiten" (272 Seiten, 39,90 Euro). Darin sind Zeichnungen und Cartoons vereint, die der Mann über Jahrzehnte über Kinder angefertigt hat - jenseits vom p'tit Nicolas. Wieder sitze ich mit glänzenden Augen davor. Und im Durchblättern verstehe ich endlich: Dieser Mann hat meine Kindheit illustriert. Und bewahrt.

Geige üben im Fußballtrikot

Eines der schönsten Bilder, das seine und meine Ansicht von der Jugend auf den Punkt bringt, findet sich gleich auf Seite 20. Eine Großstadt in Grau, mit Männern, die mit gebeugtem Rücken und Aktentasche zur Arbeit gehen, Frauen, die Einkaufskörbe rollen. Alles grau in grau, alles mit stumpfem Blick. Aber in der Mitte 15 Jungs, die quietschvergnügt Hockey spielen, und das in knalligem Gelb, Rot und einem Schuss Grün und Blau. Richtige Farbkleckse. Die Kinder sind noch fröhlich, jeder Tag ein Universum, das es zu erobern gilt. Sie können noch nicht ahnen, dass sie auch mal zu den Grauen drum herum gehören werden.

Oder dieses Bild: Ein kleiner Junge hockt auf einem Schaukelpferd und blickt nach draußen, auf ein riesiges Reiterstandbild. Oder das: Ein Junge (mit Brille, also ein Adalbert) übt Geigespielen vorm Notenständer, hat aber ein Fußballtrikot an. Keine Frage, was er lieber täte.

Zeichnen als Therapie

Und dann das. Zwischen all diesen herrlichen Zeichnungen findet sich ein sehr langes Interview mit diesem Mann, der Sempé heißt und vor zwei Monaten achtzig wurde. Es dreht sich um seine eigene Kindheit. Und siehe da: Es war keine schöne Kindheit. Jean-Jacques Sempé war ein uneheliches Kind, in den Dreißigerjahren noch ein echtes Stigma. Sein Stiefvater war ein Handlungsreisender, der nicht sehr erfolgreich war und das abends in der Kneipe zu vergessen suchte. Seine Eltern haben sich immerzu gestritten, die Mutter konnte dabei sehr laut werden. Die ganze Nachbarschaft hat das mit angehört, und der kleine Jean-Jacques hat oft das Radio aufgedreht, um es zu übertönen, und hat sich kräftig geschämt. Für seine armen, lauten Eltern, über die alle gelacht haben.

Seine Kindheit, so Sempé, "bestand immer nur aus Prügelei, Streit, Schulden und überhasteten Umzügen". Das Zeichnen, schon früh begonnen, sah er selbst als "eine Art Therapie". Als er anfing, "wollte ich glückliche Menschen zeichnen". Genau so, wie er jetzt, seit er nicht mehr gut zu Fuß ist, gerne Leute zeichne, die springen und hüpfen.

Seine Eltern hatten kurz einen Lebensmittelladen. Es hat, wie so vieles, nicht lang gehalten. Aber als ein Freund von ihm zufällig ein altes Foto von dem Laden sah, wies er Sempé darauf hin: "Weißt du eigentlich, dass all deine Zeichnungen darin enthalten sind?" Er sagte das so dahin, aber Sempé fiel es "wie Schuppen von den Augen". Wie damals, im Leistungskurs, muss ich schlucken. Weil alles ganz anders war, als ich mir das als Kind zusammengereimt habe. Meine Sehnsuchtskindheit ist nicht die des Monsieur Sempé, sie ist immer eine Fantasie gewesen. Wahrscheinlich wirkt sie gerade deshalb bis heute nach.

"Sempé: Kindheiten" (272 Seiten, 39,90 Euro), Diogenes-Verlag

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