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04.06.09

Berlin-Konzert

Madness - die netteste Ska-Band der Welt

Drei Jahrzehnte nach der Gründung und zehn Jahre nach dem letzten Album sind die Ska-Veteranen von Madness wieder da. Mit ihrem neuen Album "The Liberty Of Norton Folgate" besingen sie ihre Heimatstadt London. Am Freitag treten sie in der Zitadelle Spandau auf.

© Lucky 7 Records
Madness (v.l.): Suggs, Chas Smyth, Bedders, Kix, Barso, Chrissie Boy und Woody
Madness (v.l.): Suggs, Chas Smyth, Bedders, Kix, Barso, Chrissie Boy und Woody

Man sollte London-Reisende auf ihren Spuren wandeln lassen. Madness stehen für die Stadt der letzten 30 Jahre wie Charles Dickens für die Stadt die viktorianischen Verheißungen. Im "Dublin Castle", einem Pub in London NW1, trat das Septett, gebucht als Jazzband, 1979 erstmals auf. Es gibt den Griechen noch, wo sie bei 2 Tone Records unterschrieben. Ihre Anzüge wurden bei Alfred Kemp & Son geschneidert. Die Kostüme stammten von Berman's & Nathan's, heute Angels Fancy Dress im Westend. Auch der Drehort für das Video zu "House Of Fun", der Scherzartikel-Laden, hat die Jahre überdauert. Selbst das Arlington House für obdachlose Arbeiter, besungen in "One Better Day". In Camden sind sogar noch Plattenläden zu bestaunen. Madness fingen musikalisch keineswegs bei Null an.

Drei Jahrzehnte nach der Gründung und zehn Jahre nach dem letzten Album "Wonderful" sind Madness wieder da. Ihr Jubiläumsalbum heißt "The Liberty Of Norton Folgate". Selbstverständlich handelt es von London. Allerdings ist es so stark von Ortsmarken durchsetzt, dass London nicht mehr als Kulisse dient für schwangere Kinder und Kleinkriminelle. Heute sind die Bingo-Spieler die Statisten. Heute ändern sich die Menschen langsamer als ihre Städte.

Mehr Chart-Hits als die Beatles

Madness selbst sind Veteranen, Überlebende der letzten Subkulturen-Kriege. Ehemalige Hooligans und Skinheads, die sich in den späten Siebzigern wieder der Hausmusik entsannen: Nachfahren von irischen Fabrikarbeitern pflegten Volkslieder. Die Mutter des Sängers Graham "Suggs" McPherson sang in Bars in Soho. Daniel "Woody" Woodgate ging aus einer Dirigenten-Dynastie hervor. Mike "Barso" Barson wurde am Klavier als Wunderkind gehandelt. Barso: "Ich mag es, wenn jemand weiß, was er tut. Deshalb mochte ich Punk nie. Allenfalls als Geste, nicht als Musik."

Am Anfang geisterte ein Teil der späteren Band als North London Invaders durch die Camdener Szene. Vollzählig verständigten sie sich auf Madness. "Madness" hieß ein Stück des Ska-Sängers Prince Buster aus Jamaika. Reggae hörte alle Welt, seinem Geburtshelfer, dem hupenden Ska, haftete noch das Rüde an. Prince Buster hatte sich vom Amateurboxer und Türsteher zum Leibwächter des Reggae-Paten Coxsone Dodd emporgearbeitet. Mit "Al Capone" brach der Rüpel 1967 plötzlich singend in die Hitparaden ein. Zwölf Jahre später debütierten Madness mit "The Prince" bei 2 Tone. Von der Hausmarke der Ska-Politiker The Specials wechselten sie zu Stiff Records. Deren Chef, Dave Robinson, ermunterte sie zum Klamauk. "One Step Beyond" erschien, als abermalige Verneigung vor Prince Buster. Cathal "Chas Smash" Smyth rief ihren "Heavy monster sound" aus. Anschließend brachte das siebenköpfige Monster alle 20 Singles auf den 20 vorderen Chart-Plätzen der Insel unter. Das blieb außer Madness niemandem vergönnt, auch nicht den Beatles.

Bereits 1986 löste sich die Big Band auf. Es gab als kurzlebige Ableger The Madness und The Nutty Boys. Die Mitglieder verschwanden in verschiedenen Pop- und Jazzprojekten, lehrten an Musikschulen, eröffneten Geschäfte aller Art oder versuchten, Kinder aufzuziehen. 1992 kam es zum Comeback für zwei Konzerte im Finsbury Park, ein Festival unter dem Namen "Madstock". 72.000 wohnten einer triumphalen Wiederauferstehung bei. Im Vorprogramm sang Morrissey. Weil Ska und Heimatliebe nicht nur Skins begeisterten, sondern auch Kahlköpfe der National Front, hängte sich Morrissey die Flagge Großbritanniens um und sang ein Schmählied gegen Nazis. Es gab Missverständnisse. Seither kämpft Morrissey gegen den hässlichen Verdacht, das alte, weiße Königreich zu propagieren. Pop allein schärft eben nicht das Denken. Pop allein kann Menschenmassen auch verblöden.

Tief in der Geschichte Londons

Madness fanden es schon immer albern, sich für zweifelhafte Gäste zu entschuldigen. "Wir sind auf keine Art politisch und mit Sicherheit keine beknackten Faschisten", schimpfte Suggs zum ersten und zum letzten Mal vor 30 Jahren einem Journalisten in den Block. "Wir haben keinen Debattierclub gegründet, nur eine verdammte Band." Dass Botschaften von Musikern vertrauensbildender wirken als politische Debatten, wird auch Suggs inzwischen unterschreiben. Dass sich Pop gern unverhofft politisch auflädt, ebenfalls. Bei Madness führte die Erfahrung 1982 zum ernsthaften Konzeptalbum "The Rise And Fall" über die Kindheit in der englischen Klassengesellschaft. "Wir waren es leid, mit roten Nasen durch die Weltgeschichte zu laufen", erinnert sich Barso. Der Pianist war da bereits des Ruhmes müde, zog nach Amsterdam aufs Hausboot und trat zum Buddhismus über.

Heute sind sie wieder ganz bei sich. Die netteste Ska-Band der Welt, bei der sich in Konzerten alles miteinander mischt. Fred-Perry-Polo, Leder und fair gehandelte Baumwolle. Madness geben sich mit ihrem Album "The Liberty Of Norton Folgate" alle Mühe und gewinnen auch dem heutigen London einiges ab. Es fängt versöhnlich an mit Balkanbläsern, die der Westen gerade wie ein stolzer Adoptivvater in seinen Clubs herumzeigt. Sie spielen eine "Clerkenwell Polka". Aber London wirkt nun mal in manchen Vierteln wie eine Enklave Osteuropas. Indisches klingt an, das koloniale Erbe Afrikas. Das windschiefe Klavier der Music Hall verortet Madness, rückwärts über Ska und Slapstick, tief in der Geschichte Londons.

"Wir kamen uns schon immer alt vor", sagt Suggs. "Wir haben über Familie, Freundschaft und Früher gesungen, während andere den Lifestyle der New Romantic gepflegt und dekadent-hedonistisch musiziert haben. Ich bin kein Nostalgiker. Ich bin Optimist. London wird schicker und schicker. Aber eine Schwierigkeit haben wir Londoner: Der Ort, an dem wir aufgewachsen sind, verwandelt sich vor unseren Augen, und ich kann verstehen, warum das nicht für jeden immer nachvollziehbar ist. Davon handelt unsere Platte."

Wären Madness alt gewordene Hippies oder Punks, der Jammer wäre groß. Sie singen aber lieber Shantys und betrachten den Verlust der Heimat sportlich. Norton Folgate ist ja auch noch irgendwie vorhanden. Eine Gegend, nördlich des Finanzdistrikts, die sich als Standort des Marienhospitals im Mittelalter selbst verwalten durfte. Künftig wird der Name Norton Folgate jedoch untrennbar verbunden sein mit Madness, Londons sehenswertester Kapelle.

Freitag, den 5.6. in der Zitadelle Spandau, ab 19 Uhr.

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