Frankfurter Buchmesse
Kampf gegen die Windmühlen des Buchmarkts
Christian Schreiber hat einen Fantasyroman geschrieben und will ihn groß rausbringen. Als Eigenverleger reist er mit dem druckfertigen Manuskript nach Frankfurt. Eine Don-Quixoterie auf der Buchmesse.
Dies könnte eine Don Quijote-Geschichte werden. Über ein skurriles, hageres Männchen, dem man belustigt dabei zusieht, wie es sich zurecht zu finden versucht in einer Welt, der mit seinen Idealen nicht beizukommen ist. Ein Kampf gegen die Windmühlen des Buchmarktes.
Christian Alexander Schreiber hat ein Buch geschrieben. Einen Fantasy-Jugendroman, 450 Seiten stark. Athaerland. Magie des Blutmondes. Und C. A. Schreiber will veröffentlicht werden. Deswegen ist er nach Frankfurt zur Buchmesse gefahren. Der 35-Jährige ist in Venezuela aufgewachsen. In einer kleinen deutschen Enklave. Erst nach dem Abitur kam er nach Deutschland und lebt heute in Darmstadt. Man hört das, wenn er spricht, mit einem leichten S-Fehler und den fremd klingenden Satzbetonungen. Die E-Mails, die er schickt, lassen die Legasthenie erahnen, die im Grundschulalter bei ihm diagnostiziert wurde. Seine Hobbys: Rollenspiele und der Kampf mit dem Langschwert.
Gute Voraussetzungen also für einen Ritter von La Mancha, stünde da ein altes kleines Männlein. Stattdessen: Zwei Meter, geschätzte 100 Kilo und ein Jungengesicht, das mit der zugehörigen Igelfrisur auch einem Vierzehnjährigen gehören könnte, wären da nicht die grauen Haare an den Schläfen.
Unveröffentlichte Autoren werden freundlich abgewiesen
Er ist also nach Frankfurt gefahren. Aber nicht, um einen Verlag zu finden. Er weiß, dass das hoffnungslos wäre. Die Buchmesse ist keine Rekrutierungsveranstaltung für junge Talente. Die ausstellenden Verlage weisen unveröffentlichte Autoren, die ihr Manuskript gerne einem Lektor in die Hand drücken wollen, freundlich ab. Christian Schreiber zäumt sein Pferd von hinten auf. Anstatt sich einen Verlag zu suchen, gründete er vor zwei Jahren seinen eigenen. Ein Weg, den immer mehr Nachwuchsautoren gehen. Gründe gibt es genug: Sie finden keinen Verlag, fürchten um ihre Unabhängigkeit, wollen eigene Vorstellungen zur Gestaltung ihres Buches durchsetzen oder sie versprechen sich davon einen höheren Gewinn.
So steht Christian Schreiber an diesem Morgen in Frankfurt am Eingang der größten Buchmesse der Welt. Die Massen strömen links und rechts an ihm vorbei – Verleger, Buchhändler, Journalisten, Autoren. Er selbst kommt nicht rein. Sein Onlineticket ist ungültig, die Abbuchung geplatzt. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn und die Demütigung ist ihm anzusehen. "Das fühlt sich so an, als würden die sagen: Du schaffst das nicht!", sagt er. "Es ist ein Kampf."
Die, das sind die anderen, die den Markt regieren. Zur Verlagsgruppe Randomhouse etwa gehören 47 Verlage. Der Konzern war mit rund 400 Mitarbeitern in Frankfurt vertreten. Es ist schwer, sich gegen solche Riesen durchzusetzen. Vor allem als Ein-Mann-Betrieb.
Jungverleger mit Goldstift und Krawattennadel
Die wirklich wichtigen Termine werden bei so einer Messe schon Monate im Voraus vereinbart. Die Lizenzabteilung eines Verlags führt an ihrem Stand im 15-Minuten-Takt Gespräche mit Interessenten aus dem Ausland, die gerne Titel für ihren Verlag einkaufen wollen. In Halle 6 befindet sich, streng abgeriegelt von der Außenwelt, das "Literary Agents and Scouts Center". Es ist das größte Rechtezentrum der Welt. Literaturagenten und Scouts laden Lektoren, Redakteure, Autoren, Marketing-Mitarbeiter und Filmproduzenten an ihre Tische.
Die Idee zu mancher Romanverfilmung und manchem Stofftier zum Kinderbuch hat hier ihren Ursprung. Pressesprecher vermarkten die Autoren ihrer Verlage für die Medien und treffen sich mit einigen der 9.000 anwesenden Journalisten, um exklusive Storys und Interviews zu platzieren. Vertriebler setzen sich mit Buchhändlern und Zwischenhändlern zusammen, Veranstalter mit all jenen, die Lesungen, Literaturfestivals und andere Events organisieren.
Christian Schreiber muss all diese Arbeit allein machen. Glücklicherweise hat er keine Hemmungen, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. "Cool!" sagt er und winkt triumphierend mit der Freikarte, die ihm eine der bordeauxfarben gekleideten Messedamen nach einigem Hin und Her in die Hand gedrückt hat. Schwer zu sagen, ob aus Sympathie oder um den hartnäckigen Kerl loszuwerden. Mit der gleichen Hartnäckigkeit und einer Stunde Verspätung startet er jetzt frischen Muts zu seiner Mission.
Die Nadelstreifenhose ist gebügelt, die Krawattennadel sorgt für Ordnung, in der Hemdtasche steckt ein goldener Stift. Er trägt braune Lederschuhe. Auf dem umgeklappten Kragen seiner Highshool-Weste steht in Großbuchstaben "Challenge".
Betriebsberatung beim Börsenverein
Schreiber will die Buchbranche verstehen. Er hat sich schon viel Mühe gegeben, Informationen zu sammeln. Während der drei Jahre, die er an Athaerland schrieb, hat er einen Businessplan erstellt, Gründerzuschuss beantragt und erhalten und schließlich den Verlag Athaerland-Media als Hauptgewerbe beim Gewerbeamt registriert. Er präsentiert das alles stolz: das druckfertige Manuskript mit selbst gestaltetem Layout, den Auszug aus dem Gewerbeverzeichnis. Steckt alles griffbereit in seiner Aktentasche. Wenn er merkt, dass der Gesprächspartner langsam das Interesse verliert, beendet er seine Sätze mit "und und und."
Ein guter Ansprechpartner für Unternehmer wie Christian Schreiber ist der größte Branchenverband, der Börsenverein des deutschen Buchhandels. Hier wird Lobbyarbeit gemacht und immer mehr Leute wie Schreiber werden Mitglied. Es ist eine kleine Branche, aber eine sehr durchorganisierte. Immerhin 9,6 Milliarden Euro Umsatz wurden im letzten Jahr gemacht. Die Wege, auf denen dieses Geld erwirtschaftet wird, sind geebnet. Man kennt sich untereinander. Kleine Verlage haben es schwer, Fuß zu fassen.
Schreiber hat einen Termin zur Betriebsberatung. Jochen Wörner nickt bedächtig, als der junge Mann ihm selbstbewusst sein Vorhaben auseinandersetzt. Wörner ist ein alter Hase in der Branche. Der gelernte Buchhändler hat früher bei verschiedenen deutschen Verlagen gearbeitet. Heute berät er sie. Schreiber legt sein Manuskript auf den Tisch und fragt: "Was ist jetzt der beste Weg, dass das Buch an den Kunden kommt?"
Den Zwischenhandel umgehen
Der etablierte Buchmarkt funktioniert normalerweise so: Die Verlage müssen zunächst bei den Buchhändlern eine Nachfrage erzeugen. Jeweils im Frühjahr und im Herbst läuft das Marketing für die neuen Titel an. Ein Verlag trommelt seine Vertreter zusammen. Meist Freiberufler, die in klassischer Manier durch die Lande ziehen und zum Erscheinungstermin eines neuen Titels dafür sorgen, dass die Buchhändler ihn bestellen und besten Falls auch günstig in ihren Schaufenstern positionieren.
Die Bestellung läuft nicht direkt über die Verlage. Ist eine erste Auflage gedruckt, müssen die Kartons voller Bücher irgendwo untergebracht und bei eingehenden Bestellungen verschickt werden. Das übernehmen Großhändler wie libri oder KNV. Die großen Verlage haben gute Konditionen ausgehandelt. Bleibt ein Buch erfolglos und verstaubt im Lager liegen, können sie dieses Risiko durch erfolgreiche Titel ausgleichen. An dieser Windmühle scheitern viele Selbstverleger.
Doch der Markt wandelt sich gerade, das alte Muster wird zunehmend in Frage gestellt. Seit es die Möglichkeit gibt, Bücher genau entsprechend der Nachfrage zu drucken, können Autoren wie Christian Schreiber den Zwischenhandel umgehen und ihr Buch selbst vertreiben. Als Verleger kann er sein Buch ins Verzeichnis lieferbarer Bücher eintragen lassen. Fragt ein Kunde beim Buchhändler danach, recherchiert der in diesem Verzeichnis und erfährt dort, wo er das Buch bestellen kann. Geht bei Christian Schreiber dann eine Bestellung ein, veranlasst er den Druck und anschließenden Versand. Das "Book on demand"-Prinzip.
In der Freizeit kämpft er als Ritter mit dem Langschwert
Selbstverleger minimieren damit ihr Risiko und ihre Kosten. Das ist noch keine echte Bedrohung für Zwischenhändler und große Verlage – auch, weil es bislang nur wenige Anbieter gibt. Doch das Interesse ist groß. Zwischen den geebneten Wegen des etablierten Buchmarkts bilden sich kleine Trampelpfade.
Wörner, der Berater, erinnert: "Sie müssen Nachfrage erzeugen!" Manche Buchhandlungen bestellen ausschließlich über den Großhandel. Erst wenn für dieses Problem eine Lösung gefunden ist, wird sich der Buchmarkt zu Gunsten der Don Quijotes verändern. Bis dahin bleibt es ein Kampf um die Aufmerksamkeit.
Christian Schreiber ist gut gerüstet. Er kennt sie ja, seine Zielgruppe. Wenn er nicht den Buchmarkt erkundet, treibt er sich auf Rollenspiel-Conventions rum, einer Art analogen Computerspiel-Party mit echten Menschen. Oder er kämpft in Burgruinen im Rittergewand mit dem Langschwert gegen Gleichgesinnte. Wer diesen Hobbys nachgeht, liest auch Fantasyromane. "Läuft doch positiv," sagt er strahlend, nachdem Herr Wörner ihn verabschiedet hat. Es ist noch viel zu tun in diesem Undundund-Leben.















