Gedopter Dominator
Armstrong, Herkules und der Mythos vom Blutdoping
Nach dem Willen des Radsportverbands soll der siebenmalige Champion Lance Armstrong als Betrüger aus den Annalen der Tour getilgt werden. Warum wir uns trotzdem immer an ihn erinnern werden.
Die ganzen Radsportfunktionäre, die Leute von der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada und vom Weltverband UCI, sie alle tun zur Zeit ihr Möglichstes, Lance Armstrong vom Sockel zu stoßen, ihn zum Mann und seinen Mythos vergessen zu machen.
Aber weil das so einfach nicht geht, auch nicht in unseren vermeintlich aufgeklärten Zeiten, holen sie die erprobtesten Verfemungsmethoden aus der Mottenkiste der Antike: zum Beispiel die Damnatio memoriae, die "Verdammung des Andenkens".
Todesstrafe für Verfemte
Die Namen besonders verachteter und verhasster Menschen wurden aus den Annalen getilgt, Inschriften zerkratzt, den Namen zu erwähnen, stand unter Strafe, zum Teil – wie im Fall des griechischen Schäfers Herostratos, der, weil er für alle Zeiten berühmt werden wollte, in Ephesos den Tempel der Artemis anzündete und damit eins der sieben antiken Weltwunder zerstörte – unter Todesstrafe.
"Er hat es verdient, vergessen zu werden", wird UCI-Präsident Pat McQuaid nun zitiert, manchmal verschärft: "Der Radsport muss Armstrong vergessen". Wie hat er es denn nun gesagt? Egal, die wichtigere Lektion ist: Auch unsere atemlose Gegenwart hat ihre abweichenden Überlieferungen, und so gewissensleicht sie sich dünken mag, trägt sie, wie die Radsportler ihre Epopackungen, ihre, nein: unsere Mythen im Gepäck.
Wenn die UCI jetzt eilig das Blut abwaschen will, mit dem Lance Armstrong gedopt hat, ähnelt sie Lady Macbeth, die weiß, dass es auch an ihren eigenen Händen klebt. "Er, dessen Name nicht genannt werden darf" geisterte bis vor kurzem durch Bestsellerlisten und Kinosäle. Lord Voldemort – auch mal ein viel-, nein allesversprechender Harry Potter, bevor er auf die schiefe Bahn geriet wie auf eine illegale Abkürzung ins Ziel – ist trotz oder gerade aufgrund seiner Verfemung in aller Gedächtnis. (Seien wir übrigens ehrlich: Selbst die guten Zauberer zaubern. Ist das etwa kein Doping?)
Die Chemo verbrannte ihm von Innen die Haut
So ist es jedenfalls mit dem Vergessensbann: Er verspricht ewigen, wenn auch vergifteten, Ruhm. Das galt für Herostratos, und man muss kein Augur sein, um zu ahnen, dass es auch für Lance Armstrong gelten wird. Seine ganze Geschichte ist einfach zu stark, zu mythisch. Und das ist die Pointe, wie man sehen wird: in letzter Instanz beziehungsweise auf der letzten Etappe eben nicht trotz, sondern wegen seines Dopens.
Lassen wir es für den Moment mit der Gegenwart und dem Vergessen und erinnern uns: An den Wunderknaben Armstrong, der den Krebs besiegte, der ihm aus dem Hoden zu Kopf gestiegen war, und der nur Monate nach der letzten Chemotherapie, die ihm, wie oft beschrieben wurde, von Innen die Haut verbrannte, die erste Tour gewann und dann noch sechs in Folge, von 1999 bis 2005, Weltrekord. Miguel Indurain, genannt die Sphinx, der bis dato wohl körperlich fitteste und mental stärkste Athlet, hatte es nur auf fünf Siege hintereinander gebracht.
Wie viele Sommer saßen die Muggles vorm Fernseher und bestaunten diesen Magier, der, während Jan Ullrich mit hochrotem Kopf und heraushängender Zunge am Berg zu stehen schien, an ihm vorbeiflog, im aufrechten, schnellen Wiegetritt, mit schier übermenschlicher Kraft.
Wir hatten es, wenn wir den Witz mal machen dürfen, ja immer im Urin gehabt: Irgendwas an Armstrong war getürkt – was ja selbst ein Ausdruck ist, der sich einem kleinen Mann in der Maschine verdankt, der die Ergebnisse verbesserte, einem Liliputaner in einem Schachautomat, der das Europa des 18. Jahrhunderts täuschte.
Er hätte Wolf samt sieben Geißlein weggeblasen
Doch sei's drum: Lance Armstrong war eine Art Übermensch, ein verloren geglaubter Held der Antike, der zufällig in der Gegenwart aufgetaucht war. Zu seinen Spitzenzeiten hatte er einen Ruhepuls von 32 Schlägen in der Minute und ein Maximum bei 201. Sein Herz war so groß wie das eines Ochsen, und mit seiner Lungenkapazität hätte er die sieben Geißlein samt bösem Wolf weggeblasen.
Sagten wir Held? Passender noch wäre Halbgott, wie Herkules, der zwar kein Fahrrad fuhr, aber als Wagenlenker, Bogenschütze, Fechter, Boxer und Ringer auch nicht gerade unsportlich war. Sein Vater war Zeus, der auf einem Berg der ersten Kategorie lebte und sich von Nektar und Ambrosia ernährte, einer zeitgenössischen Form von Amphetaminen.
Zu Herkules' legendären zwölf Prüfungen gehörte das Pflücken der goldenen Äpfel der Hesperiden, was ihm, wie so oft, durch eine List gelang, indem er sie die echte Arbeit von jemand Anderem erledigen ließ. Um die Früchte der List einzuheimsen, musste er dennoch zu den sogenannten "Säulen des Herakles" auf Gibraltar hinaufklettern, wie man ja auch im Radsport sagt. Dessen Säulenheiliger zu werden, gebührt Herkules unbedingt.
Auch Herkules ging am Blutdoping zugrunde
Ach ja, die versprochene letzte Pointe, vor dem Ende dieses Textes und dem Ende des Radsports insgesamt, denn wem will man jetzt noch einen Preis geben und wen will man nicht vergessen in dieser Geschichte, aus der der Alkohol, das Kokain, das Speed, das Kortison und das Epo nur so quillen, von den ersten Tagen bis heute, wie alle, wirklich alle bestätigen – also, zuguterletzt, die Pointe: Der Halbgott Herkules starb durch eine besonders perfide Form des Blutdopings.
Ein Zentaur, halb Mensch, halb Fahrrad, hatte, tödlich getroffen, Herkules' Frau eingeflüstert, wenn sie das Hemd ihres Mannes mit seinem, des Zentauren, Blut tränke, sähe Herkules nie wieder eine andere Frau an. Jahre später tat sie, wie geheißen. Das Hemd brannte sich in Herkules' Haut ein wie bei Lance Armstrong die Chemotherapie. Darauf beging Herkules Selbstmord.
Der Mythos wird nur immer neu geschrieben. Er endet nicht und wird auch nicht vergessen.















