09.11.12

Fernsehthriller

Wenn der Rettungssanitäter dreimal abdrückt

Der Polizeithriller kann auch ohne Polizei auskommen: Lars Becker schickt in "Geisterfahrer" einen Notfallmediziner durch einen Alptraum aus Genreparodien. Uwe Ochsenknecht sieht dabei verboten aus.

Von Elmar Krekeler
Foto: ZDF/Hannes Hubach

Tja, was soll man davon halten: Mišel Matičević als smarter Kleinkrimineller Yasser im Kreise der Rettungssanitäter, die in Lars Beckers Thriller auf Abwege und zwischen Mafiosi und korrupte Juristen geraten: Emile (Fahri Yardim, l.) und Freddy (Tobias Moretti)
Tja, was soll man davon halten: Mišel Matičević als smarter Kleinkrimineller Yasser im Kreise der Rettungssanitäter, die in Lars Beckers Thriller auf Abwege und zwischen Mafiosi und korrupte Juristen geraten: Emile (Fahri Yardim, l.) und Freddy (Tobias Moretti)

Es ist wieder ein Fall von Figurenmissbrauch im Fernsehen anzuzeigen. Das Opfer heißt Kowalski. Fast wie der aus Tennessee "Endstation Sehnsucht".

Und das passt sogar. Kowalskis Aufgabe ist es nämlich, sagt sein Kollege Emile Ramzy in "Geisterfahrer", Lars Beckers Noir-Paraphrase für arte mal, "das Blut wegzuwischen".

Emile und Freddy sind Rettungssanitäter in Hamburg. Sie rasen durch Nacht und Stau und Regen. Freddy Kowalski ist 'ne ehrliche Haut. Wenn er hamburgert, was der Österreicher Tobias Moretti leider auf Beckers Anweisung hin und wieder tun muss, könnte man ihn glatt mit Jan Fedder verwechseln.

Blutig ist die Geschichte und blutleer

Sein Problem ist nur, dass er in einer der blutleersten Geschichten feststeckt, in der jemals literweise Blut vergossen wurde. Und das einzig wirklich Lebendige (abgesehen von Emile, der am Ende leider sehr tot ist), ist er selbst.

Freddy Kowalski stolpert meistens stumm – das Reden ist ihm nicht so gegeben – als Geisterfahrer, als schicksalloser, beziehungsloser Plumpsack im Kreis von mehr oder weniger lustigen Untoten des Genrefilms herum.

Wie das kam, wie Freddy Kowalski da hineingeraten ist, lässt sich erklären. Zum einen ist Freddy Geisterfahrer in diesem schrägen Alptraum, weil Lars Becker es so wollte.

Was Tukur kann, kann Moretti schon lange

Der wollte endlich mal eine richtig krachende Halbparodie schreiben und inszenieren. Das ist inzwischen ja selbst im "Tatort" möglich, wo Ulrich Tukur mit seinem Tumor tanzt.

Becker hat sich einen nicht ganz schlechten Namen damit gemacht hat, dass er fabelhaft geschnittene, chromblitzende, bis in die Nebenrollen grandios besetzte Polizeithriller gedreht hat. Gern in Hamburg. "Nachtschicht" hießen die.

Und wenn sie gut waren, brauchten sie sich nicht zu verstecken hinter amerikanischen Vorbildern. Lars Becker ist für den Norden gewissermaßen ungefähr, was Dominik Graf für den Süden ist.

Lars Becker strapaziert die Grenzen des Genres

Ein Genretrainer, einer der ständig ausprobiert, was man aus dem nur in Deutschland mürben Format Polizeikrimi noch alles machen kann, wie man es bis zum Zerreißen dehnen kann. Das hat er in "Geisterfahrer" nun auch gemacht.

Wobei ihm allerdings diesmal der schöne Genreballon anscheinend irgendwann beim Dehnen und Aufpumpen des Plots um die Ohren geflogen ist. Was man nun sieht, sind die mühsam zusammengeleimten Reste – Skizzen, Szenen, Bilder – einer möglicherweise gar nicht so enttäuschenden Geschichte.

Und in die kommt Freddy Kowalski hinein wie das Kind in die Jungfrau: In Genua treffen sich ein italienischer Mafioso und ein deutscher Waffenhändler.

Uwe Ochsenknecht trägt schreckliches Haarteil

Der Mafioso heißt Gino Pozzo, und er bewegt sich so cool und so geziert (gern zum Münzfernsprecher mit Fluppe im Mundwinkel), als habe man Michele Oliveri, der ihn spielt, eine Überdosis Mafia-Filme injiziert.

Ihm gegenüber im Café sitzt Uwe Ochsenknecht, der Otto Schlesinger heißt, aussieht wie Robert Geiss in den "Geissens" und eine absolut albtraumauslösende Perücke tragen muss – ein Haarteil, gegen das Ochsenknecht, für den man sich in einem fort fremdschämen möchte, gar nicht erst anzuspielen versucht.

Die beiden treffen sich also, es geht um Waffen für den Kongo, sie faseln Waffenhändlerlatein, das unfassbar knallchargig klingt. Ein V-Mann des BKA sitzt dabei, wird enttarnt und von Pozzo umgepustet auf offener Straße.

Und ein talentfreies Blödchen ist auch dabei

Lola, Ottos blondes Blödchen von Frau (Julia Dietze macht perfekt auf talentfrei, ob mit Absicht weiß man aber nicht), sieht alles, entwendet die Tasche, flieht aus der Sonne Genuas in den Hamburger Dauerregen und trifft in einer Bohemekneipe einen Generalstaatsanwalt (Fritz Karl).

Ein arrogantes Arschloch (Freddys Worte), der in seiner Dreiteiler-Rüstung selbstredend gar nicht auffällt unter den Hipsters. Sie will Geld und Pass (warum alle in diesem Film nach Brasilien wollen, ist ein großes Rätsel), er will Informationen.

Sie übergibt ihm den Schließfachschlüssel für ihr Gepäck, er liegt keine fünf Minuten später aus mehreren Einschusslöchern blutend in Freddys Rettungswagen, und Freddy hat den Schließfachschlüssel. Der Rettungshelfer und Tatort-Reiniger wird zum Gejagten.

Als Parodie ist es manchmal lustig

Und das hat durchaus Momente. Mit welcher Chuzpe Becker den beinahe kompletten Polizeiapparat auslässt und seine Schauermär von der Verderbtheit des Justizapparats nur zwischen der Generalstaatsanwaltschaft und Mafiosi austragen lässt.

Die herrlichen Szenen auf leeren Parkdecks. Dass Hamburg tatsächlich aussehen kann wie die Bronx vor Jahrzehnten. Mišel Matičevićs grandiose fünf Minuten als kleinkrimineller Ehegattenschläger.

Eine Sozialstudie sollte natürlich niemand erwarten. Mit dem wahren Leben, der wirklichen Wirklichkeit will dieser pastose Polizeithriller ohne Polizei nichts zu schaffen haben. Und nichts mit richtigen Menschen. Becker interessiert sich einen Dreck für die Leute, für ihre Milieus.

Fernsehpreisverleihungen sind auch nicht toter

Er nutzt die Seelensilos als Catwalks für hochmögende Knallchargen. Und die Geschichte, in der Tobias Moretti möglicherweise deswegen so traurig herumstolpert, weil er sich einsam und verlassen nach auch nur einer anderen menschlichen Figur sehnt, dient als Fundament für ein Pastiche von Genrezitaten und -parodien.

Wer's mag, hat Spaß. Wer nicht, sieht eine Show, die zwar so gut besetzt ist wie eine halbe "Goldene Kamera"-Verleihung, aber doppelt so tot aussieht.

Am Ende möchte man Freddy trösten, als er endlich zur Waffe greift und um sich und auf die vermeintlich Schuldigen an seinem aus der Bahn geratenen Lebens schießt. Möchte ihm zuflüstern, dass er gerade vielleicht die Falschen umnietet und ihn diskret an Lars Becker.

"Geisterfahrer", Arte, 9. November, 20.15 Uhr

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